Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Polizei: Manche Bürger sind in der Pandemie gereizt und kriminell

Rund 100 Beamte zählt die Speyerer Polizeiinspektion. Gegen sie gab es 2020 häufiger Gewalt als 2019.
Rund 100 Beamte zählt die Speyerer Polizeiinspektion. Gegen sie gab es 2020 häufiger Gewalt als 2019.

Das Jahr 2020 hat die Arbeit der Speyerer Polizeiinspektion verändert. Nicht bei allen Einschnitten war die Corona-Krise die Ursache. Unter anderem vermehrte Gewalt gegen Beamte beunruhigt die Ordnungshüter. Von den drei auffälligsten Tendenzen in der Kriminalitätsstatistik sind zwei negativ und eine positiv.

Gewalt gegen Polizisten

49 Fälle gegenüber 30 im Jahr 2019 bedeuten einen Anstieg um 63 Prozent. „Das beschäftigt uns in besonderem Maße“, berichtet Kristof Brockmann, Leiter der für Speyer, die Verbandsgemeinde Römerberg-Dudenhofen und Otterstadt zuständigen Polizeiinspektion. Er relativiert die Entwicklung aber doppelt: 2018 seien es sogar 56 Fälle gewesen, deshalb müsse abgewartet werden, in welchem Jahr es ein „Ausreißer“ war. Und: „Wir sind als Polizeibeamte keine Opfer. Wir üben das staatliche Gewaltmonopol aus. Wir haben diesen Beruf selbst gewählt, kennen seine Risiken und haben die Mittel, diesen zu begegnen.“

Weil die Mittel im Ernstfall angewandt werden, kam es zumindest in den beiden Fällen, die Brockmann exemplarisch schildert, zu keinen schlimmeren Verletzungen. Einmal habe ein betrunkener 17-Jähriger in der Freiherr-vom-Stein-Straße dermaßen gewütet, dass fünf Beamte benötigt wurden, um ihn zu fesseln. Er habe gespuckt, getreten, die Polizisten mit dem Tod bedroht. „Er war hochaggressiv und enthemmt, da war mit Gesprächen leider nichts zu machen“, betont Brockmann. Im anderen Fall sei ein Polizist leicht verletzt worden, als ihn bei einem Einsatz ein 28-jähriger Mann mit 1,54 Promille zweimal geboxt habe.

Die Lage in der AfA

Speyer ist eine von zwei rheinland-pfälzischen Städten, in denen es eine Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende (AfA) mit Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge gibt. Daraus ergibt sich die Besonderheit, dass bei der Ermittlungsgruppe Migration in der früheren Kaserne Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz bearbeitet werden, die eigentlich an den deutschen Staatsgrenzen begangen wurden. Die 1252 Straftaten, die zu beklagen waren, bedeuten fast eine Verdoppelung gegenüber dem Jahr zuvor (708). Bei 628 Straftaten ging es um besagtes Aufenthaltsgesetz (2019: 338).

Anstiege gab es jedoch auch in anderen Deliktsgruppen, etwa Rohheitsdelikte (240, ein Plus von 102), Diebstähle (154, ein Plus von 63) oder Vermögens-/Fälschungsdelikte (27, ein Plus von 12). Rund zwei Drittel dieser Fälle ereigneten sich innerhalb der AfA, so Brockmann und Ermittlungsgruppen-Leiter Wolfgang Hoffmann. Sie analysieren, dass die Einschränkungen der Pandemie den Anstieg spürbar begünstigt hätten. Freizeit- und Beschäftigungsmöglichkeiten fehlten in der Unterkunft mit zumeist mehr als 700 Bewohnern in dieser Zeit fast komplett. Brockmann: „Der überwiegende Teil der Bewohner sind aber hochanständige Leute. Es ist ein kleiner Teil, der vergleichsweise viele Straftaten verübt.“

Entspannung in vielen Bereichen

Rückgänge von zehn bis 15 Prozent gibt es in einzelnen Diebstahlskategorien, bei den Fahrraddiebstählen (246) sogar von 34,7 Prozent, bei Wohnungseinbrüchen von 37 Prozent, bei sogenannter Straßenkriminalität von 6,2 Prozent und bei Rauschgiftdelikten von 6,9 Prozent. Ursachen seien einerseits gezielte Polizeimaßnahmen, betont Brockmann. In bei Fahrraddieben und Einbrechern beliebten Gebieten zeige die Polizei verstärkte Präsenz auch mit Fußstreifen. Andererseits gebe es Auswirkungen der Corona-Krise: „Die Menschen sind mehr zu Hause. Es gibt Ausgangssperren. Potenzielle Täter laufen Gefahr entdeckt zu werden“, sagt er.

In einer Kategorie taugt Corona ebenfalls als Erklärungsanlass, aber in umgekehrtem Sinn: Bei der Gewaltkriminalität habe es mit 243 Fällen 40 mehr als im Jahr zuvor gegeben. „Die Gelegenheiten wie Feste werden zwar grundsätzlich weniger“, so Brockmann. „Die Menschen verhalten sich aber heute anders im öffentlichen Raum. Wir beobachten, dass eine gewisse Grundgereiztheit entsteht.“ Die könne sich in Gewalt entladen. Positiv: Die Aufklärungsquote sei über alle Kriminalitätskategorien hinweg von 63,8 auf 67,4 Prozent gestiegen. In der AfA sei sie mit 93,5 Prozent besonders hoch.

Daten & Fakten

Gesamtzahl Kriminalitätsfälle 2020: 5935 (2019: 5572); darunter Diebstahl 1525 (1770), Wohnungseinbruch 51 (81), Straßenkriminalität 1039 (1108), Gewalt in engen sozialen Beziehungen 184 (196), Vermögens- und Fälschungsdelikte 816 (789), Rauschgiftdelikte 337 (362).

RHEINPFALZ-Kommentar von Patrick Seiler

Wurzeln des Übels

Manche Kategorien ihrer Kriminalitätsstatistik kann die Speyerer Polizei beeinflussen, andere nicht.

Illegale Einwanderung? Ist aufgrund der Erstaufnahmeeinrichtung zu einem großen Thema in der Speyerer Polizeiarbeit geworden, basiert aber auf Entwicklungen im europäischen und im globalen Maßstab. Viel präziser an die Wurzeln des Übels kommt die örtliche Polizei hingegen bei Themen wie Fahrraddiebstahl oder Einbruch. Hier ist konkrete Vorbeugung am Bahnhof oder im ruhigen Wohnquartier möglich. Die Polizei leistet sie und glaubt die positiven Effekte zu erkennen.

Eher unter „höhere Gewalt“ ist wiederum die Corona-Lage zu verbuchen. Sie hat Einfluss auf mehrere Kriminalitätsformen. Einiges davon wird sich nach der Pandemie wieder ändern, anderes bleiben, erwarten die Ermittler. Ein Stichwort in diesem Zusammenhang ist der Internetbetrug.

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