Speyer
Soziale Anlaufstelle: Vertrauliche Gespräche vor stillem Örtchen
Die SAS bekommt seit kurzem Unterstützung durch Edeka Stiegler. Wie ist die Tüten-Aktion angelaufen?
Die ist super angenommen worden. Die Speyerer haben in den ersten vier Wochen 255 Tüten gekauft. Weil Stiegler diese Anzahl verdoppelt, sind es 510. Das ist für uns unfassbar. Auch Leute, die bei uns direkt spenden wollen, können das nun über Stiegler machen, weil die Spende dadurch verdoppelt wird und unabhängig von den Öffnungszeiten der SAS getätigt werden kann.
Wie werden die Spenden an die Bedürftigen verteilt?
Einmal im Monat holen wir die Waren ab. Dann fahren wir in die städtischen Unterkünfte und liefern die Lebensmittel und Hygienebedarfsartikel an 100 bis 130 Bewohner. Die genaue Anzahl ist schwankend. Was übrig bleibt, geht in den Bestand der SAS. Hiermit versorgen wir dann unsere Gäste im laufenden Betrieb. Die erste Lieferung holen wir Ende August ab.
Wie viele Tüten brauchen Sie dafür?
Deutlich mehr als 150. Aber so eine Spende reicht nicht für den ganzen Monat. Ziel ist es vielmehr, für die Leute Zeit zu gewinnen. Wir haben auch den laufenden Betrieb in der SAS. Dienstags und freitags sind Gäste da, da gehen die Lebensmittel ebenfalls raus. Außerdem forcieren wir die Zusammenarbeit mit anderen Trägern, um zu informieren. Wir versuchen Brücken zu bauen. Zum Beispiel ist regelmäßig eine Mitarbeiterin der Tafel bei uns.
Wird die SAS für Bedürftige zur Tafel?
Nein, eine Alternative zur Tafel sind wir auf keinen Fall. So haben wir beispielsweise keine kühlpflichtigen, verderblichen Lebensmittel. Die dürfen wir gar nicht ausgeben. Wir sehen das als reine Nothilfe und wir versuchen damit, bestimmte Zeitfenster zu überbrücken. Etwa, die Wartezeit bei behördlichen Anträgen oder die Anmeldedauer bei der Tafel.
Warum braucht es die SAS als Brückenbauerin zu anderen Trägern?
Der Gang zum Amt, der Gang zur Tafel, das hat für Betroffene nichts mit Würde zu tun. Bei uns läuft alles anonym und im Vertrauen. Wenn die Leute dann mehrmals bei uns sind, können sie im Vertrauen und ohne Scham die notwendigen Anträge stellen. Gerade hatten wir einen Fall, bei dem ein Gast im Auto auf dem Messeplatz geschlafen hat. Wir haben ihr geholfen, wo es ging. Jetzt hat sie ein Arbeitsverhältnis und zieht demnächst in eine eigene Wohnung.
Wie viele Menschen kommen zur Sozialen Anlaufstelle?
Wir erwarten dieses Jahr 2500 Besuche. Pro Öffnungstag kommen rund 25 Gäste. Doppelt so viele wie 2020. Unsere Räume reichen für so viele Menschen nicht mehr aus. Seit Corona sitzen wir draußen, aber selbst ohne Pandemie könnten wir nicht alle Gäste unterkriegen.
Was bedeutet das für die Zukunft?
Im Sommer geht das mit dem Außenbereich, aber im Winter wird es schwierig. Ein anderes Problem ist, dass wir einen Großteil der Räume für die Sanitäter der Frühlings- und Herbstmesse räumen müssen. Die Lebensmittel, die Kleidung, alles muss dann zweimal im Jahr ausgeräumt werden. Selbst angebrachte Regale müssen raus. Wenn jemand dann den Dusch-Service nutzt und Unterwäsche braucht, ist das ein totales Chaos. Trotz Schilderung des Problems bei der Stadt wurde uns für die Herbstmesse wieder die Überlassung angekündigt. Bei dem aktuellen Bedarf ist das Aufwand, der alles erschwert.
Welche Bedingungen muss ein neuer Standort erfüllen?
Wir brauchen Lagerräume, einen großzügigen Café-, einen Dusch-, einen Besprechungsraum sowie Toiletten. Im Moment sitzen wir mit 25 Gästen vor der öffentlichen Toilette, die gerade renoviert wird, im Baulärm. Vertrauliche Gespräche oder unser gemeinsames Frühstück finden vor den Toiletten statt. Wir sitzen auf dem Präsentierteller. Der Stadt haben wir mehrere Lösungsvorschläge gemacht, die wurden leider als nicht umsetzbar erklärt. Aber wir sind weiter in Gesprächen, auch hat sich der städtische Sozialausschuss dem Thema angenommen. Ich bin mir sicher, die Stadt vergisst diese Menschen nicht und wird eine Lösung finden. Ein weiterer Winter dieser Art ist für unsere Gäste nicht zumutbar.
Zur Person
Stefan Wagner (49) lebt mit Frau und Kind in Schifferstadt. Er engagiert sich seit 2009 ehrenamtlich für Wohnungs- und Obdachlose in Speyer. Jahrelang war er im Projekt Mahlzeit Suppenküche aktiv, ehe er 2017 mit dem Winterbus ein mobiles Projekt zur Hilfe für Obdachlose gestartet hatte. Daraus entwickelte sich die Soziale Anlaufstelle, die es seit Ende 2019 gibt.