Speyer Süßer als sonst

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Als „Raddegiggel“ verschrien, fast ausgerottet erlebt der Kilianer seit einigen Jahren eine Renaissance. Zumindest bei Traditionsbewahrern in Dudenhofen. Bürgermeister Peter Eberhard schätzt, dass noch/wieder zehn Liebhaber den heimischen Trunk anbauen und selbst keltern. Am Montag war er mit 18 Helfern der Arbeitsgemeinschaft Kilianer zum Herbsten im Wingert.

Am Falkenhof, dem fünf Ar großen Rebenbestand der Kilianer-AG, gab’s nicht allzu viel zu tun. Eberhard: „Im Gemeinde-Wingert hängen immer die wenigsten und kleinsten Trauben.“ Geherbstet haben die Helfer außerdem auf privaten Flächen am Badeplatz, der verlängerten Eichgartenstraße, im Boligweg. Alles zusammen rechnet Johann Sammet mit rund 500 Litern. Im Vorjahr lag die Menge bei 800 bis 900. Die Hauptursache des Rückgangs sieht Sammet im „hohen Vogelschaden“. Ein zweiter Grund könnte der vorgezogene Erntetermin sein: „Drei Wochen früher als sonst wegen der Essigfliege.“ Sammet: „Wer weiß, wie die sich noch ausbreitet.“ Dass sie den Kilianer befällt, hält Eberhard für unwahrscheinlich: „Der war bislang gegen alles resistent.“ Dass die Rebsorte neben dem Oberlin zum Haustrunk wurde, verdankt sie in erster Linie ihrer Widerstandsfähigkeit und Anspruchslosigkeit in der Pflege. Der Überlieferung nach soll der Ackerer und Polizeidiener Kilian Vonderschmitt 1883 aus Erfurt einen Weinstock bezogen haben, der „schwarze Trauben hervorbrachte“. Egal woher, vielleicht auch aus Griechenland, Südungarn, der Stock trug nicht viel. Kilian – daher der Name – ließ ihn erst einmal verwildern, bis an ihm eines Tages die vierfache Menge einer „Edelrebe“ hing. Der Geschmack war dann Nebensache. Vor 1938, als der Kilianer verboten wurde, standen in Dudenhofen an die 25.000 Rebstöcke, ergänzt mit Oberlin. Die gute Nachricht: Der Jahrgang 2014 ist von besserer Qualität. Jedenfalls gemessen in Öchsle-Grad. Sammet: „Der Kilianer hat 70 bis 80 Öchsle, der Oberlin an die 105.“ Für Kenner schon zu „süß“. Im vergangenen Jahr hatte der Kilianer um die 65, war damit gewohnt nahe am sauren Bereich. Trinkbar – im Verschnitt mit dem Oberlin – macht ihn die weitere Verarbeitung durch die Lebenshilfe in Bad Dürkheim. Eberhard erwartet etwa 700 Flaschen. Giovanni Molisse veredelt ihn zu Hause zu „Uva-Fragola“. Der früher in seiner italienischen Heimat gekelterte Wein stammte aus dem gleichen Gehölz wie der Kilianer. Die 700 Flaschen werden von der AG beim nächsten Rebenblütenfest oder Kilianerfest ausgeschenkt. Verkaufen kann sie den Wein wegen der Gemeinnützigkeit nicht. Der Gemeinde dient er als Ehrengabe bei besonderen Anlässen. Gefragt, berichtet Eberhard von „meist positiven Rückmeldungen“: „Oft sagen die Leute, so schlecht wie erwartet ist der Kilianer gar nicht.“ Wer ein Fläschchen im Keller liegen hat, sollte es erst zu Weihnachten, Silvester öffnen. Der Tipp von Bürgermeister Eberhard: „Als Glühwein ist der Kilianer unübertroffen.“ Keine Weinlese ohne zünftiges Helferessen: Die AG lud im Bauhof zu Schälrippchen, Kartoffelbrei und Kraut ein. (län)

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