Speyer
Patricks Woche: Es ist nicht alles nur Krawall
Politisches Klima: Eiertanz auch in Speyer
Deutschland und Speyer biegen langsam, aber sicher auf die Zielgerade des Bundestagswahlkampfs ein. Die für kommenden Samstag angekündigte Kundgebung gegen rechts am Dom hat damit zu tun. Sie bringt Sorgen, die bundesweit viele umtreiben, in der Dom- und Brezelstadt auf die Straße. Auch eine Konfliktlinie, die im Bundestag für Blutdruck sorgte, wird in Speyer aufgerissen: Dass die örtliche CDU-Vorsitzende Sylvia Holzhäuser sagte, sie würde „vernünftige Vorschläge“ der AfD nicht ablehnen, hat SPD, Grüne und Linke auf den Plan gerufen. Sie äußern in einer Pressemitteilung „großes Erstaunen“ über die Aussage und üben Kritik: „Demokratische Werte sind nicht verhandelbar und dürfen niemals dem politischen Opportunismus geopfert werden.“ Auch Holzhäuser zeigt sich jetzt in einer Reaktion gegenüber der RHEINPFALZ – sagen wir mal so – erstaunt: Der „zunehmend polarisierende Umgang einiger Mitglieder“ von SPD, Grünen und Linken gegenüber der CDU und ihr persönlich besorgten sie. Ihr Satz sei „so populistisch vereinnahmt und bespielt worden, dass es unwürdig war“. Sogar an einem Wahlkampfstand sei sie diffamiert worden: „Mit der musst du nicht sprechen, die spricht nur noch mit der AfD.“ Holzhäuser sieht sich ungerecht behandelt: „Wer mich persönlich kennt, weiß, dass ich meine Probleme mit dieser Partei habe.“ Muss nun die sinnbildliche Goldwaage oder der Eiertanz um Friedrich Merz’ Konfliktlinie bemüht werden? Auf jeden Fall gilt in der Politik wie im „echten“ Leben: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Und – diese Prognose fällt ebenfalls nicht schwer: Nach dem Wahlkampf-Getöse wird auch mit der aufrichtig-arglosen Christdemokratin wieder ganz normal geredet werden.
Ganz große Koalition: Ausgerechnet beim Postplatz
Eigentlich gehört es zu den Qualitäten des Speyerer Stadtrats, dass die unterschiedlichen Gruppen ganz gut miteinander reden können. Die AfD weitgehend außen vor gelassen, geht die sich duzende demokratische Rechts-links-Mitte meist fair miteinander um – und nach der Sitzung gemeinsam einen trinken. Ein schönes Zeichen war deshalb, dass es am Donnerstagabend zu einem gemeinsamen Vorstoß von FDP, CDU und Freien Wählern eine ganz große Koalition gab. Die betraf ausgerechnet das provisorisch-polarisierende Podest vor der Postgalerie. Und wenn im politischen Berlin Zehn-Punkte-Programme zur Migration erstellt werden, ist Speyer allemal für einen Fünf-Punkte-Plan zum Postplatz gut. Die FDP und ihre Partner listeten eine Hand voll Maßnahmen auf, mit denen ohne allzu großen Aufwand und Vorlauf etwas Gutes für den Platz getan werden könnte. So werde das Ganze „mal wieder positiv“ gesehen, verkündete der Liberale Mike Oehlmann – und fast alle Hände gingen in die Höhe. Das umstrittene Podest als Katalysator für politische Versöhnung? Vielleicht. Und ebenso als Humorquelle in der Fasnachtszeit. Anfang der Woche hatte ein Scherzkeks aus Karton Wutzen ausgeschnitten, diese am Podest-Geländer befestigt und „Schweinestall“ drangeschrieben. Passt zu den „Tanzboden“-Witzeleien, die es zu dem Bauwerk auch schon gab. Wenn es – wahrscheinlich in verkleinerter Form – tatsächlich mal zum gastronomischen Freisitz wird, dann sollten die Stadträte dort unbedingt gemeinsam ein Gläschen heben!
Erhoffter Geldregen: Gollum und das Viadukt
Die Schweine am Postpodest sind längst wieder weg – hoffentlich nicht zu Wurst verarbeitet! Obwohl: Ein Stück weiter in der Bahnhofstraße, wo die Viadukt-Fußgängerbrücke nach ihrer Sanierung bis Sommer wieder die Gleise überspannen soll, sind genau diese Würste aufgetaucht. Und zwar in einem Stadtratsantrag der Freien Wähler von Claus Ableiter, dem Ratsmitglied für die ganz großen Sprachbilder. Der forderte mehr Geld vom Land für die teure Brücken-Reparatur und kritisierte die Mainzer Kassenhüter, die ihre Kommunen nicht als stolze Städte und Dörfer behandelten, sondern wie „Hündchen, die man nach der Wurst springen lässt“. Und weil man immer noch eine Metapher draufsetzen kann, zitierte Ableiter ausgerechnet Gollum, den faltigen Schurken aus „Herr der Ringe“, an den Rhein: Die Ministerialbeamten hüteten ihr Fördergeld nämlich gar nicht „wie Gollum den Ring“, für das Viadukt könnte es durchaus einen finanziellen Nachschlag geben. Erwarte das Unerwartete: Speyer ist die Stadt, in der Gollum zum Hoffnungsträger wird – mehr Geschmeide und mehr Wurst für alle!
Neue Bäckereifiliale: Knabbern statt Kinogucken
Das Kino-Festival „Filmfrühling“ erlebt in Speyer keinen Sommer mehr. Die Veranstalter wenden sich nach zwei Auflagen im Domgarten beleidigt von der Stadt ab, die ihnen gemäß eigenem Urteil nicht genügend Unterstützung gewährt. Schade drum – und Anlass für einige schnelle und wütende Bürgerreaktionen: Die Verwaltung lasse das besondere Angebot leichtfertig ziehen, heißt es darin etwa. Für mindestens ebenso große Resonanz sorgte diese Woche die Nachricht, dass Speyer nicht nur etwas verliert, sondern auch etwas gewinnt, in diesem Fall die elfte Filiale einer großen Bäckereikette auf der städtischen Gemarkung. Ein besonderes Angebot ist diese angesichts des immergleichen Konzepts nicht mehr, aber – unschwere Vorhersage – ein erfolgreiches: Wo auch immer sich die Schiebetüren öffnen, sind die Kunden nicht weit. Wahrscheinlich auch die, die mit kritischen Kommentaren dazu mal wieder in den sozialen Netzwerken auffallen …
Analoge Gewinner: Es lebe das gute alte Buch
Politischer Frieden, Geschmeide und Wurst für alle – wenn es in Speyer schon mal läuft, dann lässt sich die tapfere Stadt auch nicht durch einen Hackerangriff auf ihre weiterführenden Schulen in die Knie zwingen. Tatsächlich ist spätestens in dieser Woche klar geworden, dass der Schaden durch in die Computersysteme eingedrungene Daten-Erpresser beträchtlich ist. Die Sorgenfalten bei den EDV-Verantwortlichen wie bei den Ermittlern waren tief. Und doch muss sich keiner Sorgen um die Bildung der lieben Kleinen machen: Der Unterricht könne „unter Verwendung von gedruckten Büchern fortgeführt werden“, verkündete die Stadtverwaltung zuversichtlich. Nun haben endlich alle die Nase vorn, die sich im digitalen Zeitalter analoge Kompetenzen bewahrt haben. Und dieser Nase können nur Wurstfinger in die Quere kommen: „Herr Lehrer, was heißt das, was Sie unter meinen Aufsatz geschrieben haben?“, fragte ein Schüler. Der Pädagoge prompt: „Du musst deutlicher schreiben.“
Ein friedlich-freundliches Wochenende wünscht
Patrick Seiler