Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Römerberg: Weißrussische Gäste sprechen über Deutschland

Seit vergangener Woche in Berghausen: die Kinder aus Weißrussland, ihre Betreuer sowie die Verantwortlichen des Tschernobyl-Krei
Seit vergangener Woche in Berghausen: die Kinder aus Weißrussland, ihre Betreuer sowie die Verantwortlichen des Tschernobyl-Kreises Berghausen.

Zum 29. Mal verbringen Kinder aus dem weißrussischen Luninez drei Wochen in Römerberg. Sie leben in Gebieten, die seit dem Atomunfall in Tschernobyl 1986 verstrahlt sind. Den Erholungsurlaub hat der Tschernobyl-Kreis unter der Leitung von Paul Neumann für 30 Kinder und fünf Betreuer wieder möglich gemacht. Betreuer erzählen, was sie an Deutschland schätzen.

Es ist heiß am Tag der Begegnung im katholischen Pfarrheim in Berghausen. „Schnaken gibt es bei uns nicht“, berichtet Svetlana Kuscnitsch von neuen schmerzhaften Erfahrungen für die Weißrussen. Die 43-Jährige ist zum achten Mal als Betreuerin dabei und will mit der lieb gewordenen Tradition nicht brechen. Für Kuscnitsch ist Deutschland immer eine Reise wert. Auch wenn die zweitägige Busfahrt von Luninez nach Römerberg mit Übernachtung in Polen recht beschwerlich sei. „Die Strapaze lohnt sich“, sagt sie.

Einige der Kinder im Alter zwischen acht und 16 Jahren kennt sie von ihrer Arbeit als Lehrerin für Russisch und Literatur, die meisten hat sie auf der Reise zum ersten Mal getroffen. Jedes Mal steige ihre Aufregung kurz vor der Ankunft in Römerberg, berichtet Kuscnitsch von emotionalen Szenen bei der Begrüßung der Initiatoren und Unterstützer. „Mir gefällt die Großzügigkeit, Gastfreundschaft und das Verständnis der Römerberger für unser Problem“, betont sie. Das Problem sind die Folgeschäden der Bewohner durch die Verstrahlung – auch mehr als drei Jahrzehnte nach dem Atomunglück. „Bei uns ist es verboten, Pilze und Waldbeeren zu essen“, sagt Kuscnitsch. Ihre regelmäßigen Besuche in Römerberg hätten ihren Gesundheitszustand nachhaltig verbessert. „Aber das Wichtigste sind die Kinder, die hier ihr Immunsystem stärken“, betont die Lehrerin. Sauberes Wasser, Obst, Gemüse und Fruchtsäfte seien Mangelware in Luninez, zählt Kuscnitsch auf, was Weißrussen zu Hause vorsichtshalber nicht zu sich nehmen sollten. „Alles verstrahlt.“

Die „deutsche Mama Gunda“ kümmert sich

Gunda und Michael Lindler haben die verstrahlten Gebiete vor zwei Jahren kennengelernt. „Wer das gesehen hat, wird dankbar“, sagt Gunda Lindler. Vor drei Jahren hat sie alles rund um den Aufenthalt der „Tschernobyl-Kinder“ in die Hand genommen. Auch in diesem Jahr. Trotz gerade operiertem Meniskus-Riss steht die 61-Jährige auch auf Krücken täglich in der Küche, kümmert sich um Mittagessen, Ausflüge, Müllentsorgung, Freizeitangebote sowie Sorgen und Nöte der Kinder. „Sie sind mir genauso ans Herz gewachsen wie die eigenen“, sagt die zweifache Mutter und dreifache Großmutter über die weißrussischen Kinder. Eben hat sie einer weißrussischen Familie ein Foto geschickt – und prompte Antwort erhalten. Lindler versteht kein Wort. Sie spricht kein Russisch. Ihre Sprache ist die eines großen Herzens, Helfer die „Russisch-App“, die Ehemann Michael (62) auf seinem Handy installiert hat.

25 Jahre hat Gunda Lindler in einer Berghausener Metzgerei gearbeitet. Jahr für Jahr habe sie die alten Busse voller Kinder vorbeifahren gesehen, erzählt sie. „Vor fünf Jahren habe ich dann endlich vom Berghäuser Modell für weißrussische Kinder erfahren.“ Sofort hätten ihr Mann und sie sich als Gasteltern angeboten, erzählt sie. Inzwischen ist sie für die Ferienkinder die „deutsche Mama Gunda“, die Köchin, Trösterin und Animateurin. In diesem Jahr hat sie die 25 Jahre alten Stockbetten gegen neue ausgetauscht, in denen die Kinder unter der Woche im Pfarrheim schlafen. Ehemann Michael kauft ein, spült, betreut, grillt und fungiert als Küchenhelfer. „Er ist unersetzlich“, betont Gunda Lindler. Das Ehrenamt habe ihr Leben reicher gemacht, ist sie überzeugt: „Ich habe in jeder Beziehung viel gelernt.“

Für die Lindlers beginnt die Vorbereitung auf den Aufenthalt der Kinder in Römerberg bereits ab Ostern. „Es wird geplant, abgesprochen und eingekauft“, sagt sie. Spenden zu sammeln und Gasteltern zu finden sind für Gunda Lindler die größten Herausforderungen. Die notwendigen Erledigungen am Computer hat ihr Mann übernommen. Wenn sie an den Abreisetag der Kinder am 7. August denken, wird den Lindlers das Herz schwer. „Sobald sie wegfahren, heule ich wieder Rotz und Wasser“, weiß Gunda Lindler schon heute.

Ein Wiedersehen wäre schön

Damit hat Marina Draka noch keine Erfahrung. Die weißrussische Deutschlehrerin ist zum ersten Mal als Betreuerin nach Römerberg gekommen. Sie wolle ihr Deutsch verbessern, ihr Immunsystem stärken und neue Eindrücke gewinnen, sagt die 35-Jährige. „Ich mag deutsch und die Deutschen“, sagt sie. Am liebsten würde Draka eine deutsche Freundin in Römerberg finden. Sie hofft, zum Jubiläum 2020 wiederkommen zu können. „Das wäre perfekt“, sagt die Weißrussin.

x