Speyer Schwester Isabelle ist seit 20 Jahren Oberin der Diakonissen
Von Ellen Korelus-Bruder
Es hat Zeiten gegeben, in denen 600 Speyerer Diakonissen vom Mutterhaus aus ihre Dienste am Nächsten ausgeübt haben. Verblieben sind 35 Schwestern, sechs von ihnen in Tracht, die anderen seit Pfingsten 2017 als Diakonissen neuer Form in Alltagskleidung. Im März 2004 – damals war Schwester Isabelle 32 – hat sie das Amt von Vorgängerin Elfriede Brassat übernommen, die Mitschwestern in den Feierabend begleitet, ihnen die Hand gehalten, wenn es ans Sterben ging, ihnen zugehört, mit ihnen gebetet, gesungen, geweint und gelacht.
Mit dem Amt hat Schwester Isabelle vor zwei Jahrzehnten als jüngste Oberin in Deutschland die Verantwortung für mehr als 60 Diakonissen und 155 diakonische Schwestern und Brüder übernommen. Gewählt wurde sie von ihren Mitschwestern und dem Verwaltungsrat der Diakonissen. Seitdem leitet sie die Schwesternschaft im Mutterhaus, die Diakonissen neuer Form und die diakonischen Schwestern und Brüder. Schwester Isabelle ist ausgebildete Krankenschwester, Seelsorgerin und Religionspädagogin. „Gott steht immer auf der Seite der Schwachen“, sagt sie und versucht, in diesem Sinn zu leben, seit sie denken kann. Von der Wiege bis zur Bahre will sie bei den Menschen sein, sie trösten, begleiten und unterstützen. Eingetreten in die Gemeinschaft ist die Oberin zu einem Zeitpunkt, als Ehelosigkeit, Gehaltsverzicht und grenzenlose Verfügbarkeit noch Voraussetzungen für ein Leben als Diakonisse waren.
Mutterhaus ist Ankerplatz
Für Schwester Isabelle ebenso wenig Hinderungsgründe wie die Tatsache, dass sich alle Diakonissen im Mutterhaus zwei sanitäre Anlagen teilen mussten. „Eine eigene Nasszelle ist kein Luxus“, erklärt sie Neuerungen unter ihrer Führung. Ein Mutterhaus für alle sei ein unerfüllbarer Traum, erzählt sie vom Anliegen, Wohnen unter einem Dach zu verwirklichen. „Das ist nicht finanzierbar“, bleibt die Oberin realistisch. Das mittlerweile gewachsene Bildungszentrum im Mutterhaus inklusive Koordination von Mediation und Supervision passe gut in die Tradition der Diakonissen, betont sie. „Für die Schwestern bleibt das Mutterhaus der heimatliche Ankerplatz, die Kapelle das geistliche Zentrum.“
Ihre Tracht hat Isabelle Wien an Pfingsten vor sieben Jahren abgelegt. „Ein schmerzhafter Prozess“, sagt die Oberin, die sich 25 Jahre lang nicht der Kleiderfrage stellen musste. „Grau in der Woche, blau am Wochenende, schwarz zu festlichen Anlässen“, mehr stand für sie und ihre Mitschwestern nicht zur Entscheidung an. „Die Tracht war nicht nur ein Kleid, sondern ein Lebensentwurf, den ich gerne nach außen getragen habe“, sagt Isabelle Wien.
Schritt in eine neue Zeit
„Formen ändern sich, der Auftrag bleibt“, erklärt sie den Entschluss, die Tracht für immer aufzugeben. Vier Jahre haben sich die Diakonissen darauf vorbereitet, bevor sie den Schritt in die neue Zeit gewagt haben. Vom Schwesternwohnheim ist die Oberin inzwischen in eine kleine Wohnung in unmittelbarer Nachbarschaft zum Mutterhaus gezogen.
Der heutigen Glaubens-, Lebens- und Dienstgemeinschaft haben die Diakonissen einen Wertekompass zugrunde gelegt. Wiens besonderes Augenmerk gilt der Gesundheitsfürsorge der alt gewordenen Schwestern, deren Gemeinschaftsleben sie mit kleinen Festen, Feiern und Andachten gestaltet. Zudem trägt sie als Vorstandsvorsitzende der Diakonissen Speyer auch Verantwortung für ein großes Unternehmen.