Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Spätfolgen von Corona: Virus greift Körper und Psyche an

Erschöpfung: Damit haben einige Corona-Patienten lange zu kämpfen.
Erschöpfung: Damit haben einige Corona-Patienten lange zu kämpfen.

Eine Corona-Infektion kann für Betroffene langwierige Folgen haben – diese Erfahrung machen derzeit Speyerer Mediziner. Auch Monate nach der Erkrankung haben manche Patienten noch mit Auswirkungen zu kämpfen.

Müdigkeit, Erschöpfung, Gedächtnisprobleme – das sogenannte Fatigue-Syndrom macht einigen Betroffenen laut Medizinern auch Wochen und Monate nach einer akuten Covid-19-Erkrankung noch zu schaffen. Laut Oliver Jung, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin II (Pneumologie und Schlafmedizin) am Speyerer St.-Vincentius-Krankenhaus, gibt es noch andere Spätfolgen: Immer mehr Studien belegten, dass Betroffene oftmals „erheblich in ihrer allgemeinen körperlichen Leistungsfähigkeit eingeschränkt sind“, sagt der Mediziner. Besonders Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden mussten, können nach einer Covid-bedingten Lungenentzündung „erhebliche langfristige Lungenschäden davontragen“, nennt Jung ein Beispiel.

Jung: „Manche Patienten haben nach ihrer Erkrankung noch Angstzustände, depressive Episoden und leiden auch nach längerer Zeit unter einem geschwächten Allgemeinzustand. Diese Patienten muss man ernst nehmen.“ Der Arzt rät Betroffenen unter anderem „zu einer regelmäßigen körperlichen und geistigen Betätigung, aber unter Vermeidung von Überlastungssituationen“. Er empfiehlt zudem Nachsorgeuntersuchungen circa sechs bis acht Wochen nach Entlassung aus dem Krankenhaus.

Das Virus befalle verschiedene Organsysteme, erklärt Jung und nennt Gefäßschädigungen, Schlaganfälle, Nierenschwäche und Herzerkrankungen als mögliche Infektionsfolgen. Viele Patienten mit Covid-19, die in seiner Klinik behandelt wurden, seien mit Lungenschäden entlassen worden. „Zwei davon litten beispielsweise unter einer sogenannten fortschreitenden Lungenfibrose“, sagt er. Dabei handele es sich um Veränderungen im Lungengewebe, wodurch der Sauerstofftransport ins Blut negativ beeinflusst werde.

„Post-Covid-Generation“

Der Mediziner geht davon aus, dass es auch in der Medizin eine „Post-Covid-Generation“ geben wird, die ein besonderes Augenmerk der Wissenschaft bedürfe. Da man immer noch zu wenig über Covid-19 wisse, sei die Einrichtung von „Post-Covid-Sprechstunden“ in Universitätskliniken mit eigenen Forschungsabteilungen sinnvoll.

Die Allgemeinmedizinerin Maria Montero-Muth kennt „Post-Covid-Ambulanzen“ etwa aus Freiburg oder Wiesbaden. Auch in Rheinland-Pfalz würde die Ärztin, die in Speyer eine Praxis im Cura-Center führt, die Einrichtung einer solchen Anlaufstelle begrüßen. „Es ist wichtig, zu verstehen, was dieses Virus macht“, sagt sie. Auch zu ihr kämen immer wieder Patienten mit Erkrankungsfolgen: Manche hätten etwa seit Monaten keinen Geruchs- und Geschmackssinn mehr.

Das Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus sieht hingegen die Versorgung von Patienten mit „Post-Covid-Symptomen“ durch niedergelassene Haus- und Fachärzte „sehr gut geregelt“, teilt Sprecherin Susanne Liebold mit. Eine ,Post-Covid-Ambulanz’ in der Klinik erscheine unter anderem „aufgrund des großen Spektrums an Symptomen aus unterschiedlichen Fachbereichen“ weniger sinnvoll, sagt sie. Auch im „Diak“ seien „in wenigen Einzelfällen“ bei Corona-Patienten nach der Entlassung „infektiöse Komplikationen wie Lungenentzündungen oder Entzündungen der Gallenblase aufgetreten, die eine erneute stationäre Versorgung nötig gemacht haben“.

Stationär werde im „Diak“ derzeit ein Corona-Patient behandelt – er liege auf der Intensivstation und werde beatmet, teilt Liebold mit. Im „Vincenz“ sind es laut Verwaltungsdirektor Bernhard Fischer insgesamt 26 Patienten mit einer Covid-19-Erkrankung – 20 auf den Isolierstationen und sechs auf der Intensivstation. Dort müssen vier beatmet werden.

RHEINPFALZ-Kommentar von Anna Warczok: Nicht vergessen

Nach fast einem Jahr Corona scheint es manchmal, als wäre zum Thema schon alles gesagt. Doch die Medizin weiß noch lange nicht alles über das Virus. Es ist wichtig, so viel wie möglich auch über die Folgen der Erkrankung zu erfahren – ob nun durch spezielle Ambulanzen oder eine Vernetzung unter Medizinern und anderen Wissenschaftlern. Nicht aus dem Blick geraten dürfen dabei auch jene, die zwar selbst nicht erkrankt sind, aber dennoch unter den Folgen der Pandemie leiden.

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