Speyer Speyer: Beschnittene Frauen melden sich im Krankenhaus
Waris Diries Buch „Wüstenblume“ hat die Beschneidung weiblicher Genitalien aus der Tabuzone geholt. In Deutschland steht der Eingriff seit 2015 unter Strafe. Nach Schätzungen der Frauenrechtsorganisation „Terres des Femmes“ sind derzeit weltweit rund 160 Millionen Mädchen und Frauen beschnitten. Auch in Speyer ist Genitalverstümmelung nicht mehr unbekannt.
„Seit etwa zwei Jahren kommen monatlich ein bis zwei beschnittene Schwangere aus Somalia, Eritrea, Ägypten oder dem Sudan zu uns“, sagt Dr. Barbara Filsinger, Sektionsleiterin der Geburtshilfe im Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus. „In Syrien und Afghanistan hat die Beschneidung weiblicher Genitalien keine Tradition“, weist sie auf das kulturell verankerte Ritual hin. „Mit Religion hat das nichts zu tun“, betont die Medizinerin. „Im 19. Jahrhundert haben auch in Deutschland Beschneidungen an Frauen stattgefunden“, berichtet Bianka Reichel, Hebamme und Pflegepädagogin an der Hebammenschule der Diakonissen Speyer-Mannheim. Demnach wurden damals Frauen mit Diagnosen wie Hysterie oder übersteigerte Sexualität beschnitten.
Abhängigkeit von Männern
In den Herkunftsländern betroffener Patientinnen würden unbeschnittene Frauen geächtet und häufig verstoßen. Sie gälten als unrein und seien deshalb nicht heiratsfähig, erklärt Filsinger. „Sie können sich nicht selbst ernähren“, weist sie auf die Abhängigkeit von Frauen ohne Bildungschancen von Männern hin. Von den drei bekannten Beschneidungsformen sei sie mit der „pharaonischen“ (komplette Entfernung von Klitoris und kleinen Schamlippen, die großen werden bis auf eine Hirsekorn große Öffnung zugenäht) bisher nicht konfrontiert worden. „Keine Frau musste vor der Geburt operiert werden“, so Filsinger. Verletzungen und Infektionen seien häufig zusätzliche Auswirkungen auf die Beschneidungen ohne Narkose, erklärt sie. „Wir wollen den Frauen helfen, mit den Folgen zu leben.“
Von Beschneidung traumatisiert
Jede Frau sei von ihrer Beschneidung traumatisiert, sagt Filsinger. Angst vor Schmerzen und Anspannung könnten die Geburt so stark beeinflussen, dass in jedem Fall großzügige Schmerztherapie und manchmal auch ein Kaiserschnitt notwendig werde, schildert sie Szenen aus dem Kreißsaal. „Sprache und kulturelle Vorstellungen machen den Zugang zu den Frauen schwer“, sagt die Ärztin. Bei den Vätern stoße sie oft auf Verständnis. „Sie lassen ihre Frauen bei der Geburt nicht alleine“, berichtet sie von zugewandten Männer aus afrikanischen Ländern. Entsetzen sei keine ungewöhnliche Reaktion von Hebammen und Ärzten auf den ersten Anblick beschnittener Genitalien, berichtet Reichert aus der Praxis. „Viele Frauenärzte sind zunächst überfordert“, bestätigt Filsinger. Regelmäßige Fortbildungen in dem Bereich für Gynäkologen, Geburtshelfer und Kinderärzte seien „bitter nötig“, sagt sie. Es gelte, Beschneidungen der Töchter geflüchteter Eltern zu verhindern. „Vorurteile und erhobene Zeigefinger bewirken das Gegenteil“, weist die Ärztin auf die jahrhundertealte Tradition hin, die für Betroffene Normalität bedeutet. „Vertrauen kann nur aufgebaut werden, ohne die Schuldfrage zu stellen“, betont Filsinger. In den Herkunftsländern verbliebene Familienmitglieder übten oft großen Druck auf Mütter hinsichtlich der Beschneidung ihrer Töchter aus, berichtet Reichert von „heimlichen Beschneidungen“ hierzulande. In der Hebammenschule sei das Thema Genitalverstümmelung in den Lehrplan aufgenommen worden. Entsprechendes Informationsmaterial liege in vielen Sprachen in Ambulanzen, Sprechstundenräumen und Stationen aus, weist Filsinger auf Maßnahmen des Diakonissen-Stiftungs-Krankenhauses hin.