Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Sozialkaufhaus „Warenkorb“: Leiterin beklagt „gewisse Sorglosigkeit“ bei Kunden

Kämpft mit der Disziplin der Kunden: Kaufhaus-Leiterin Helga Siegel
Kämpft mit der Disziplin der Kunden: Kaufhaus-Leiterin Helga Siegel

Am Speyerer Caritas-Sozialkaufhaus „Warenkorb“ ist Corona nicht spurlos vorüber gegangen: Pandemie-bedingte zweimonatige Schließung, Kurzarbeit, Hygienekonzept für 15 Mitarbeiter und täglich 200 Kunden. Ellen Korelus-Bruder hat Kaufhaus- Leiterin Helga Siegel (58) gefragt, woher sie ihre Zuversicht nimmt. Die strahlt sie nämlich mit jeder Faser aus.

Frau Siegel, am 15. November arbeiten sie zwei Jahre im Sozialkaufhaus. Sie haben die Folgen eines Wasserrohrbruchs ausgebadet und eine Pandemie in den Korb gelegt bekommen. Was gab es sonst noch?
Das reicht doch, oder? Der Lockdown hat uns vor die gleichen Probleme gestellt wie die freie Wirtschaft. Wir konnten am 11. Mai erst wieder öffnen, mussten ständig Einkaufswagen desinfizieren, darauf achten, dass nicht mehr als 25 Kunden gleichzeitig in den Laden kamen, auf Abstandsregeln bestehen. Und so weiter und so weiter. Aber es klappt gut.

Womit haben Sie am meisten zu kämpfen?
Eindeutig mit der Disziplin. Einige Kunden setzen die Maske am Eingang auf und ziehen sie spätestens an den Bücherregalen wieder herunter. Unsere Mitarbeiter müssen immer wieder auf die Verpflichtung zur Mund-Nasen-Bedeckung hinweisen. Auf diesem Gebiet ist eine gewisse Sorglosigkeit zu beobachten, die ich aber nicht dulde. Ich will die Mitarbeiter schützen, die täglich Hunderten von wechselnden Kontakten ausgesetzt sind. Das Ansteckungsrisiko ist da. Jeder trägt die Maske. Deshalb müssen unsere Kunden mit dieser kleinen Beeinträchtigung leben – oder gehen.

Hat die Spendenbereitschaft zugenommen?
In der ersten Zeit ja. Wir haben so viel bekommen, dass wir die Berge kaum bewältigen konnten. Die Leute haben gründlich zu Hause aussortiert. Inzwischen hat sich die Spendenbereitschaft wieder normalisiert.

Was fehlt dem Warenkorb?
Wir brauchen derzeit Haushaltswaren, Kleidung und Spielzeug, aber bitte keine Möbel! Aus Sicherheitsgründen holen unsere Fahrer sie nicht bei den Spendern ab und bauen sie bei Käufern nicht auf. Das geht erst wieder, wenn Corona einigermaßen besiegt ist.

Hat sich in Sachen Müll etwas verändert?
Leider zum Unguten. Während unserer Schließzeit musste ich das Sozialkaufhaus komplett absperren. Die gesamte Front war ständig mit Möbeln, Säcken, Couchgarnituren, Elektrogeräten oder Bauschutt zugestellt. Mitarbeiter mussten zum Entsorgen kommen. Die Stadt hat uns freundlicherweise dabei geholfen. Viel hat die Absperrung nicht genutzt. Freitags habe ich alles mit einer Kette abgeriegelt, Montags war die Kette weg. Im Moment ist das Müllaufkommen vor der Tür beherrschbar. An die Säcke vor der Tür am Morgen haben wir uns mittlerweile gewöhnt.

War der Wiedereinstieg schwierig für die Langzeitarbeitslosen?
Nein, überhaupt nicht. Jeder war froh, wieder arbeiten zu dürfen. Ich bin sehr stolz auf die Mitarbeiter. Sie haben das Sozialkaufhaus Pandemie-tauglich hergerichtet, Wege bezeichnet, Abstände im Laden und an der Kasse eingeplant, Ideen entwickelt. Die meisten identifizieren sich mit ihrem Arbeitsplatz und fühlen sich mit verantwortlich. Daran erkenne ich, dass das Sozialkaufhaus auch ihretwegen unbedingt erhalten bleiben muss.

Kommen mehr Bedürftige seit Pandemie-Ausbruch?
Die Zahlen sind gleich geblieben. Direkt nach der Wiedereröffnung kamen viele. Manche brauchten Frühjahrskleider oder es war etwas kaputt gegangen.

Sind genügend Langzeitarbeitslose und Ehrenamtliche da?
Mehr oder weniger. Derzeit arbeiten nur drei Freiwillige hier. Viele gehören Risikogruppen an. Dafür erhalten Straffällige Gelegenheit, ihre Sozialstunden bei uns abzuleisten. Für sie ist es seit Ausbruch von Covid 19 sehr schwer, woanders einen Platz zu finden.

Was wünschen Sie sich für den Warenkorb und seine Kunden?
Keinen zweiten Lockdown, Gesundheit, zufriedene Mitarbeiter und eine weiterhin gute Entwicklung. Vielleicht komme ich ja irgendwann dazu, das Sozialkaufhaus noch attraktiver zu gestalten als es schon ist. Ein paar Jahre habe ich dazu ja noch Zeit. Ich bin sicher: Ohne Warenkörbe wäre die Welt ärmer.

Zur Person

Helga Siegel leitet das Speyerer Sozialkaufhaus seit 15. November 2018. Zuvor war sie eineinhalb Jahre für den Germersheimer Caritas-Warenkorb verantwortlich. Sie lebt mit Partner auf der anderen Rheinseite in Bad Schönbrunn, ist Mutter zweier erwachsener Töchter und hat ein Enkelkind.

Öffnungszeiten Sozialkaufhaus:

Montag, Mittwoch und Donnerstag , 10 bis 12.45 Uhr und 14 bis 16.45 Uhr; Dienstag, 10 bis 12.45 Uhr und 14 bis 15.45 Uhr; Freitag, 10 bis 14.45 Uhr.

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