Speyer Rauchclubs in Römerberg: Hauptsache, die Asche stimmt

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Römerberg ist so etwas wie das pfälzische Raucher-Hauptdorf. Den Rauchclub „ Edelweiß“ im Ortsteil Heiligenstein gibt es seit dem Jahr 1906. Damals brauchten die Männer sonntags eine Beschäftigung, während ihre Frauen in der Küche standen. Seit 1958 steigt außerdem im Rauch- und Schießclub im Ortsteil Berghausen Rauch auf. Einmal im Monat lassen es die Mitglieder beider Clubs qualmen – nach strikten Regeln und in aller Ruhe.

Dass Rauchen „in“ wäre, kann man nicht gerade behaupten in Zeiten des kollektiven Gesundheitswahns und der Schockfotos auf Zigarettenschachteln. Dennoch gibt es ein wackeres Dorf in der Pfalz, das wider jeden Frischluft-Mainstream nicht nur mit einem, sondern gleich mit zwei „Rauchclubs“ auf sich aufmerksam macht: die Knapp-10.000-Einwohner-Gemeinde Römerberg im Rhein-Pfalz-Kreis, nicht allzu viele Streicholzschachtelwürfe entfernt von den dampfenden Kühltürmen des Reaktorblocks Philippsburg 1, was natürlich reiner Zufall ist. Im Römerberger Ortsteil Heiligenstein residiert seit 1906 der „Rauchclub Edelweiß“, im Ortsteil Berghausen qualmt der „Rauch- und Schießclub 1958“. Vorweg eine Begriffserklärung: Rauchclubs und Raucherclubs sollte man nicht verwechseln. Letztere entstanden in vielen Gaststätten, nachdem in Deutschland Rauchverbote erlassen wurden. Um diese zu umgehen, erklärten Gastwirte ihr Lokal zum Vereinsheim eines Raucherclubs. In klassischen Rauchclubs dagegen wird wettbewerbsmäßig gequalmt: Während es im Sport – und ziemlich häufig auch im echten Leben – meist auf Schnelligkeit ankommt, gilt in Rauchclubs das Gegenteil: Gewonnen hat, wer seinen Zigarillo möglichst lange am Glimmen hält. Wettkampfbesuch in Heiligenstein. Kritisch nimmt Andreas Sommer seinen Zigarillo unter die Lupe. „Da fehlt Tabak“, sagt er, „ich möchte tauschen.“ Das darf er, sobald Magda Maier ihre Runde gedreht hat. Die Rauchwartin serviert das Wettkampfmaterial auf einem silbernen Tablett. Zigarillos der Marke Wilhelm II. 2,50 Euro kostet der Raucheinsatz. Gezahlt wird sofort, „damit die Kasse stimmt“, sagt Maier, zählt aber zur Sicherheit noch einmal nach. Derweil brennen die zwölf Frauen und Männer darauf, dass der Startschuss zum kollektiven Qualmen fällt. „Feuer frei“, gibt die Rauchwartin das Kommando und drückt auf die große Stoppuhr. Streichhölzer flammen auf. Jetzt bleibt eine Minute Zeit, den Zigarillo in Gang zu bringen. Wer es nicht schafft, ist raus aus dem Rennen. Nach einem Klingeln und dreifachem „Gut rauch!“ beginnt das Wettrauchen. Die Zigarillos verströmen würziges Aroma. Wölkchen wabern in der Luft. Die Gemeinschaft fühlt sich wohl im Rauch – jedenfalls bleiben alle Fenster zu. „Weil jeder noch so kleine Luftzug die Glut anheizen würde und das wollen wir ja nicht“, erklärt Walter Sommer, erster Vorsitzender des Clubs und wie die anderen voll in seinem Element. Die Konzentration gilt ganz der Rauchware. Und schnell wird klar: Geübte Zigarilloraucher haben mit Hektik nichts im Sinn. Auf Gelassenheit kommt es an und darauf, die Glut im Auge zu behalten. Denn ist sie einmal erloschen, war’s das. Jeder hat da so seine eigene Methode. Andre Lukas gehört zu den Drückern. Er streift die Asche mit dem Daumen ab. Vorsichtig, nicht zu viel und nicht zu wenig. Tut das nicht weh? „Doch, macht aber nichts“, sagt er und hat gut lachen. Der 35-Jährige gehört zu den besten Langsamrauchern. So wie Andreas Sommer, Sohn des Vorsitzenden. Seine Strategie: „Je heller es ist, desto schlechter lässt sich die Glut beobachten. Deshalb halte ich den Zigarillo in der hohlen Hand, mit dem Ende nach innen.“ Die Sorge um die Gesundheit hält sich bei der Truppe in Grenzen. „Wir rauchen ja nicht auf Lunge, sondern paffen nur“, sagt Walter Sommer. Das erklärt, weshalb die meisten der insgesamt 25 Clubmitglieder Nichtraucher sind. Sie frönen nur einmal im Monat dem Tabak. Immer am ersten Freitag, wenn im clubeigenen Haus Punkt 20 Uhr der Startschuss zum gemeinschaftlichen Raucherlebnis fällt. „Dabei steht die Geselligkeit im Vordergrund“, betont der Vorsitzende. Diese Geselligkeit pflegt der Club bereits seit 1906. Damals trafen sich die Männer sonntags im Wirtshaus, weil auch sie eine Beschäftigung brauchten, während ihre Frauen in der Küche standen. Bei Schoppen und Nikotin entstand die Idee eines Rauchclubs. Seit 1979 tagt er im selbst erbauten Clubhaus. Es kommt mit einer langen Tischreihe und einem Tresen daher, ganz wie es sich für eine Stätte Pfälzer Gemütlichkeit gehört. „Ein Glück für uns, dass wir unser eigenes Reich haben, denn nach dem Rauchverbot in der Gastronomie ging’s vielen Raucherclubs in reinen Gaststätten an den Kragen“, erzählt Sommer senior, seit 1995 Clubmitglied und ohne Zweifel ein erfahrener Langsamraucher. Was nicht heißt, dass die Qualmerei für ihn zum Selbstläufer wird: „Es ist jedes Mal eine neue Herausforderung“, sagt er. Zumal die Rauchwartin für Abwechslung sorgt und neben „Wilhelm II.“ auch gerne mal „Krumme Hunde“ oder andere Marken serviert. Bis Mitte der 1960er war der Rauchclub eine Männerdomäne, doch seither mischen auch die Frauen mit. Sie stellen inzwischen immerhin die Hälfte der Mitglieder – jene Hälfte, die sich darum kümmert, dass vor dem Wettqualmen eine Stärkung auf den Tisch kommt. Mit 82 ist Erika Lehr die Älteste im Bunde. „Das sportliche Rauchen gefällt mir. Man muss genau wissen, wann und wie stark man ziehen muss“, sagt sie und konzentriert sich wieder ganz auf die Lebensdauer ihres Zigarillos. Damit hat Walter Sommer weniger Glück. Es ist nicht sein Tag, schon nach zwölf Minuten muss er melden: „Aus!“. Sein Zigarillo hat den Geist aufgegeben. „Ich habe ihn totgebabbelt“, lautet die Erklärung. Nach etwa 35 Minuten setzt das große Zigarillosterben ein, alles fein säuberlich von der Rauchwartin im großen Buch notiert. Nur fünf halten noch durch. Unter ihnen Andreas Sommer und seine Mutter Gertrud. Doch gegen Andre Lukas haben diesmal beide keine Chance. Lukas bringt es auf 61 Minuten und einen winzigen Ascherest, der nicht mehr in der Hand gehalten werden kann und als sogenanntes Lagerfeuer im Aschenbecher landet. Das macht ihn zum Sieger des Abends. Zum Lohn gibt’s eine Flasche Wein, dann kann geplaudert werden, ganz ohne Angst, den Glimmstängel zu vernachlässigen. „Früher haben wir öfter an regionalen und bundesweiten Rauchwettbewerben teilgenommen“, erinnert Walter Sommer an vergangene Zeiten, „das haben wir aufgegeben, es ist zu zeitintensiv.“ Anders beim Rauch- und Schießclub 1958 Berghausen. Dort stehen die überörtlichen Wettbewerbe nach wie vor hoch im Kurs. Dass der Club kräftig Titel abräumt, beweisen die mehr als 150 Pokale, die sich im Clubhaus aneinanderreihen. Am monatlichen internen Wettkampfabend geht es hier geschäftig zu. Bevor es ernst wird, gibt es erst mal Würstchen mit Kartoffelsalat. Währenddessen übt Ann-Kathrin Kälberer am Schießstand, auf zehn Meter ins Schwarze zu treffen. Mit Rauchen hat sie nichts am Hut, sie kommt nur zum Luftdruckschießen her. „Das haben wir bereits 1959, ein Jahr nach der Clubgründung, mit aufgenommen, einfach, um mehr Mitglieder zu bekommen“, erklärt der Vorsitzende Helmut Enzlein. Der 79-Jährige ist ein Mann der ersten Stunde und mit der derzeitigen Mitgliederanzahl von 63 zufrieden. 13 von ihnen sind erschienen. Raucherinnen und Raucher halten sich die Waage. Jede(r) bekommt einen eigenen Aschenbecher samt Streichhölzern. Das gehört zu den Regeln. Ebenso, dass die Rauchware nur mit einer Hand gehalten werden darf und immer über dem Tisch bleiben muss. Wer mogelt, scheidet aus. „Früher haben wir immer Zigarren geraucht, aber das hat bis Mitternacht gedauert und kaum Zeit zum Essen und Trinken gelassen. Daher sind wir auf Zigarillos umgestiegen. Dafür brauchen die meisten zwischen 30 und 50 Minuten.“ Der Vereinsrekord liegt bei 93 Minuten. An diesem Abend stehen allerdings wieder mal Zigarren auf dem Programm: beim „Ascherauchen“. „Das heißt, die Asche muss auf der Zigarre bleiben. Sie darf weder abgestreift werden, noch herunter fallen,“, erklärt der Vorsitzende. Weil das massiv die Bewegungsfreiheit einschränkt und eine äußerst ruhige Hand verlangt, werden schnell noch mal die Gläser nachgefüllt und vorsorglich die Toiletten aufgesucht. Denn anders als beim üblichen Rauchen können die Zigarren nicht mal eben bei der Rauchwartin Sabine Dimpfel abgelegt werden. Sobald diese den Startschuss gegeben hat, gehen die Damen und Herren auf Distanz. Untereinander, zum Tisch und natürlich zu allem, was durch einen Ruckler die Asche gefährden könnte. Selbst die Tür ist ein Feind, denn ein Lüftchen, und vorbei ist’s mit der grau-weißen Pracht. Das erfordert Disziplin und Feingefühl. Denn von Minute zu Minute wächst die Aschesäule. Ein Balanceakt, der irgendwann nur noch gelingt, wenn der Kopf beim Ziehen weit in den Nacken gelegt wird. Auch wenn das zur Erheiterung beiträgt, die Lachmuskeln gilt es unter Kontrolle zu halten. Glimmen muss der Stumpen, sachte, aber nicht zu sachte. Sonst ist alles Asche mit der Asche. Helmut Enzlein hat sich seit der Clubgründung gänzlich auf Zigarren verlegt und „keine Zigarette mehr angerührt“. Aufs Treppchen schafft es der Chef an diesem Abend nicht. Nach 46 Minuten ist Schluss für ihn. Der Sieg geht an seinen Bruder Heinz, der die Asche stattliche 89 Minuten halten konnte und damit 30 Minuten länger als die Dame auf Platz zwei. Helmut Enzlein nimmt’s gelassen. Denn wie den meisten geht es ihm eher um die Gemeinschaft als ums Gewinnen. Das gilt auch, wenn sich die beiden Römerberger Rauchclubs einmal im Jahr zum Freundschaftsrauchen treffen. Dann treten sie mehr miteinander als gegeneinander an. Hauptsache, die Asche stimmt.

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