Speyer Seine Botschaft steht in seinen Büchern
An Auskünften über seine Romanvorlage zur populären Fernsehproduktion „Babylon Berlin“ ist der Kölner Autor Volker Kutscher am Dienstag im ausverkauften kleinen Saal der Speyerer Stadthalle nicht vorbei gekommen. Gelesen hat er bei „Speyer.Lit“ aus dem siebenten Buch seiner Romanreihe über Kommissar Gereon Rath, die im Berlin der 1920-er und 30-er Jahre spielt.
Gelesen hat Kutscher lange nicht so viel wie erzählt. Darüber zum Beispiel, dass er sich beim Schreiben des ersten Rath-Krimis vor 15 Jahren keinerlei Gedanken über eine mögliche Verfilmung gemacht habe. Dass „Der nasse Fisch“, in Berliner Polizeikreisen damaliger Zeit die Bezeichnung für einen unaufgeklärten Fall, es ins Fernsehen geschafft habe, freue ihn sehr. Wichtiger sei ihm aber sein Romanprojekt. Bei einem Glas Riesling – „ich bin ja schließlich in der Pfalz“ – breitete Kutscher seinen literarischen Anspruch, sein Schriftstellerleben und das seines jüngsten Titelhelden Marlow vor dem Publikum aus. Den habe es bereits unter anderem Namen im ersten Buch gegeben. So wie Rath, der es nun zum Oberkommissar gebracht und für den Autor mit der Zeit deutlich Gestalt angenommen habe. Die Entwicklung der Figur und auch die von Charlotte Ritter, die in „Marlow“ bereits den Ehenamen Rath trage, sei auch für ihn nicht vorhersehbar, räumte der Autor ein. Das gelte für das vorliegende siebente Buch und auch für das achte, an dem er gerade schreibe: „Es spielt im Olympiajahr 1936“. Darin gerate Rath als Mitglied in Heinrich Himmlers Polizeiapparat stark unter Druck. Soviel verriet Kutscher über das Manuskript. Mehr erfuhren die Zuhörer über den Berliner Unterweltboss Johann Marlow und dessen „üble legale Geschäfte“. Eingebettet in die Geschichte über den „SS-Gruppenführer ehrenhalber“ sind ein tödlicher Verkehrsunfall und Geheimakten, die Rath in die Hände fallen. „Mein Rath hat am meisten unter seinen linken Touren zu leiden“. Ein Rheinländer mit dessen typischen Eigenarten sollte es sein, berichtete der Autor von der Entwicklung seiner aus Köln kommenden Hauptfigur. „Rheinländer bin ich selbst und kenne den Menschenschlag“, erklärte er. Weiter las er von Wilhelm Böhm, Polizeibeamter im Ruhestand, der eine gewichtige Rolle in „Marlow“ einnehme. Gelegentlich zog Kutscher ein schmales, kleines Büchlein aus der Jackentasche: „Moabit“ heißt die Vorgeschichte der Rath-Krimis, die er mit Illustratorin Kat Menschik im Stil eines Magazins der 1920-er Jahre entworfen hat. „Das Schönste, das ich je geschrieben habe“, so der Autor. Weitere bibliophile Gemeinschaftsprojekte mit Menschik sollen folgen. Kutscher las unaufdringlich und gleichzeitig intensiv, begleitet von kleinen Gesten und klug gesetzten Pausen. Ins Zentrum rückte er seine dichten Beschreibungen des aufkeimenden Nationalsozialismus und Figuren, die auch die Zuhörer innerhalb weniger Zeilen zu kennen und zu verstehen glaubten. Zehn Rath-Minuten am Rande des Nürnberger Parteitages inklusive Adolf-Hitler-Aufmarsch gönnte Kutscher dem Publikum. „Schlimmer als beim Rosenmontagszug“, ließ der Autor seinen Protagonisten denken, um ihn fast flüsternd dazu zu animieren, den rechten Arm zu heben und dem „Führer“ mit den Massen dreimal „Heil“ zuzurufen. Gänsehaut und der unbändige Wunsch, „Marlow“ und die sechs Vorgänger sofort weiter zu lesen, blieb. Entgegen früherer Pläne habe er beschlossen, sein Roman-Experiment erst 1938 mit den November-Pogromen abzuschließen, verkündete Kutscher in die Stille hinein: „Die Geschichte ist noch vor Kriegsausbruch 1939 fertig erzählt.“ Seiner Einschätzung wird es noch sechs bis sieben Jahre dauern, bis es so weit ist. „Ich habe etwas auf dem Herzen, das ich transportieren will“, sagte er: „Die Botschaft ist im Buch nachzulesen.“