Speyer
Notfallübung: Wenn Wasser Kulturgut bedroht
Vor dem Hintereingang der Landesbibliothek in der Butenschönstraße herrscht viel Betrieb. Einsatzkräfte von Technischem Hilfswerk (THW) und Feuerwehr verlegen Stromkabel, bauen Generatoren auf und verständigen sich über Funkgeräte. Helfer aus anderen Kultureinrichtungen der Stadt sind gekommen, um zu unterstützen. Sie alle proben den Ernstfall. Was wäre, wenn Wassermassen ins oberste Magazingeschoss der Landesbibliothek eindringen und für einen Stromausfall sorgen würden?
Katastrophen ziehen auch Kulturgut in Mitleidenschaft. Ein Beispiel: die Ahrtal-Flut 2021. „Die Ahrtal-Katastrophe hat uns vor Augen geführt, wie wichtig es ist, auch in Kulturgut bewahrenden Einrichtungen besser auf Katastrophen vorbereitet zu sein“, erklärt Katharina Binz. Die rheinland-pfälzische Kulturministerin (Grüne) ist nach Speyer gekommen, um sich ein Bild von der Übung zu machen.
Nicht unrealistisch
Unrealistisch ist ein Wassereinbruch auch in der Landesbibliothek nicht, weiß Armin Schlechter. „Wir haben ein Flachdach“, sagt der Leiter der Abteilung Sammlungen im Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz. Wenn sich etwa nach einem Starkregen Wasser seinen Weg ins Gebäude sucht, ist Eile geboten. Bereits nach zwei Tagen setzten durchnässte Bücher Schimmel an. Das Kulturgut könnte irreparabel beschädigt werden. Um das zu verhindern, muss es gefriergetrocknet werden – und dafür erst einmal aus dem Gebäude raus. „Das muss laufen.“
Und es läuft. Während Schlechter das Szenario erklärt, beginnen die großen Generatoren zu dröhnen. Eingang und Treppenhaus erstrahlen taghell. Das Technische Hilfswerk hat für Licht gesorgt. „Das hat gut und fix funktioniert“, bilanziert Andreas Garrecht, Einsatzleiter des THW. Etwa 50 Kräfte stellen THW und Feuerwehr, weitere 20 kommen vom Notfallverbund Speyer. 2013 schlossen sich zehn Archive, Bibliotheken und Museen zusammen, mittlerweile zählt der Verbund 14 Mitglieder verschiedener Träger. Das Ziel: gegenseitige Hilfe im Katastrophenfall. Thomas Fandel leitet normalerweise das Bistumsarchiv. Jetzt trägt er gemeinsam mit Isabell Weisbrod vom Landesarchiv eine vollgepackte Bücherkiste. „Das ist schon schwer“, sagt Fandel im Vorbeigehen. Auch das Handling sei zu zweit nicht einfach – wichtige Erfahrungswerte. „Man muss das üben, um zu sehen, wo sind die Tücken und was hat geklappt“, erklärt Annette Gerlach, Leiterin des Landesbibliothekszentrums und der Landesstelle Bestandserhaltung. Die Übung sei wichtig und ein gutes Vorbild für die landesweite Notfallplanung. „Die Feuerwehr Speyer hat einen mustergültigen Alarm- und Einsatzplan.“
Mehrere Übungsziele
Die Kompetenz von Brand- und Katastrophenschutz hat sich der Notfallverbund ebenfalls mit an Bord geholt. „Wir haben verschiedene Übungsziele“, erläutert Stadtfeuerwehr-Inspekteur Peter Eymann. Zum einen sei es darum gegangen, für den Ernstfall Einblicke in den Aufbau der „Labi“ zu erhalten. So bekamen die Wehrleute etwa den Bereich mit den besonders wertvollen Objekten gezeigt, die im Notfall zuerst gerettet werden müssten. Bei der Übung sind sie außen vor, erklärt Abteilungsleiter Schlechter. Stattdessen sollen hundert laufende Meter Bücher probeweise aus dem Gebäude geholt werden. Über 25.000 laufende Meter beheimatet die Bibliothek. Sie alle im Ernstfall in Sicherheit zu bringen – für die Mitarbeiter der Landesbibliothek wäre das nicht zu machen. Dafür sind die Unterstützer da, die die Abläufe kennenlernen sollen – das zweite Übungsziel.
Die Helfer kommen ins Schwitzen. Kiste für Kiste voller Bücher bringen sie aus dem obersten Stockwerk ins Erdgeschoss. „Extrem anstrengend“, ordnet Eymann ein. Im Flur oben können die Träger kurz durchschnaufen. Sie müssen auf neue Kisten warten, die erst gepackt werden. Es geht schubweise voran. „Das war ein bisschen der Flaschenhals“, bilanziert THW-Einsatzleiter Garrecht.
Das Land stärke die regionalen Notfallverbünde, sagt Binz. „Ein wichtiger Baustein dabei ist das Kulturgutkataster, das nun alle relevanten Kulturgut bewahrenden Einrichtungen im Land erfasst und zukünftig im Brand- und Katastrophenschutz-Portal zugänglich sein wird.“ Im Notfall könnten Blaulicht-Organisationen gezielt handelt. Zudem würden für rund 1,1 Millionen Euro Großgeräte wie Notfall-Container und Notfall-Lkw beschafft.
Vor dem Eingang hat ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr angedockt und seine Ladeluke geöffnet. Gerade wuchten die Helfer noch eine Bücherkiste auf die bereitstehende Holzpalette, auf der bereits mehrere nummerierte Kisten stehen. Sie werden gesichert und in den Lastwagen verladen. Das Kulturgut ist gerettet.