Speyer
Patricks Woche: Überblick in unübersichtlichen Zeiten
Bürgerbeteiligung: Luft nach oben
Die Bürgerbeteiligung macht in Speyer in den Pfingstferien keine Pause: Es laufen gerade zwei größere Verfahren. Erstens sollen die Speyerer ihre Meinung zum künftigen Stadtbussystem sagen – und zwar bis zum 26. Juni etwa unter dem Hashtag #Speyersteigtein. Formuliert sind vier konkrete Fragen: Ob die Busse noch durch die Maximilianstraße fahren sollen, ob wieder ein Shuttle nötig ist, zur künftigen Rolle des Umsteigepunkts Postplatz und zu einem „attraktiven Busverkehr“ allgemein. „Soll es in Speyer (wieder) einen City-Shuttle geben? Wie könnte er aussehen? Was haben Sie an dem früheren Shuttle geschätzt?“, werden die Teilnehmer bei der Shuttle-Frage angespornt.Hoffentlich machen mehr mit als beim zweiten Beteiligungsthema, dem Freiraumdialog: Seit März schon sind im Netz Vorschläge zur Entwicklung der „Frei- und Landschaftsräume“ in Speyer möglich. Die Anzahl der Rückmeldungen ist bisher begrenzt. 119 Kommentare waren es am Donnerstagabend in der Summe zu sechs Themenfeldern, oft von denselben Nutzern. Im April wurde die Teilnahmefrist verlängert, aber sehr viel ist nicht mehr nachgekommen – und morgen, Sonntag, endet die Aktion.
Beteiligungsexperiment gescheitert? Natürlich nicht! Es ist gut, dass die Bürger gefragt werden. Wenn die Möglichkeiten – vielleicht bei späteren Themen (Pionier-Quartier?) und nach Corona – vertrauter sind, könnte die Resonanz steigen. Zu beobachten wird daher auch sein, ob und wie der beantragte „Bürger*innenrat“ funktioniert, in dem 50 zufällig ausgewählte Speyerer bei der Klimapolitik mitreden sollen. In den Leserbriefspalten wurden diese Woche schon Zweifel am Interesse der Auserwählten geäußert. Könnte sein – und trotzdem ist es einen Versuch wert. Auch weil die Beteiligungsaktionen zeigen, wie breit die Meinungen in der Bevölkerung gestreut sind. Ein Beispiel: die Kommentare zum Freiraumkonzept. Sie reichen von „Rückzugsraum für Zauneidechsen, Heuschrecken, Wildbienen oder Turmfalken im Normand-Gelände“ bis zu „gezielte Crossmotorradstrecken in ehemaligen Truppenübungsbereichen“. Na dann: Fröhliche Kompromisssuche!
Corona-Auflagen: Überblick verloren
Sehr beteiligungsfreudig sind die Speyerer in privaten Gruppen in den sozialen Medien. „Sind die Geschäfte in der Innenstadt wieder offen?“, fragt diese Woche etwa ein Facebook-Nutzer. „Weiß jemand, ob das Rofu-Kinderland offen hat?“, schreibt eine andere. Ein Gastwirt vom Abholservice schaut erst in den Himmel, dann in die leere Fußgängerzone und deutet auf seinen früheren Freisitz: „Wird nix, oder?“ Dass er zwei Tage später öffnen darf, weiß er in diesem Moment gar nicht. Viele hatten schon den Überblick und die Hoffnung verloren – und dennoch kommen die Öffnungsschritte nun in schneller Folge. Auch Ausgangssperre und Maskenpflicht sind bald passé. Und doch muss immer noch ganz genau hingeschaut werden, was gerade gilt. Diese Woche durften etwa Haushaltswaren ohne Vorlage eines negativen Schnelltests eingekauft werden, für Babybedarf bei besagtem Kinderland galt dagegen eine Testpflicht. Im Baumarkt kamen Privatkunden an einen Großteil des Sortiments nur mit Test, an Gartenbedarf jedoch ohne. Gewerbekunden waren durchweg davon befreit. Ob im Gastro-Freisitz bald die Pizza Frutti di Mare nur nach Rachenabstrich, drinnen die Basisvariante Pizza Margherita aber ohne serviert wird? Hat niemand behauptet, dass es einfach ist in Corona-Country …
Bekämpfungsbeitrag: Fleißig getestet
Land und Bund koppeln den Abschied vom Lockdown an strenge Schnelltest-Regeln. In Speyer gibt es ein engmaschiges Netz an Testzentren. Seit wieder mehr Geschäfte öffnen dürfen, werden auch mehr Schnelltests gemacht. Die Zahlen aus den acht Schnelltestzentren in Kooperation mit der Stadtverwaltung zeigten das schon in der vergangenen Woche: Mit 6734 Tests waren es fast doppelt so viele wie in der Woche zuvor mit 3681, davon elf positiv. Zuletzt gab es noch neun Resultate, die eine Infektion mit dem Coronavirus nahelegten. Das System hat sicherlich dazu beigetragen, die Inzidenzwerte zu drücken: Die zusammen 20 positiven Ergebnisse waren Fälle, bei denen mutmaßliche Ansteckungen vermieden wurden, da sich die Betroffenen (hoffentlich) isolierten. Interessant wird nun die Frage, wie lange die Zentren, in denen auch viele Ehrenamtler helfen, gut genutzt und geöffnet bleiben.
Wirtschaftsförderung: Viele Aufgaben
Einzelhandel und Gastronomie haben mehr Kontrollaufwand durch die Schnelltest-Auflagen. Sie machen es letztlich aber gerne, weil der komplette Lockdown zuvor viel schlimmer für sie war. Viele Geschäfte haben schwer gelitten. Erste Auswirkungen sind in Form von Leerständen sichtbar. Und doch geht es weiten Teilen der Speyerer Innenstadt in dieser Hinsicht deutlich besser als anderen Kommunen. Sie wird die Pandemie überleben, auch wenn sie sich anpassen muss und wird – so wie sie es bei Bedarf immer getan hat. Wenn in anderen Städten langwierige Planungsprozesse laufen, um einen „Erlebnisraum Innenstadt“ zu schaffen, bietet Speyer einen solchen schon seit Jahren: Zur Shopping-Chance kommen Kultur, Gastronomie, Veranstaltungen und die passende Optik. Einen „Citymanager“ wie viele kriselnde Städte muss sich Speyer noch nicht leisten. Natürlich wird Katja Gerwig aber auch diesen Aspekt im Blick haben müssen, wenn sie bald die Leitung der städtischen Wirtschaftsförderung übernimmt. Das wird eine anspruchsvolle Aufgabe, zu der auch das Steuern von Veranstaltungen gehört. Die Bereiche passen zusammen, weil auch Feste in Speyer Wirtschaftsförderung sind. Entscheidend wird sein, dass sie als Frau von außen schnell die Strukturen vor Ort (er)kennt. Wichtige Weichenstellungen stehen an.
Zeitsprung: Gestern und morgen
Prognose: Die Speyerer Gaststätten und Geschäfte werden wieder voller, wenn die Angst vor dem Virus nicht mehr alles überlagert. Die Wochen und Monate, in denen viele Leute viele Kontakte mieden, fühlen sich für etliche Speyerer wie Jahre an. Immerhin: Die verunsicherten Fragen werden seltener. „Hat Schlecker wieder offen?“ oder „Braucht man einen negativen Schnelltest für die Einkehr im Wienerwald?“ hört man jedenfalls kaum noch …