Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Simon Elson öffnet mit seiner „Geschichte der Unordnung“ Augen für Trauer und Angst

Lömsch Lehmann lässt mit seinem Saxofon Schmetterlinge im Bauch fliegen, wenn Autor Simon Elson (Mitte, hinten Christine Stuck)
Lömsch Lehmann lässt mit seinem Saxofon Schmetterlinge im Bauch fliegen, wenn Autor Simon Elson (Mitte, hinten Christine Stuck) von seiner ersten Liebe erzählt und sich in die Herzen der Zuhörer liest.

Mit seiner „Geschichte der Unordnung“ ist der Berliner Kunstkritiker Simon Elson nach Speyer zur Reihe „Literatur und Musik“ gereist. Sein Debütroman öffnet die Augen für Trauer, Angst und Trauma – ein literarisches und emotionales Erlebnis.

Saxofonist Lömsch Lehmann hatte keine weite Anreise. Der Speyerer mit Dudenhofener Wurzeln begleitet die Lesung von Simon Elson mit ungewöhnlichen Improvisationen. Gleich zu Beginn bläst er Wind aus dem Roman durch den Raum im Haus Trinitatis, in dem auch Sequenzen von „Der Mond ist aufgegangen“ zu hören sind. Elson liest Szenen am Wasser, zu denen es „Lömsch“ gelingt, Ostseewellen zu brechen. Seine Sehnsucht nach familiärer Wärme formuliert der Autor herzzerreißend. Erinnerungen an den tödlich verunglückten Vater werden wach. „Es war Zuhause“, beschreibt Elson Geborgenheit in idyllischer Waldorf-Ideologie ohne Fernseher, Computerspiele und Süßigkeiten, jäh beendet nach dem Schicksalsschlag, der ihn im Alter von acht Jahren ereilt hat. Zum Spielen habe ihm der kleine Bruder gereicht; zwei ältere Schwestern hätten das Kind ständig herumkommandiert, aber ihm auch viele Ängste genommen, schildert der Roman voller autobiografischer Züge Realitäten der Kindheit.

Bitterer Zucker

„Auto-Fiktion“ nennt Elson sein Erstlingswerk. „Vielleicht habe ich mir gewünscht, dass zu Hause geweint würde“, erklärt der Autor ein emotionales Defizit. „Aber mit dem Tod meines Vaters hat der Zucker in unser Haus Einzug gehalten“, weist er auf einen der wenigen Vorzüge hin. Die Mutter habe mit vier Kindern keine Trauer zulassen können, berichtet er vom Funktionieren, von Überlastung der „vollkommen traurigen und fertigen“ Protagonisten. Gespräche innerhalb der Familie hätten nicht stattgefunden. „Es gab überhaupt keine Kommunikation“, lässt er erschreckende Bilder aufleben. „Meine Mutter haben Gespräche über den geliebten Ehemann gequält“, so sein Erklärungsversuch. Dass sie im Buch viel Raum einnimmt, ist für Elson folgerichtig: „Wer eine eigene Geschichte erzählt, kann die Mutter auf keinen Fall auslassen. Schnell begreift der Zuhörer, dass der Roman dennoch eine geradezu rührende Liebeserklärung an die Mutter ist. Für sie sei es hart gewesen, das Buch zu lesen, berichtet Elson von vielen Gesprächen und ihrem Einverständnis mit der ihr im Roman zugedachten Rolle. Der Ich-Erzähler blickt in Elsons Zukunft, erfüllt von Drogen, Sex, Alkohol und Frauen. Es habe in dieser Zeit indes auch tolle Erlebnisse gegeben, die es nicht in das Buch geschafft hätten, räumt der Autor ein.

Weggerauchte Gefühle

In der Chronologie von der Kindheit bis ins Jetzt habe er die in der Kindheit begründete Angst zurückverfolgt, sagt er. „Warum leben, wenn man eh stirbt“, sei eine Frage gewesen, vor deren Antwort er sich gefürchtet habe. Elson verbirgt auch nicht seine Angststörung vor den Lesern. Die Kindheit in einer Kleinstadt im Hamburger Speckgürtel sei als Teenager kaum zu ertragen gewesen, erklärt er den Umzug in den Nuller-Jahren nach Berlin und liest von seiner ersten Liebe Anna. Lömschs Musik zum Thema Verlieben klingt romantisch, lässt mit Berührungen seines Instruments überall Schmetterlinge im Bauch fliegen. Gefühl pur!

Elsons Roman-Hauptfigur studiert Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte, liest einen Theoretiker nach dem anderen, lebt vom Geld der Mutter und einem Job in der Bar – und erstickt an seiner Einsamkeit. „Gefühle werden weggeraucht“, sagt Elson und fügt hinzu: „Kokain ist ganz schlecht für Angstgestörte.“ Als Kind sei er ständig gerannt, in Berlin „immer gegen die Wand“, beschreibt er unhaltbare Zustände. Lömsch durchläuft dazu hastig die Tonleiter. Gut, dass Elson es zum Schriftsteller gebracht hat. Seine „Geschichte der Unordnung“ ist ein literarisches und emotionales Erlebnis.

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