Speyer Ohrfeige für Null-Fehler-Diktat

. Im April 1951 begann für 45 Mädchen und Knaben in Dudenhofen mit dem ersten Schultag „der Ernst des Lebens“. 1978 sahen sie sich beim Klassentreffen wieder. Anlass war der Besuch von Gabriele Kappner, die inzwischen in Amerika lebte, in der alten Heimat. 2009 feierten sie 50 Jahre Schulentlassung. 21 Jahre wollte der Jahrgang 1944/45 nicht noch mal warten. Man ging auf die Siebzig zu. Im Januar 2010 beschloss eine Runde im Café Wilhelmi, „wir könnten uns doch mal öfters treffen“. Einige Wochen später lud Annemarie Busch zur Radtour ein. Die steht seitdem alle zwei Monate auf dem Tagesplan: „Mittwoch, 14 Uhr, Treffpunkt Festhalle.“ Diesen Mittwoch ging’s nach Otterstadt. Zunächst mit dem Fahrrad, zu siebt. Andere fuhren vierrädrig vor oder kamen mit dem Auto zur Einkehr nach. Am Ende waren es 17. Den weitesten Weg hatte Hilde Stritzel. Sie kommt aus Bad Bergzabern zu den Treffen. „Im Schnitt sind wir zwischen zwölf und 19“, sagt Doris Engelhardt. Ditmar Saliniewicz ergänzt: „Immer die Gleichen.“ Gewandert wird selten. Ob zu Fuß, per Rad, Ziel ist eine Gaststätte in der Umgebung. Zum Plaudern bei Essen und Trinken. Günter Eberhard erinnert an eine Schifffahrt auf dem Rhein und eine Fahrt „mit dem Planwagen nach Duttweiler vor zwei Jahren“. Bis zum „ungefährlichen Alter“ waren Mädels und Jungs zusammen in der Mädchenschule. Da ist heute das Rathaus. Trotz – wegen? – der Geschlechter-Trennung ab der fünften Klasse fand aus dem Jahrgang lediglich ein Paar zusammen. Natürlich erst viele Jahre später. Das Bubenschulhaus stand gegenüber der Kirche. Unterricht war von 8 bis 12 Uhr, manchmal noch zwei Stunden am Nachmittag in den Fächern Lesen, Rechnen, Heimatkunde, Diktat, Aufsatz, Turnen. Und Handarbeit für die Mädchen. Karin Hager: „Dienstags und freitags mussten wir vor der Schule um 7 Uhr in die Kirche.“ Eine Anekdote von Eberhard zum Thema Aufsatz: „Nach den Ferien sollten wir unsere Erlebnisse niederschreiben. Was ich nicht konnte, weil wir nicht in den Ferien waren. Für den Einwand bekam ich von Lehrer Kinscherff prompt eine geschmiert.“ Keine Frage, dass alle fleißig und brav waren, niemand was anstellte. Nichts Größeres, Schlimmeres jedenfalls. Die Mädchen gleich gar nicht. Schon weil die Schwester „für ihre Strenge“ gefürchtet war. Mehr wollen sie zu den Erziehungs-, Unterrichtsmethoden der Lehrerin in Ordenstracht nicht sagen. Nur so viel: „Lustig ging es nicht zu.“ Dennoch musste auch Gisela Dennhard im Herbst „zwei, drei Tage Kartoffeln und Gemüse für die Schwestern einsammeln“. Jeder von den Jungs bekam einen Uz-, Spitznamen. Den bis auf Winfried Beck alle vergessen haben wollen. Beck hatte sich mit einem anderen Jungen geprügelt, ihn ordentlich „gezwiwwelt“. Fortan war er, ist er immer noch „die Zwiwwel“. Als „Dörfler“ kämpften die eingeborenen Cowboys gegen die zugezogenen „Waldhöfer“ Rothäute. Die Territoriumsgrenze markierte der Woogbach. Kam in der Schule mal was vor, bekam es meist Karl Zürker ab. Er sagt: „Nie begründet.“ Sein Vater Benno war Lehrer, wollte mit der vorauseilenden Ohrfeige dem Verdacht vorbeugen, den Sohn zu bevorzugen. Zumindest in einem Fall traf er doch den „Richtigen“: Karl entdeckte zufällig zuhause das Diktat-Manuskript für den nächsten Tag; er und Freund Günter schrieben wundersamerweise null Fehler. Für die einmalige Leistung bekamen beide eine gelangt. Was machten Kinder früher nach der Schule? Dennhard: „Wir mussten den Eltern bei der Feld-, und Stallarbeit helfen, in den Sommerferien bei der Ernte. Abends waren wir dann müde.“ Stritzel: „Hopfen zupfen, Tabak einnähen, im Wald Hutzeln zusammenlesen.“ Eberhard: „Auf Lernen, Schulaufgaben erledigen konnte ich mich nicht rausreden. Die Eltern meinten, dafür ist morgens vor der Schule noch Zeit.“ Hager half auch kochen und Kuchen backen. Nach der Schule 1959 gab es für Frauen keine allzu großen Berufsmöglichkeiten. Christa Götzl: „Im Wesentlichen Verkäuferin, Frisöse. Frauen heirateten, bekamen Kinder, blieben daheim.“ Clemens Meyer fing bei der LVA an, ging dann auf den Bau, Reinhold Kinscherff übernahm die Bäckerei, Günter Wilhelm arbeitete als Installateur, Saliniewicz verdiente bei den Heinkel-Flugzeugwerken, VFW-Fokker, Beck, Eberhard führten die elterliche Landwirtschaft fort. Übrigens lud Gabriele Kappner die ehemaligen Mitschüler bei der ersten Zusammenkunft 1978 zum nächsten Klassentreffen nach New York ein. Sieben flogen hin. (län)