Speyer
Schlimmste Flut: Überschwemmt ins neue Jahr
Tullas Rheinbegradigung war noch kein Jahrzehnt abgeschlossen, als das Wasser kam. Die siebte Hochwasserwelle des Jahres 1882 wurde nicht nur für Speyer zur Katastrophe. Nach der sechsten Welle im November waren die Pegel wieder gesunken und noch an Weihnachten auf eher unauffälligem Niveau. Doch dann ging alles ganz schnell. Föhn in den Alpen sorgte für eine starke Schneeschmelze. Regen im Schwarzwald und in den Vogesen taten ihr Übriges: Allein zwischen dem 26. und 30. Dezember ging es am Pegel Speyer um 3,78 Meter nach oben. Nach damaliger Messung waren das dann 6,08 Meter. An mehreren Stellen am Oberrhein wurde der Druck auf die Deiche zu hoch. Sie brachen unter anderem bei Neuburg, bei Oppau und auch bei Berghausen – auf 35 Meter Breite. Die Wassermassen waren nicht mehr zu stoppen.
„In die Höfe, Ställe und Parterrezimmer des Hasenpfuhls drang es meterhoch ein, zerstörend was nicht niet- und nagelfest war“, berichtete die „Speierer Zeitung“. Als sich die Fluten über Speyer-Süd näherten, den Fuchsweiher und die Fischervorstadt überschwemmte („panischen Schrecken verbreitend, denn seit Menschengedenken ward hier kein Wasser gesehen“), müssen sich dramatische Szenen abgespielt haben. Arbeiter, die den Damm stabilisieren sollten, hätten sich mit Mühe und Not in höhere Gefilde retten können. Bewohner bedrohter Gebiete wurden rechtzeitig gewarnt und teilweise bei Fackelschein in höher gelegene öffentliche Gebäude evakuiert, unter anderem das Volksschulhaus. Ihr Hab und Gut konnten sie oft nicht mitnehmen. „Der Verkehr kann im Hasenpfuhl nur mittelst Nachen stattfinden, da die ganze Gegend bis zum Rhein ein See ist“, so ein Zeitungsartikel.
Fischer ertrinkt
Ohne Todesopfer ging die Naturkatastrophe nicht ab. Entlang des Rheins versanken ganze Gemeinden im Wasser. Häuser stürzten ein. Aus Ludwigshafen wurden allen 36 Tote vermeldet. Eine Tragödie ereignete sich, als ein Schiff mit 30 Flüchtlingen aus Oppau sank. Aus Speyer ist der Fall eines Fischers überliefert, der in einem Boot von der Klipfelsau in den Hasenpfuhl fahren wollte. Das Gefährt stieß in der Dunkelheit offenbar an Treibholz und kenterte. Der zweite Passagier, ein Schwimmlehrer, konnte sich retten, der Fischer – „ein fleißiger junger Mann von 28 Jahren“ – ertrank. Er hinterließ eine Frau und vier Kinder. Als drei Tage später seine Leiche geborgen und „unter großem Menschenzulauf in das Leichenhaus überführt“ wurde, soll dem Zug im Domgarten die Witwe begegnet sein, was laut Zeitung „zu einer jammervollen Verzweiflungsscene führte“.
Die „Speierer Zeitung“ war nah dran und berichtete sehr aktuell über die Wasserstände und die Folgen. Auf die vielen Einzelschicksale konnte sie freilich nur Schlaglichter werfen. Vom Angelhof gab es am 12. Januar noch den Bericht, dass sich die Bewohner allein gelassen fühlten und das Wasser immer noch 1,15 Meter hoch in den Stuben stehe. In vorderster Front stand das Bleicherhäuschen in der Klipfelsau. Trotz Wassers bis zum obersten Stock sei der Besitzer „nicht zu bewegen, diesen gefährdeten Posten zu verlassen“. Wo Ausnahmezustand herrschte, kamen Kriminelle: „Unter der Vorspiegelung der Wasserbeschädigung suchen verschiedene Individuen freventlich Gewinn zu ziehen“, so ein Bericht.
Eine anspruchsvolle Aufgabe bestand darin, die Welle der Hilfsbereitschaft in die richtigen Bahnen zu lenken. Speyers Zivilgesellschaft des Jahres 1883 war auf der Höhe und ließ die Bedürftigen nicht im Stich. Die „Frauen der Stadt“ nähten aus bereitgestellten Stoffen neue Kleidungsstücke. Spenden flossen von privater Seite, von Vereinen wie der Liedertafel, die schon am 22. Januar ein hochkarätiges Benefizkonzert in Speyer auf die Beine stellte, und von Auswanderern wie Heinrich Hilgard, dem in den USA zu Reichtum gekommenen Wohltäter aus der Domstadt. Ein örtliches Hilfskomitee mit Geistlichen und dem Stadtschreiber als Entscheidern wurde auf die Beine gestellt, und schnell wurde das Ganze in auch aus heutiger Sicht professionell wirkende Strukturen der damaligen bayerischen Regierung eingebunden. „Wir müssen uns selbst helfen“, hatte die „Speierer Zeitung“ zunächst gemahnt – und einen für das selbstbewusste Speyer von heute kurios klingenden Grund mitgeliefert: „da wir das Kreischen nicht so gut verstehen wie andere Leute“.
Wiederaufbau läuft an
Die Regierung in München ließ ihre pfälzische Provinz nicht im Stich. Zügig wurden hohe Summen zugesagt. Die Presse informierte über die Anteilnahme von König, Landrat und ihrem Beamtenapparat. Schadensbeseitigung stand an erster Stelle – und die Deiche sollten wieder sicher gemacht werden. Es war ein Prozess, der sich über viele Jahre hinzog und im Prinzip nie endete. Als der Speyerer Pegel im Januar 1955 auf den historisch zweithöchsten Stand von 8,67 Meter stieg, stand der Hasenpfuhl erneut unter Wasser. 25.000 Sandsäcke und 40 Pumpen verhinderten das Schlimmste. Im Vorfeld waren Fehler gemacht worden. Die „Tagespost“ ordnete 1955 ein: „Nach der Hochwasserkatastrophe von 1882 sind zwar beachtliche Arbeiten zur Verbesserung der Hauptrheindämme durchgeführt worden, aber in den folgenden Jahren wurde schon bedeutend weniger getan und zwischen 1938 und 1948 gar nichts mehr.“
Danach wurde ein Bündel von Maßnahmen umgesetzt. Dämme entlang der alten Kläranlage und der Magergasse wurden erhöht, ebenso der Eselsdamm. Alte Mauern wurden abgedichtet, neue gebaut. 1959 war im Volksmund schnell die Bezeichnung „Klagemauer“ für die 120 Meter lange Wand zwischen Mittelsteg und Salzturmbrücke gefunden. Vorrangiges Ziel war die Abschottung der Altstadt gegen den Rückstau des Speyerbachs. In jedem Jahrzehnt danach wurde etwas getan. Seit 2010 gibt es zwei Schöpfwerke am Speyerbach und Hilgardgraben, die in Betrieb gehen können, bevor der Hasenpfuhl absäuft. Spundwände liegen bereit, die in gefährdeten Bereichen eingezogen werden können. Das Land hat die Rheindeiche erhöht und Polder gebaut.
Riegeldeiche geplant
„Die Stadt ist damit besser gegen Hochwasser geschützt“, heißt es bei der Stadtverwaltung. Darauf ausruhen darf sich bei einer Siedlung so nahe am Strom niemand. Ein „Alarm- und Einsatzplan Hochwasser“ regelt detailliert, ab welchem Wasserstand welche Maßnahme ergriffen werden muss, wo zum Beispiel keine Fußgänger mehr laufen und keine Fahrzeuge mehr fahren dürfen. Zunächst ist dafür die Bauverwaltung im Rathaus zuständig. Wenn der Schalter in den nächsten Modus „Gefahrenabwehr“ gelegt wird, kommen der Brand- und Katastrophenschutz ans Ruder.
Alle zusammen bereiten einen weiteren Ausbau des Hochwasserschutzes vor. Bereits in der Planung ist zusätzliche Sicherheit am Neuen Hafen. „In naher Zukunft“ sollen laut Stadt zudem in Abstimmung mit den Nachbargemeinden sogenannte Ringeldeiche hinzukommen: Sie sollen zwischen Speyer und Römerberg im Süden und bei Otterstadt im Norden die Fluten weg von den Siedlungsgebieten lenken, wenn es kritisch wird.