Radsport
Petra See aus Heiligenstein über ihr Leben nach dem Horrorcrash in Dudenhofen
Auch zehn Monate nach dem Horrorcrash bei der deutschen Meisterschaft, als Fahrer im Keirin-Wettbewerb in Dudenhofen in die Zuschauermenge flogen, leidet Petra See aus Heiligenstein unter den Folgen: „Ich hatte im November noch mal eine Schulteroperation in Heidelberg. Das war nicht unkompliziert“, berichtete sie im Gespräch mit unserer Zeitung.
In der Ärztesprache heißt das wohl: „AC-Gelenksprengung nach Rockwood IV mit angerissener Supraspinatussehne und Riss des Knorpelrings. Bei der OP wurde die lange Bizepssehne weiter unten am Oberarmknochen neu befestigt und fixiert, die Schleimbeutel entfernt, das Schlüsselbein um zirka sechs Millimeter gekürzt, die Sehnen genäht und der Knochen am Schulterdach abgeschliffen.“
See optimistisch
„Ich bin langsam auf dem Weg. Es dauert jedoch noch ein Jahr“, so See: „Ich habe einen tollen Arbeitgeber.“ Aber der Job bei einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft in Ludwigshafen leidet. Auf 16 Wochen beziffert sie mittlerweile ihren Ausfall: sechs nach dem Unfall, sieben nach der weiteren Operation, immer wieder dazwischen: „Am Wochenende habe ich nur gebügelt und bin ausgefallen.“
Die Frau, die am Unglücksort neben ihr saß, habe es viel schlimmer erwischt: „Sie wurde mit dem Rettungshubschrauber abtransportiert. Zum Glück war nichts mit der Wirbelsäule. Sie hatte zehn Rippenbrüche, ich nur zwei. Sie ist Yogalehrerin und hat jetzt Verdienstausfall. Da geht gar nichts. Bei ihr war es die linke Schulter, bei mir die rechte.“ Sie dürfe diese nicht überbelasten: „Es wird nie mehr, wie es mal war.“ Die Römerbergerin rechnet mit einer Einschränkung, von acht, neun Prozent.
Schlafstörungen
„Ich habe Probleme mit der Feinmotorik, beim Schlafen. Ich wache nachts auf“, im Gegensatz zu anderen Betroffenen weniger mit der Psyche, berichtet der Radsportfan. Gerade jetzt stehen am Arbeitsplatz wichtige Umstellungen an. Zudem gehört sie zum Eventmanagement: „Ich kann kaum etwas heben, maximal zehn Kilo. Das ist nicht mal eine Getränkekiste.“
An Sport sei bis auf Physio und Fitnessstudio nicht zu denken: „Beim Seilzug schaffe ich höchstens 20, 30 Kilo und das mit beiden Armen. Ich muss langsam wieder aufbauen.“ 18 Kilometer lief sie noch vor dem Unglück: „Jetzt habe ich keine Kondition mehr.“ Rudern? Bowling? Joggen? Unmöglich: „Ich bin total ausgebremst“, meint die Ex-Handballerin.
Kritik an German Cycling
Zuhause läuft’s nun anders: „Wir haben uns einen Wischroboter für die Fenster angeschafft. Wir haben einen großen Garten, müssen nun einen Gärtner beiholen.“ Die Mobilität beim Autofahren bleibt eingeschränkt. Seit September sei es wieder möglich und seit sieben Wochen wieder, aber auch nicht immer. Zumindest finanziell bleibe wenig hängen. Die Veranstalterhaftpflicht des RV 08 Dudenhofen habe sich übermaßen eingebracht. Ein Anwalt verrichtete gute Dinge. Kosten für Physio und Taxifahrten seien gedeckt.
Was hängen bleibt für die Geschädigte: die Behandlung danach durch German Cycling, an das sie sich mehrfach richtete. Ihr fehlte eine persönliche Kontaktaufnahme: „Dieses Schweigen empfinde ich als enttäuschend und abwertend.“ Bei einem Nachtreffen des RV 08 mit Verletzen, Vorstand, Vereinsaushängeschild Martin Salmon, Vorstand bei Kaffee, Warmem und Führung durch die Badewanne sei ihr das Kommen von Oliver Streich, Vizepräsident Marketing und Kommunikation, zugesagt worden. Die Begründung des Nicht-Erscheinens nannte sie fadenscheinig: „Der Abend mit 15 Leuten war richtig schön.“
Generalsekretär antwortet
See fragt sich: „Welche Priorität hat der Umgang mit verletzten Zuschauern innerhalb Ihres Verbandes? Welche Verantwortung wird tatsächlich übernommen, jenseits von Pressemitteilungen?“ Offen für sie auch weiterhin die Regularien zur Teilnahme und eine etwaige Anpassung. Generalsekretär Martin Wolf antwortete, bedauerte die Entwicklung, äußerte Verständnis, kündigte Wiederaufnahme der Vorfälle an.
See reagierte mit Enttäuschung aufgrund weiter fehlender Aufklärung: „Ich ziehe daraus folgendes Fazit. Viele Monate nach dem Unfall sollten Antworten vorliegen. Viele Monate nach dem Unfall sollten Verantwortung und Aufarbeitung sichtbar sein. Beides fehlt bisher.“ German Cycling habe nichts gemacht: „Das kreide ich an. Es ist nichts passiert, r e i n g a r n i c h t s.“
Zuschauerin unbeeindruckt
Die Zuschauerin steht weiterhin für einen Austausch auch vor Ort zur Verfügung: „Ich bin gespannt, glaube aber nicht, dass jemand kommt.“ Am Pfingstmontag sitzt Petra See wie immer an der letzten Kurve vor dem Ziel: „Meinen Humor, habe ich trotz alledem nicht verloren, und ich bleibe dem Bahnradsport treu. Das brauche ich, um abzuschließen, und dann ist es gut. Das ist mein Platz. Das lass ich mir nicht nehmen durch das, was passiert ist.“
Der Schriftwechsel mit den Offiziellen geht weiter. German Cycling pocht durchaus auf eine Aufarbeitung der Vorgänge, nicht zuletzt durch einen Beitrag im Internet. See bleibt unzufrieden: „Viele Monate nach dem Unfall hätte ich konkrete Ergebnisse erwartet – erhalten habe ich bis heute keine. Das ist für mich nicht nur enttäuschend – es ist nicht akzeptabel.“