Speyer
Speyer: Die Linke will den Klimanotstand ausrufen
Die Partei Die Linke beantragt, dass der Stadtrat den „Klimanotstand“ ausruft, um die Erderwärmung zu bremsen. Die Stadtverwaltung betont große Bemühungen um den Klimaschutz, sieht allerdings weiteren Handlungsbedarf. Über Extremwetter in Speyer diskutiert wurde schon vor 1000 Jahren.
„Der Mensch hat einen Klimawandel mit irreversiblen Folgen verursacht, welche weltweit zu spüren sind.“ Für Wolfgang Förster, Fraktionsvorsitzender der Linken im Speyerer Stadtrat, ist das eine der Ursachen für deren Antrag. Wenn in der Ratssitzung am Donnerstag ab 17 Uhr der Klimanotstand ausgerufen würde, würde die Stadt eingestehen, dass ihre bisherigen Bemühungen nicht ausreichen, um die Erderwärmung im erwünschten Maß zu begrenzen und mit hoher Priorität entsprechende Maßnahmen einleiten.
Fabienne Körner ist die Klimaschutzmanagerin der Stadtverwaltung Speyer – die Stelle gibt es seit 2012. Sie gibt keine politische Bewertung zum Antrag ab, kann aber fachlich einiges beisteuern. Zum einen verweist sie auf große Bemühungen infolge vor fast zehn Jahren formulierter Klimaziele, einer Klimainitiative und eines detaillierten städtischen Klimaschutzkonzepts.
Verkehr und Industrie als Ansatzpunkte
Zum anderen bestätigt sie den Befund: „Die bisherigen Anstrengungen werden nicht ausreichen.“ In der Ratssitzung kommende Woche wird sie einen Sachstandsbericht zum Klimaschutzkonzept abgeben. Seit einigen Monaten liegen Anträge von CDU, SWG und BGS vor, dieses fortzuschreiben. Das Wann und das Wie seien aber noch nicht geklärt, so die Klimaschutzmanagerin.
Es gebe schon heute Maßnahmenkataloge, aber es gebe auch Ansatzpunkte für verstärkte Bemühungen in vielen Bereichen, so Körner. Sie nennt für Speyer an erster Stelle die Emissionen von Verkehr und Industrie – und betont, dass die Stadt nicht allein in der Verantwortung stehe, sondern auch etwa von Bund, Land und den Energieversorgern abhängig sei.
Seitenhieb auf Stadt Landau
Es gebe mehrere Kennwerte, die die fortschreitende „Klimaanpassung“ für die Stadt bestätigten. Für sie entscheidend ist die Anzahl der Hitzenächte im Jahr mit Nachttemperauren von mehr als 28 Grad, die sich allein in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Speyer von rund drei auf im Durchschnitt mehr als zehn erhöht habe.
Ist das nun ein Klimanotstand? Wie gesagt, von Körner gibt es kein politisches Urteil. Nur einen Seitenhieb auf Landau, das diese Woche als erste rheinland-pfälzische Stadt selbigen ausgerufen hat: „Speyer ist Landau weit voraus, was die Behandlung der Problematik betrifft.“
Zur Sache
Klimahistorie im Stadtarchiv
Von Wolfgang Kauer
Aufzeichnungen über „fürchterliche Hitze“ in der Vergangenheit Extremwetterlagen in Speyer gab es schon vor vielen hundert Jahren – wenn auch noch nicht in dem Maß von Menschen bedingte „Klimaanpassungen“ wie heute. Aufschlussreich dazu sind die Sommerwetter-Aufzeichnungen des Neustadter Naturforschers Friedrich Jakob Dochnahl (1820 bis 1904). Seine Notizen, veröffentlicht in der im Stadtarchiv Speyer gelagerten „Speierer Zeitung“ von 1928, beziehen sich auf die Pfalz und auf Rheinhessen.
Demnach ließ in vielen Sommermonaten der Jahre von 879 bis 1135 „große Hitze Getreide und Früchte verbrennen, Wälder entzünden sich, Flüsse vertrocknen, Hungersnot und Seuchen entstehen“. Gleich zu Beginn schreibt Dochnahl, dass wegen der Hitze „viele Arbeiter auf den Feldern tot hinfallen“. 1210 „war es heiß und es gab viele Wolkenbrüche“, 1276 und 1277 „gab es durch große Hitze großen Futtermangel“, 1314 „brannten die Weinberge aus“.
1540 „war der Rhein so nieder, dass man durchreiten konnte“. Die große Hitze hatte manchmal zur Folge, dass es zwar wenig Getreide gab, dafür allerdings „sehr viel und guten Wein“, 1630, 1684 und 1701 gar „sehr viel und ziemlich gut“, schreibt Dochnahl. 1746 gab es ein neun Monate währendes „trockenes Wetter mit zeitweise fürchterlicher Hitze, die alle Wiesen verbrannte“, im Jahr 1783 „glaubten die Leute das Ende der Welt und stellten hie und da die Arbeit ein“. Denn die Sonne zeigte sich „sechs Wochen lang blutrot und es herrschte dichter Höhenrauch“. Auch aus den 1840er-Jahren sind im Bericht Sommer mit 36 Grad im Schatten und mehr erwähnt.