Speyer
Separatisten-Attentäter: Empört über Erklärtafel für Denkmal
Es war am Abend des 9. Januar 1924, vor genau 100 Jahren, als tödliche Schüsse fielen im Speisesaal des Wittelsbacher Hofs in der Ludwigstraße. Was sich dort abspielte, war ein Attentat auf den Präsidenten der sogenannten Autonomen Pfalz, Franz Josef Heinz, nach seinem Nordpfälzer Heimatort auch Heinz Orbis genannt. Separatisten hatten wenige Monate zuvor mit Unterstützung der französischen Besatzungsmacht die Macht in der Pfalz an sich gerissen.
Quer durch die politische Landschaft traf der Versuch, die Pfalz aus Deutschland herauszulösen auf heftigen Widerstand. Einige national gesinnte Kreise wollten es nicht bei Protestworten belassen und planten einen Anschlag auf den Separatisten-Chef, der sich mit seiner Regierung in der damaligen Hauptstadt des bayerischen Regierungsbezirks Pfalz in Speyer niedergelassen hatte.
Die Gruppe von Attentätern überraschte Heinz und seine Getreuen im Wittelsbacher Hof. Bei dem Schusswechsel starben nicht nur der Präsident, ein weiterer Separatist und ein Unbeteiligter. Auch zwei der Attentäter wurden so schwer verletzt, dass sie kurz darauf ihren Verletzungen erlagen. Neben Franz Hellinger war dies Ferdinand Wiesmann, der Onkel von Gudrun Weiß.
In der in Unterfranken lebenden Familie spielt der gewaltsame Tod von Wiesmann im Jahr 2024 bis heute eine große Rolle. Gudrun Weiß ist selbst an einem 9. Januar geboren: 1942, genau 18 Jahre nach den Geschehnissen im Wittelsbacher Hof. „Als Kind habe ich mitbekommen, dass mein Papa sich an meinem Geburtstag nicht richtig freuen konnte, denn er hat mit dem Datum immer auch den Tod seines Bruders in Verbindung gebracht“, erzählt die 82-Jährige. „Der Verlust hat ihn zeit seines Lebens bedrückt.“
Weiß war selbst erst 18, als ihr Vater verstarb. Über ihren Onkel Ferdinand und seine Geschichte wusste sie damals noch nicht viel. Sie erinnert sich aber: „Mein Vater war stolz darauf, dass seinem Bruder in Speyer ein Denkmal gesetzt worden ist.“
Patrioten oder Extremisten?
Das Denkmal, um das es geht, stammt aus dem Jahr 1932 und sorgt in der Domstadt seit Jahrzehnten für Diskussionen. Der Grund: Franz Hellinger und Ferdinand Wiesmann, die erschossenen Attentäter, galten in den 1920er- und 1930er-Jahren als Helden vor allem bei der politischen Rechten in Deutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg wandelte sich die Bewertung mit der Zeit. Manch einer sah in den Attentätern nicht Patrioten, die „für die Freiheit der Pfalz fielen“, wie es auf einer Gedenktafel am Wittelsbacher Hof heute noch heißt, sondern gefährliche Nationalisten und Rechtsextremisten, die letztlich Hitler den Weg bereiteten.
Für die Familie von Ferdinand Wiesmann, der bei seinem Tod erst 27 Jahre alt war, war ihr Angehöriger jemand, der die Pfalz davor bewahrt hat, gegen den Willen der Bevölkerung von Deutschland getrennt zu werden. „Wir haben in meiner Familie immer mit einem gewissen Stolz über ihn gesprochen“, sagt Gudrun Weiß. Sie will das Andenken an ihren Onkel bewahren und war schon mehrmals in Speyer, um seiner zu gedenken.
Auch anlässlich des 100. Todestags möchte sie in die Domstadt kommen und Blumen am Denkmal auf dem Friedhof niederlegen. Es gehe ihr nicht um Politik, sondern um das Gedenken an einen Familienangehörigen. Zum ersten Mal möchte sie dabei ihre Nichte Carmen mitbringen, die den gleichen Nachnamen wie ihr Großonkel trägt. Auch die 58-Jährige ist der Meinung, dass an Ferdinand Wiesmann als jemand erinnert werden sollte, der sich für andere einbrachte und dafür mit dem Leben bezahlte.
Umso erschütterter sind beide Frauen, als sie erfahren, was die Stadt mit dem Denkmal auf dem Friedhof plant: Dort soll nämlich eine Erläuterungstafel die Hintergründe der Geschehnisse von 1924 und der Errichtung des Gedenksteins 1932 besser einordnen. Der Kulturausschuss der Stadt hat dazu bereits 2019 einen Text beschlossen. Nun soll die Erklärtafel endlich angebracht werden.
Franz Hellinger und Ferdinand Wiesmann seien Akteure „eines gezielten Mordanschlages von Rechtsextremisten“ gewesen, die später „zu Märtyrern der nationalen Sache verklärt“ wurden, heißt es darin. „Die Stadt Speyer distanziert sich heute von der damals erfolgten Ehrung. Sie will allerdings die dunklen Kapitel der Geschichte nicht einfach tilgen, sondern zur Auseinandersetzung mit ihnen aufrufen, nicht zuletzt als Mahnung für die Zukunft“, schließt der Text.
Soll Denkmal „verrotten“?
Auch im Stadtrat kam das Thema Denkmal erst jüngst im Zusammenhang mit dem Beschluss des Haushalts zur Sprache: Linken-Sprecher Aurel Popescu sprach sich „gegen jeden Cent für die Sanierung des Faschistendenkmals“ auf dem Friedhof aus. „Möge das Denkmal genauso verrotten wie das dazugehörige Gedankengut“, sagte er.
„Empörend“ und „äußerst schade“ findet Carmen Wiesmann solche Einlassungen. Sie sei immer der Meinung gewesen, dass die Pfälzer dankbar seien, dass sie von der Separatistenherrschaft befreit wurden. Ihr Angehöriger sei kein Nazi gewesen, sondern habe aus patriotischen Motiven gehandelt, sind Wiesmann und Weiß überzeugt.
Mit Rechtsextremen – damaligen wie heutigen – habe die Familie nichts zu tun. Sie finden nicht, dass der Text auf der Tafel die Geschehnisse sachlich einordnet, sondern dass er sie stark aus heutiger Perspektive wertet. Sie haben ihren Protest auch in einem Schreiben an Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD) formuliert. Diese will allerdings an der Tafel mit dem beschlossenen Text festhalten. Trotz ihrer Verärgerung: Nach Speyer wollen die beiden Frauen auf jeden Fall kommen.
