Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Speyer: 100-Jährige verrät ihr Rezept für ein langes Leben

Geburtstagskind: Gertrud Schwind wird 100 Jahre alt.
Geburtstagskind: Gertrud Schwind wird 100 Jahre alt.

Ihrem ersten dreistelligen Geburtstag begegnet Gertrud Schwind mit Respekt und Dankbarkeit. Trudl, wie sie von allen genannt werden möchte, feiert ihr Wiegenfest am Donnerstag zum 100. Mal. Darauf hat sie sich 99 Jahre so gut wie möglich vorbereitet.

Die Fingernägel sind frisch rosa lackiert, die Fußnägel sind nach Auskunft von Sohn Gerd „wie immer rot“. Die Haare sind frisch gelegt. Die Figur habe sich kaum verändert, meint Gerd Schwind. Die Mutter liest ohne Brille und hört gut ohne Gerät. Nein, Trudl Schwind ist ihr Alter nicht anzusehen. Sie ist bereit für Gratulanten aus Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis, die zum Sektempfang im Veranstaltungsraum im Seniorenhaus Burgfeld erwartet werden. So viel Rummel ist Trudl Schwind unangenehm. „Ich freue mich, aber ich bin auch froh, wenn es rum ist“, sagt sie.

Die Seniorin hat nie viel Aufhebens um sich gemacht. „Bescheiden bleiben“ ist ihr Lebensmotto. Als jüngstes von fünf Kindern ist Gertrud Loreth am 27. Februar 1920 in Ludwigshafen zur Welt gekommen. Der Vater habe es in der Chemiefabrik zum Meister gebracht, erklärt sie Privilegien wie ein Haus für die Familie und regelmäßiger Besuch im Badehaus auf dem BASF-Gelände. „Die Meisterkinder durften in die Wanne, die Arbeiterkinder mussten duschen.“

Schwanger im Krieg

Die Jubilarin hat nach der Volks- und Handelsschule als kaufmännische Angestellte gearbeitet – natürlich auch bei der BASF. 1943 hat sie geheiratet. „Mir ging es immer gut“, betont sie. Vom Krieg habe sie wenig mitbekommen. „Nur die Fliegerangriffe.“ Aus Sicherheitsgründen habe die BASF ihre Abteilung nach Neustadt verlegt. „Ludwigshafen war wichtiges Angriffsziel“, erklärt sie. „Bei Alarm musste unsere ganze Straße in den Bunker“, erinnert sich Trudl Schwind an das Gemeinschaftsgefühl im Luftschutzkeller. „Wir haben ein Schicksal geteilt.“ Wer ausgebombt war, sei ausgerufen worden.

Im Januar 1945 habe es ihre Familie getroffen. Trudl Schwind war schwanger, der Ehemann noch nicht aus dem Krieg zurück. „Eine Nachbarin hat meine Mutter und mich in ihrem Haus aufgenommen“, erzählt sie. Von dort aus hat Trudl Schwind in Niederbayern bei ihrer älteren Schwester Zuflucht gesucht und Sohn Gerd zur Welt gebracht. Schon ein Jahr später ist sie nach Ludwigshafen zurückgekehrt, „in meine Heimat“. Bis zur Scheidung von ihrem Mann 1959 hat sie sich um das Kind gekümmert und danach Anstellung in der Buchhaltung von „Grünzweig und Hartmann“ gefunden, wo die Jubilarin bis zum Ruhestand geblieben ist. „Ich hätte gerne länger gearbeitet, aber damals wollte man die Alten schon mit 60 los werden“, sagt sie.

Immer Sport getrieben

Seit 40 Jahren genießt Trudl Schwind den dritten Lebensabschnitt in Speyer. Bis zum Einzug ins Seniorenhaus nach einem schweren Sturz vor neun Jahren hat sie am Woogbach gewohnt. „Das war schön“, schwärmt sie von der guten Nachbarschaft in der Nähe von Sohn, Schwiegertochter und Enkel. Bis dahin sei sie noch selbst Auto gefahren, einmal im Jahr bis Ungarn zur Kur und regelmäßig mit ihrer „Clique“ in die Sauna in Mutterstadt. Sport habe sie ihr ganzes Leben lang getrieben. „Faustball, Leichtathletik und Feldhockey“, zählt sie ihre Disziplinen auf. Skifahren fällt ihr noch ein. Jedes Jahr über Weihnachten und Neujahr sei sie mit Sohn Gerd auf die Piste gegangen. Dass sie einmal in den Bergen mit Weltmeister-Fußballer Ottmar Walter getanzt hat, hat Trudl Schwind nicht vergessen.

Die Geschwister sind inzwischen verstorben, der Urenkel ist 14. „Die Familie ist etwas geschrumpft“, erklärt Trudl Schwind, warum sich „nur“ 20 Geburtstagsgäste angesagt haben. Das Rezept für ein langes Leben sieht für die Jubilarin so aus: „Nichts übertreiben“, empfiehlt sie Maß halten für alle Bereiche. „Und nicht jammern.“ Sie hält es mit ihrer Mutter, die immer gesagt habe: „Wenns weh tut, denk nicht dran.“ Lächelnd fügt Trudl Schwind hinzu: „Und ein Eierlikör, der geht immer.“

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