Speyer Schlicht zu dick

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Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium sieht in der kommentierten Neuauflage von Hitlers „Mein Kampf“ einen Beitrag zur politischen Bildung – vorausgesetzt Fachlehrer gehen kritisch mit dem Text um und ordnen ihn entsprechend ein. Was halten berufsbildende und weiterführende Schulen von dem Anstoß? DIE RHEINPFALZ hat sich umgehört.

Die Schulleiter sind sich grundsätzlich einig: Alle sind offen für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Sie ist ohnehin bereits fest im Unterricht verankert. Die vor kurzem erschienene wissenschaftlich bearbeitete Neuauflage (wir berichteten) komplett durchzunehmen, scheidet für sie aus – das Buch ist schlicht zu dick. „Die Art und Weise, wie das Thema Nationalsozialismus methodisch-didaktisch im Unterricht behandelt wird, dürfte sich in Zukunft kaum ändern“, erklärt Joachim P. Heinz, Leiter des Hans-Purrmann-Gymnasiums. Neben dem Umfang stört ihn der „wulstige und vergorene Sprachstil“, der nur schwer verständlich sei. „Die Lehrkräfte werden deshalb wohl – wie sie das bisher auch getan haben – mit Textauszügen als Quellen arbeiten, die in den sehr guten Lehrwerken abgedruckt sind.“ Letztlich, so Heinz, könnten die Fachlehrer entscheiden, ob sie „Mein Kampf“ verwenden. Mit rund 2000 Seiten viel zu umfangreich, begründet auch die Berufsbildende Schule (BBS) Johann Joachim Becher ihre Ablehnung. Hitlers Buch sei nur eine von vielen Quellen zur Geschichte des Nationalsozialismus. Insofern wurden und werden Ausschnitte davon im Sozialkundeunterricht behandelt, sagt Schulleiter Henning Vollrath. „Die jetzt erschienene kritische Edition ist sicherlich eher ein Werk für die Hochschule als für die berufsbildende Schule.“ Die Integrierte Gesamtschule (IGS) Georg Friedrich Kolb, das Kaiserdom- und Nikolaus-von-Weis-Gymnasium haben sich noch nicht entschieden. In den Fachbereichen Geschichte und Sozialkunde werden zurzeit diskutiert, ob die Schule die kommentierte Neuausgabe in den wissenschaftlichen Bestand aufnimmt, erklärt Peter Zimmermann, Leiter des Gymnasiums am Kaiserdom. Rüdiger Nauert und seine Kollegen an der IGS sehen nur Oberstufenschüler in der Lage, sich kritisch mit dem Buch auseinanderzusetzen. Weil die gymnasiale Oberstufe an der IGS erst im dem nächsten Schuljahr startet, sei die Frage nicht vordringlich, aber „dann werden sich die betroffenen Fachkonferenzen mit diesem Thema intensiver beschäftigen“, sagt der Schulleiter. In der Sekundarstufe I setzt die IGS beim Thema Nationalsozialismus auf historische Fakten und Schicksale von Opfern wie Anne Frank oder Edith Stein. Auch das Nikolaus-von-Weis-Gymnasium setzt sich bereits kritisch mit Auszüge aus „Mein Kampf“ auseinander, gibt Schulleiter Egbert Schlitz Auskunft. Sie seien in Lehrbüchern und speziellen Quellenbänden für die Sekundarstufen I und II enthalten. Darüber hinaus habe sich die Schule noch nicht damit befasst, ob sie die neue Ausgabe anschafft. Das Friedrich-Magnus-Schwerd-Gymnasium setzt sich auch über den Unterricht hinaus mit kritisch mit gefährlichem ideologischem Gedankengut auseinander, betont Schulleiter Erich Clemens. Er verweist auf den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, den das „Schwerd“ trägt. „In den gängigen Geschichtsbüchern der vergangenen Jahre sind im Zusammenhang mit den ideologischen Grundlagen des Nationalsozialismus grundsätzlich kurze Auszüge aus „Mein Kampf“ Teil der Materialien und werden auch bearbeitet und besprochen.“ Daher erkennt Clemens in der kommentierten Auflage keine „grundlegend neuen Erkenntnisse für den Unterricht“. Sie sei eher eine Ergänzung oder Erweiterung der bisherigen Unterrichtsinhalte. „Mein Kampf“ als Ganzschrift sei schon aus zeitlichen Gründen unmöglich zu behandeln. (yvw)

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