Speyer
Schnelltests: Speyer lernt von Tübingen
Noch wird hinter den Kulissen geprüft, was möglich ist, aber Speyers Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD) bestätigt die Pläne auf RHEINPFALZ-Anfrage. Das Tübinger Projekt sei aus ihrer Sicht „hochinteressant“ und letztlich bundesweit der richtige Weg. In den Bund-Länder-Beratungen vor 14 Tagen sei die Öffnung etwa von Außengastronomie frühestens ab 22. März bei bestimmten Inzidenzwerten in Aussicht gestellt worden, wenn die Besucher negative Corona-Schnelltests vorweisen könnten. Dafür wolle sie die Voraussetzungen schaffen.
In Rheinland-Pfalz lässt die aktuelle Landesverordnung die Schnelltest-Pflicht noch nicht zu. Seiler erwartet, dass sich am Freitag der Ministerrat damit befasst. Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) hat schon ihre Sympathie für Modellregionen ausgedrückt – und die Stadt Speyer hat „für Mainz sichtbar“, wie Seiler betont, den Finger gehoben, weil sie eine solche Region werden möchte. Aus dem Speyerer Rathaus ging dazu auch ein Schreiben an den Städtetag, und Seilers Referentin Jennifer Braun hat sich persönlich an die Mainzer Staatskanzlei gewandt, für die sie früher tätig war.
Entscheidungen stehen aus
Entscheidungen stehen noch aus, aber die Stadt will vorbereitet sein. Für Samstag hat die Speyerer OB sechs örtliche Hilfs- und Rettungsorganisationen – Johanniter, Malteser, DRK, ASB, DLRG und Feuerwehr – eingeladen. Sie will mit ihnen über ihre Bereitschaft zur Mitwirkung und über mögliche organisatorische Abläufe sprechen. Wenn es eine Testpflicht für das Betreten definierter Gebäude oder Bereiche in Speyer gäbe, würde diese zunächst nicht in der ganzen Stadt, sondern im besonders belebten Zentrum angeordnet, erklärt Seiler die ersten Überlegungen. Rheinpromenade und Auestraße, wo zum Beispiel auch viel los sein kann, fielen nicht darunter.
Rund um den betroffenen Bereich müssten Teststationen verteilt werden, in denen Besucher kostenfrei und problemlos Schnelltests erhalten könnten. In Tübingen sind diese für den jeweiligen Tag gültig und in Form eines Ticket-Systems verwirklicht. „Wir haben geschaut, wie das Tübingen macht, und festgestellt, dass das ein Weg ist, den auch wir gerne beschreiten wollen“, so die OB. Erste Vorschläge für Standorte von Teststationen sind der Festplatz, der Bereich des Stadthauses, Postplatz/Postgalerie und der Bahnhof. Darüber werde zunächst am Samstag ergebnisoffen beraten.
Nächster Schritt bei der Kultur?
Seiler erwartet, dass das Modell irgendwann bundesweit gefordert wird, weil das Land nicht ewig im Lockdown verharren kann. Speyer wolle deshalb und wegen der steigenden Inzidenzwerte früh am Start sein. Wenn das Land zustimmt, solle das Modell in den kommenden Wochen ausgebaut werden, betont Seiler. Weitere Schritte könnten im Bereich Kultur gemacht werden – mit der versuchsweisen Gestattung etwa für eine erste kleinere Veranstaltung, deren Besucher vorab „durchgetestet“ werden. Beim Modell in Tübingen sind unter diesen Bedingungen zum Beispiel Kinos geöffnet. Die dortige Uniklinik begleitet das Projekt wissenschaftlich.
Aus dem politischen Bereich kam am Donnerstag schon einmal von der FDP Speyer Ermutigung: Diese versicherte Seiler „volle Unterstützung für eine Bewerbung zu solch einer Modellregion“. Vorstandsmitglied Bianca Hofmann lobte Seilers bisheriges Vorgehen beim Thema Schnelltests und forderte wie die OB den ergänzenden Einsatz der neuen „Luca App“ zur Kontaktnachverfolgung etwa in der Gastronomie. Ihre weiteren Vorschläge auf Anfrage: „Gerade im Bereich Sport und Jugend könnten wir uns mit Hilfe von Schnelltests wieder Trainingsmöglichkeiten vorstellen. In Fitnessstudios könnte man mit Hilfe der Luca App und einem Gästemanagementsystem wieder trainieren.“
RHEINPFALZ-Kommentar von Patrick Seiler
Einen Schritt voraus
Strengere Regeln, um mehr Freiheiten zu gewähren: Wenn das Tübinger Modell in Speyer käme, könnte das gewöhnungsbedürftig, aber zukunftsweisend sein.
Noch ist von Landesseite nicht erklärt, ob und wie negative Corona-Schnelltests zur Bedingung etwa für das Betreten bestimmter Geschäfte gemacht werden dürfen. Das kann nach den Bund-Länder-Beratungen von vor zwei Wochen nicht so bleiben. Daher ist es gut, dass die Stadt Speyer eigene Konzepte hat. In der Übergangsphase würde es für Unzufriedenheit sorgen, falls Speyerer Geschäfte nur mit, Läden anderswo jedoch ohne Schnelltestergebnis aufgesucht werden dürfen. Mittelfristig könne Speyer damit aber einen Schritt voraus sein und „seinen“ Betrieben verlässlichere Perspektiven bieten.