Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Premiere „Happy“ im Zimmertheater

„Happy“: Szene mit Monika-Margret Steger und Markus Maier.
»Happy«: Szene mit Monika-Margret Steger und Markus Maier.

Die jüngste Eigenproduktion des Speyerer Zimmertheaters hat es in sich. Vor ausverkauftem Haus haben sechs Schauspieler, ein Regisseur, sein Assistent und zwei Techniker mit „Happy“ neue Maßstäbe gesetzt.

Um 30 Jahre zurückversetzt fühlen sich die Zuschauer bereits in der ersten Szene der drei Akte. Ist das nicht eine „Friends“-Folge? Die amerikanische Sitcom ist Kult und jedem, TV-Affinen der 1990er-Jahre ein Begriff. Sogar die Musik stimmt. Den Brunnen gibt es auch. Den an der Speyerer Alten Münze, in dem und um den herum Regisseur Andreas Krüger mit dem Ensemble lustige Einspieler gefilmt hat, die sich auch wie „Friends“-Trailer sehen lassen. Dass sich die Geschichte auf der Grundlage des gleichnamigen Buchs um sechs Freunde rankt, ist selbstverständlich. Krügers Idee, „Happy“ mit allem, was dazu gehört, in die 90er zu verlagern, geht auf. Auch im Detail.

Ein gemeinsames Abendessen ist angesagt, das Abendessen findet statt, danach wird resümiert. „Happy“ ist von Anfang an niemand so richtig, es wird viel geheuchelt, manchmal gelogen, selten ist es so wie es scheint. Drei Paare reden aneinander vorbei, erkennen schonungslose Wahrheiten, wachsen über sich hinaus. Wie die, die sie verkörpern. Großartig spielen Christine Baumgartner und Christian Birko-Flemming Anette und Boris, die sich lieben wie am ersten Tag, die Hände nicht voneinander lassen können und sich dennoch nicht erkennen. „Eine gute Beziehung ist immer kurz“, sagt Felix, grandios von Timo Effler dargestellt zu Emilia, in deren Rolle glücklicherweise Daniela Michel steckt.

Bruchstücke des eigenen Lebens

Gerade getrennt, spielt sich das Paar den jeweils ausgeglichenen Single vor, auch wenn sich Emilia zwischendurch für alt und unattraktiv hält. So wie immer wieder auch die „Friends“ in unterschiedlichen Konstellationen, irgendwie erkennt der Zuschauer Bruchstücke des eigenen Lebens.

In typischer Beinhaltung des Mannes der Neunziger räkelt sich Dylan vor Charlotte. Markus Maier und Monika-Margret Steger spielen die zu Reichtum gekommenen Gastgeber so gut, dass Bühne, Saal und drei Jahrzehnte keine Rolle mehr spielen.

Bussi links, Bussi rechts

Bussi links, Bussi rechts, hysterisch erzeugte Begeisterung der Frauen bei der Begrüßung, hastig besorgte Gastgeschenke, vertrauter „Happy“-Parfum-Duft und überall das blaue Sofa. Dieses auch keiner Sitcom wegzudenkende Möbel bleibt auch in „Happy“ auf seinem Platz. Rundherum wechseln die Wohnzimmer nach jedem Akt. Krüger hat 400 technische Einsätze für Regieassistent Jakob Schwall gezählt, Werbe-Einspieler aus den 90ern eingeschlossen und die Lacher, Stöhner und Rauner, die jede Sitcom gefühlt pausenlos in jener Zeit begleitet haben. Schwall spielt mit, mimisch und gestisch, bis Stegner ihn aus dem Bühnenbild jagt.

„Happy“ ist unbedingt lustig, selbst die tragischen Momente entbehren nicht einer gewissen Komik, perfekt gepaart mit dichten Gefühlsausbrüchen. Dem Regisseur gelingt es, das Groteske in Beziehungen erbarmungslos zu schildern, den schier unerträglichen Chauvinismus der Zeit so auf die Bühne zu bringen, dass sich einige Männer im Publikums einiger verlegener Lacher nicht erwehren kann und sexistische Normalität noch in den 1990er Jahren mit körperlichen Übergriffen zu zeigen, die damals selbst für ihre Opfer einfach dazu gehörte. Es reicht für das beruhigende Gefühl, dass es damit ein für alle Mal vorbei ist.

Gelungener Theaterabend

Dass Frauen heute auf Augenhöhe mit Männern sind, keinem Betätscheln und dummen Anmachen mehr ausgesetzt sind. Oder? Die Antwort darauf lässt „Happy“ offen.

Das Stück bietet alles, was einen gelungenen Theaterabend ausmachen soll: Unterhaltung, Faszination, gutes Schauspiel, perfekte Inszenierung, solide Technik, hier von Willi Härtel und Hansi Lang,Nachdenken über die Botschaft, im besten Fall weit über den Abend hinaus.

„Happy“, angelehnt an Doris Dörries Verfilmung „Nackt“, zeigt viel Haut, blickt tief unter die Oberfläche, ohne die Beziehungs-Komik aufzugeben. Die Darsteller übertreffen sich in jeder Einstellung selbst. Sie liefern die richtigen Argumente für die Liebe und auch für ihr Ende, setzen Körper, Sprache, Geist und Seele für ihr Spiel ein. Wenn Felix „Ich liebe Dich, Du blöde Kuh“ zu Emilia sagt, fällt ihr schlechter Sex ein. Besser sind die Verständnis-Abgründe zwischen Frauen und Männern wohl kaum in wenige Sätze zu packen. Aber auch, wie schnell es hell im Dunklen werden kann.

Macht glücklich

„Happy“ ist auf allen Ebenen ein Erfolg. Für Beteiligte und Zuschauer kommt das Stück zur rechten Zeit, das Zimmertheater macht damit einen großen Schritt zurück in so etwas wie kulturelle Normalität inklusive furioser Premierenfeier und der Gewissheit, dass „Happy“ eine unmittelbare Zukunft in der Speyerer Heiliggeistkirche hat. Ja. „Happy“ macht glücklich.

„Happy“: Szene mit Monika-Margret Steger und Markus Maier.
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„Happy“: Szene mit Angelika Baumgartner und Christian Birko-Flemming.
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„Happy“: Szene mit Timo Effler und Daniela Michels.
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 „Happy“: Regisseur Andreas Krüger.
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