Speyer
Orgelmusik und Bilder-Spende
Altdekan Friedhelm Jakob umriss bei der Vorstellung der Bilder zusammen mit Galeristin Maria Franz von der Galerie Kulturraum und mit Pfarrerin Constanze Lotz die Aufgabe: Die Gedächtniskirche als „Juwel der Neugotik“ benötige ständig Mittel zu ihrer Erhaltung. Die Bilder unter anderem von Anne Ludwig, Klaus Fresenius, Gernot Kissel, Friedrich Jossé, Zoran Petrovic, Manfred Boy und Jochen Frisch neben anderen konnten eingehend besichtigt werden. Die Gebote der Interessenten werden nun mit den Erwartungen der Verantwortlichen des Bauvereins abgeglichen.
Auf jeden Fall war die sonntägliche Besucherschaft durch das der Bildbetrachtung voran gegangene Orgelkonzert von Kirchenmusikdirektor Robert Sattelberger in eine angeregte Stimmung von Kunstsinnigkeit versetzt worden. Gar mancher mag in Sattelbergs reichem Programm auf die Vielgestaltigkeit der im Altarraum aufgestellten Bilder eingestimmt worden sein. Ein durchschlagender Verkaufserfolg darf erwartet werden.
Jakob und Franz versicherten, dass die Spender – Künstler und ihre Erben – mit ihren dem Bauverein überlassenen Gemälden keinerlei Einnahmen tätigten, der Verkaufserlös mithin vollständig in den Ausbau der Gedächtniskirche fließen könne.
Kräftig und majestätisch
Sattelberger gab bei der Vorstellung seines ungewöhnlichen Programms zugleich einen Überblick über die Klangmöglichkeiten seiner beiden Instrumente. Die neue Klais-Orgel von 2021 hinter dem Altar eignet sich mit ihren ausgewogen-plastischen Registern besonders gut für romantische Werke. Sattelberger konnte eingangs die zehn Variationen über „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ des in Dresden hervor getretenen Gustav Adolf Merkel in aparten Registerkombinationen verdeutlichen. Er spielte die Folge getragen bis spielerisch und gegen Ende mit majestätisch aufklingenden Mixturen sowie kräftig markierten Pedalbässen.
Wie fruchtbar die mitteldeutsche Orgel-Landschaft auch noch in der Romantik war, zeigte Sattelberger am Hauptwerk seines Programms: Der dritten Orgelsonate a-Moll des in Erfurt und Magdeburg tätig gewesenen August Gottfried Ritter. Einem durchgängig vorzutragenden, zyklischen Werk von zwanzig Minuten Dauer, das sich von der getrennten Satzfolge der Sonaten etwa des voran gegangenen Mendelssohn deutlich abhebt. Und so mehr ihrem Widmungsträger Franz Liszt nahe steht. Eher kann man in der Dreiteiligkeit von Ritters 20minütiger Sonate die alte Form der französischen Ouvertüre erblicken, wenn Ritter in seine Formteile auch weitere Unter-Abschnitte einfügte.
Plastischer Bilderreichtum
Sattelberger befolgte Ritters deutschsprachige Vortragsbezeichnungen (wie sie auch Schumann und Mahler verwendeten) genau. Ritters Gestalten- und Bilderreichtum belebte er sehr plastisch, die reiche Figuration Ritters kam geschliffen herüber, die marschartigen Passagen nahm er flüssig, ausgedehnte Umspielungen gerieten locker. Durch griffige Phrasierung, die bei der Wiederkehr von Themenkomplexen gleich blieb, war die Möglichkeit der Wieder-Erkennung in Ritters zyklischer Bauweise eindrucksvoll gegeben.
Temporeiche Toccata
Ein besonderes Geschenk machte Sattelberger am Ende an der Chororgel seinen Hörerb noch mit der bekannten d-Moll-Toccata und -Fuge Bachs BWV 565. Er ging sie im Tempo scharf an. In der Toccata zeigte sich die saubere Stimmung der neuen Orgel in besonders günstiger Weise. In der eilenden Fuge dagegen blieben einige kleine Notenwerte nur mit Mühe wahrnehmbar. Aber durch das meisterliche Spiel ergab sich ein impulsiver Durchzug, der spontanen Beifall bekam.
Gefälliges Finale
Als „Rausschmeißer“ vor der Gemäldebesichtigung servierte Sattelberger an der großen Orgel ein gefällig-elegantes Effekt-Stück: Die „Sortie“ („Ausklang“) in g-Moll des seine Landsleute gern mit Geschmeidigem einlullenden Franzosen Louis Lefébure-Wely. Eines Tonsetzers, der nicht nur die Möglichkeiten der sinfonischen Orgel als Freund Aristide Cavaillé-Colls raffiniert zu nutzen verstand, sondern dem Publikum auch mit leichter Kost behagen mochte. Sattelberger stürzte sich in die Walzerfolgen, spielte rhythmus-bezogen, liess die Valse musette geschmeidig anklingen und sorgte am Ende für rauschhafte Überlagerungen und eine wuchtig-dynamische Schluss-Steigerung. Die Hörenden waren begeistert und so recht animiert, aus der Töne-Welt in die Betrachtung der bildnerischen Kunst überzuwechseln.