Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Speyer: Denis Scheck in der ausverkauften Heiliggeistkirche

Mit seinem ganz persönlichen „Kanon der 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur“ zu Gast: Denis Scheck.
Mit seinem ganz persönlichen »Kanon der 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur« zu Gast: Denis Scheck.

Die siebte Lesung der diesjährigen Reihe „Speyer.Lit“ war prominent besetzt. In der ausverkauften Heiliggeistkirche begeisterte der Kölner Literaturkritiker Denis Scheck die Zuhörer mit seinem ganz persönlichen „Kanon der 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur“.

Beifall gibt es allein schon für die Anwesenheit des „Druckfrisch“-Moderators. Scheck zitiert Harry Rowohlt, der Lesungen als „Schausaufen mit Betonung“ betrachtet habe. Dann erzählt er von seiner Begegnung mit Elke Heidenreich vor ein paar Tagen „beim Joggen in einem Park in Köln“. Sie habe in den höchsten Tönen von Speyer geschwärmt, wo die Autorin in der vergangenen Woche aus ihrem neuesten Buch gelesen hat. „In Deutschland redet man von Speyer“, sagt Scheck und streichelt damit die Seele des Publikums.

Nach und nach nähert er sich dann doch dem Kanon. Der Autor bedauert, dass es in Büchern immer weniger Bilder anzuschauen gebe. Er hat sich für sein jüngstes Werk einen eigenen Illustrator, Thorben Kuhlmann, geleistet. Dann fällt ihm noch ein Schwank aus dem Literaturkritiker-Leben ein, der in die Höhen des Fußballs führt, genau genommen zum früheren Nationalelf-Torwart Oliver Kahn. „Die Trennung von meiner Frau hat nichts mit ihrer Person zu tun“, hat Scheck einstmals aus dessen Buch zitiert.

Unverkennbare Begeisterung für das Lesen

Seit 17 Jahren warnt der Literaturkritiker in der Sendung „Druckfrisch“ Leser vor der „Spiegel“-Bestseller-Liste. „Jetzt stehe ich selbst drauf“, erklärt er den damit für ihn verbundenen Konflikt. Wie er damit umgeht, werden die Zuschauer vielleicht in der nächsten „Druckfrisch“-Ausgabe erfahren.

Lesung und Erzählung sind für die Zuhörer kaum zu unterscheiden. Was im Kanon steht, können sie anschließend nachlesen, was nicht, ist absolut hörenswert. Schecks Begeisterung für das Lesen bleibt unverkennbar. Literatur leiste Gesellschaft, offenbare seine Charakterschwächen, eröffne sowieso Welten und habe ihm oft das Leben gerettet, sagt er. Und: „Lesen ist seit der Kindheit zu meiner zweiten Natur geworden.“ Selbst Bücher von ihm verhassten Autoren lese er von Anfang bis Ende, betont Scheck. So habe es der deutsche Literatur-Papst Marcel Reich-Ranicki gehalten, aber nicht Helmuth Karasek. „Deshalb war er auch ein nicht so guter Literaturkritiker“, meint Scheck. Erzeugnisse schlechter Autoren zu lesen, richtet seiner Überzeugung nach irreparable Hirnschäden an. „Das ist wie 30 Jahre lang täglich fünf Schachteln Roth-Händle auf Lunge zu rauchen.“ Scheck wünscht sich entsprechende Schockfotos auf solchen Büchern.

Faszination für Ernest Hemingway

Der Literaturkritiker blickt der Realität ins Gesicht. Er weiß, dass die Zahl der Nichtleser gerade unter Männern immer weiter wächst. Dennoch ist er sicher, dass das Buch eine Zukunft hat. Als gute Beispiele dafür führt er „Harry Potter“ oder „Herr der Ringe“ an. „Keine Stimme, kein Sex“, fordert er für Nichtleser.

Für ihn ist Weltliteratur das, was den Blick auf die Welt nachhaltig verändert. In dieser Hinsicht ist Schecks Kanon ebenso konsequent wie ungewöhnlich. „Das Kanon-Spiel kann sehr grausam sein“, berichtet er von der schwierigen Auswahl. Jane Austen ist dabei, aber nicht Anna Seghers, deren „Siebtes Kreuz“ er für „völlig misslungen“ hält. Oder Siegfried Lenz. „Mit dem kann man mich jagen“, so der Literaturkritiker. Aber das viele Geld, das er für das Lesen bekomme, tröste ihn über schlechte Bücher hinweg. Über den Bücherschrank seiner Eltern weiß er auch nichts Gutes zu berichten. Dafür umso mehr über Franz Kafka und Ernest Hemingway. Früher habe er Kafka gehasst, sagt Scheck. „Was ich gelesen hatte, hatte ich nicht verstanden.“ Hemingway ist Seite 59 des Kanons gewidmet. „Hemingway kann die Begegnung mit einem Löwen nicht ersetzen, aber darauf vorbereiten“, erklärt Scheck seine Faszination.

Am Ende, auf Seite 453 steht Hypatia, die griechische spätantike Mathematikerin, Astronomin und Philosophin. „Sie steht für die, die es nicht in meinen Kanon geschafft haben“, sagt Scheck, beantwortet ein paar Fragen und beendet den Abend auf Schwäbisch: „Jetz wars lang schee.“ Sagt es und signiert seinen „Kanon der 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur“ im Akkord.

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