Dudenhofen
Spaziergang durch Dudenhofen zeigt Geschichte der Wirtshäuser – viele Lokale sind verschwunden
Wie die Kirche gehörten Wirtschaften lange zum Ortsbild von Dudenhofen. Auch deshalb, weil sich die meisten rund um das Gotteshaus ansiedelten. Für einen der Teilnehmer des von der CDU ausgerichteten Wochenendspaziergangs „Wertschafte früher und heute“ mit dem ehemaligen Dudenhofener Bürgermeister Peter Eberhard war das eine symbiotische Verbindung: „Die Frauen gingen sonntags in die Kirche, die Männer in die Wirtschaft.“ Sehr zum Verdruss der messweintrinkenden Geistlichkeit. Anfang des 16. Jahrhunderts klagte Pfarrer Behmer seinem Nachfolger über die Trunksucht der Bauern: „O Gott, wieviel habe ich in den 30 Jahren ausgehalten, auch von dem Zulauf der Speierer dorthin.“
Die „Herberge zum Schwert“ ist 1626 als erste Ausschankörtlichkeit namentlich erwähnt. 1725 waren es bereits sechs: Lamm, Adler, Ochsen, Blume, Hirsch und Krone. Bei nicht einmal 400 Einwohnern hatte das Lamm den größten Zulauf mit 196 Gulden Umsatz im Jahr 1789. Der materielle Wert des Adlers wurde auf 600 Gulden geschätzt. Um 1960 hatten in Dudenhofen 3500 Bürger die Wahl zwischen 16 Gaststätten. Heute zählt Eberhard elf Einkehrmöglichkeiten sowie zehn Vereinsheime für 6400 Einheimische.
1920 Gründungsort des Fußballvereins
Geregelt waren Rechte und Pflichten der Wirte im Weistum: „Die Gemei weiß auch, daß dieser oder ein anderer offener Würth soll haben gerecht geeicht Geschürr, wäre es aber Sach, daß er zu viel Gäst hät, so mag er wohl mit einem geeichten Geschürr meßen und in ein ungeeichtes Geschürr thun, daß niemand Unrecht geschicht. Er soll auch nit einerley Farb geben umb zwey Gelt, sondern den lauteren umb sein Geldt und den rothen umb sein Geldt. So offt solches nit geschicht, so hat die Gemein ihn zu strafen.“
Den Rundgang startete Eberhard am Rathaus. Gegenüber stand die Wirtschaft „Zum Weinberg“, 1920 Gründungsort des Fußballvereins, in den 1950er-Jahren Heimat des „Konsums“ und viele Jahre Spargelannahmestelle. Von 1872 bis 1965 befand sich in der Gommersheimer Straße die Wirtschaft „Zum grünen Baum“, zeitweise das erste Haus am Platz. Sie war Tagungsstätte einiger Vereine, 1903 Ort der Gründungsversammlung der Liedertafel, an der Kerwe Tanzlokal und später mit kleinem Lebensmittelladen verbunden. Eberhard erinnerte sich an Filmvorführungen von Lehrer Josef Zettler im Grünen Baum, Hermann Grundhöfer daran, dass die Räumlichkeiten auch einmal für ein halbes Jahr als Unterrichtsraum genutzt wurden.
Die Kinder holten mit der Milchkanne Bier
Über die Amalienstraße ging es zum „Zinke“, der Spitze Rottstraße/St.-Clara-Straße, früher mit eigenem Kauderwelsch der Anwohner. Bis 1960 war dort die Wirtschaft „Zur Sonne“ der Familie Klein. Eberhard, der Daten und Anekdoten aus fünf Ortschroniken zusammentrug, berichtete: „Die Wirtschaften wurden ausschließlich im Nebenerwerb zur Landwirtschaft betrieben. Man kehrte dort nicht zum Essen ein, sondern trank nach der Arbeit lediglich ein Bier oder ein, zwei Gläser Wein. Die Kinder wurden mit der Milchkanne geschickt, um Bier zu holen. Manche verfügten lediglich über ein Schnapsglas und einen Kasten Gerstensaft. War der leer, fuhr der Wirt mit dem Rad nach Speyer, um einen neuen zu holen.“
„Zum Schwanen“ in der Unteren Mühlstraße war bei Kriegsbeginn das bevorzugte Lokal der sich verabschiedenden Männer und Söhne. Nebenan befand sich das Milchgeschäft Hirsch. „Zur Linde“ in der Oberen Mühlstraße 36 verkaufte Bier durch das Fenster.
Im Zentrum, an der Ecke Neustadter Straße/Speyerer Straße, lagen im Umkreis von 100 Metern „die vier Großen“, alle um 1714 eröffnet. Das „Goldene Lamm“ war unter Karl Gerbes auch Poststelle, hatte einen Hotelanbau, Essen gab es nur zu besonderen Anlässen. Ab 1986 war es Gastronomiebetrieb der Familie Albers, 2012 von Lars und Patricia Hoffmann übernommen. In Eberhards Jugendzeit bot das Lokal Billard, Tischfußball, Geflügelausstellungen und einen Glücksspielautomaten.
Vorzüglicher Kaffee bei Madame Kneis
Ebenfalls ein schönes, 1960 abgerissenes Fachwerkhaus war die „Blume“ (heute Tierarztpraxis), in den 1920er-Jahren gerne von Gästen aus Speyer besucht. Ein Heidelberger Professor schrieb 1843 ins Fremdenbuch: „In Dudenhofen findet man bei Madame Kneis einen vorzüglichen Kaffee.“ Auf der anderen Straßenseite befand sich der „Ochsen“, während der Dorffeste bevorzugtes Tanzlokal und Stammlokal des Radfahrvereins. Ein paar Häuser weiter lag der „Schwarze Adler“, ein zweigeschossiger Barockbau, einst dem Domkapitel zum Kauf angeboten, Ort zahlreicher Anekdoten.
Auf dem Gelände der heutigen Asparagus-Apotheke stand die „Krone“. Dort war zeitweise Pfarrer Gensler untergebracht, der 1724 über die sehr beschränkten Verhältnisse schrieb: „Man kann dem Hauswirt nicht alle Schuld geben, da er mit großen Schulden gebaut hat.“ Das ganze obere Haus stehe ohne Fenster und Türrahmen offen, er habe weder im Haus noch außerhalb eine Gelegenheit, wo er sich sicher und ehrbar der natürlichen menschlichen Verrichtungen bedienen könne, da im Wirtshaus alle von Orient und Okzident einkehrten. Bekannt war die Krone ab den 1960er-Jahren unter dem Namen „Zu den sechs Arschbacken“. Eine von drei unverheirateten Schwestern kümmerte sich um die Landwirtschaft, die zweite um die Poststelle, die dritte managte die Wirtschaft.
Entlang der Carl-Zimmermann-Straße verlief von 1905 bis 1956 die Bahnstrecke Speyer–Geinsheim. Ab 1917 diente ein Bretterverschlag als „Bahnhof“, daneben etablierte sich die Schenke „Zum Bahnhof“. Der „Hirsch“, in dessen Haus sich 1903 der Obstbauverein formierte, stand an der Stelle des ehemaligen Verwaltungsgebäudes der Firma Walter. Gegenüber gab es kurzzeitig einen weiteren „Hirsch“. „Zum Storchen“ in der Raiffeisenstraße (früher Hintergasse) grenzte an das heutige Pfarrhaus. Vor der Wirtschaft befanden sich ein Brunnen und die Gemeindewaage, etwa zur Bestimmung des Gewichts der Tabakernte. Später wurde im Obergeschoss ein Kino eingerichtet. In der Nachkriegsgeschichte war das Haus für ein Wirtsehepaar tragischer Schauplatz: Einer ihrer Zwillingssöhne wurde entführt und ermordet.
Vom Cafe zur Ferkelbraterei
Ein dritter „Hirsch“ gehörte dem Landwirt und Baumschulbesitzer Johann Adam Grundhöfer in der Iggelheimer Straße. Die Genehmigung erteilte der Gemeinderat mit der Auflage, eine Übernachtungsherberge für Durchziehende einzurichten – was „allein aus gesundheitlichen Gründen“ für reichlich Unmut sorgte. Kehrte Eberhard dort ein, ging er anschließend „zur Ida“. Ecke Jahnstraße lag das Café Stengel, auf der anderen Seite ab 1921 der „Waldhof“ der Familie Wingerter, immer mit angeschlossener Metzgerei. Aus dem Café Hellmann entwickelte sich die Gaststätte „Zum Onkel Peter“ in der Schillerstraße. In der Nachfolge verkaufte Gerhard Hoffmann dort Fleisch und Wurst, zuletzt war das Anwesen Standort einer Ferkelbraterei.
Nach zweieinhalb Stunden Rundgang durch ein weitgehend verschwundenes Dudenhofen erwähnte Eberhard noch die Restaurant-Episode in der Neumühle, die Radlerklause („sie öffnete schon morgens um vier Uhr“), die „Hundehütte“ und den „Ganerb“.