Speyer
„Nipple Jesus“ beim Kulturbeutel
Ist das Kunst oder kann das weg? Diese Frage hat der britische Autor Nick Hornby in seiner Erzählung „Nipple-Jesus“ eindrucksvoll beantwortet. Im 28. Speyerer Festival Kulturbeutel ist Schauspieler Oliver Fobe unter der Regie von Matthias Folz ein unterhaltsames Ein-Personenstück zum Lachen, Hinterfragen und Nachdenken gelungen.
Fobe spielt Dave, 55, 1,81 Meter groß, 91 Kilogramm schwer, keine Ausbildung, nach eigener Einschätzung sportlich, Raucher. Er spielt den ehemaligen Türsteher und aktuellen Museumswächter in einer städtischen Galerie großartig. Seine Bühne ist die Speyerer Städtische Galerie, sein Requisit ein Barhocker. Gut gekleidet in schwarzem Anzug und roter Krawatte schimpft Dave über seine „beschissene Lage“. Am liebsten wäre er Tiger Woods oder Elon Musk. Für die Golf-Profi-Karriere ist er zu alt, Musk ist ohnehin keine Option. Auf Anraten von Ehefrau Lisa bewacht er also jetzt Pizzakartons, Papierschere und Bierflasche in der Galerie. Sämtliche Objekte sind zentral in Szene gesetzt, die originelle Herstellung hat Hanna Neuhaus übernommen.
Eine Lebensbeichte
Daves Bericht über seinen kurzen Aufstieg in die Kunstwelt als Bewacher des „Nipple Jesus“ inklusive prominentem Platz in der örtlichen Zeitung gerät zur Lebensbeichte. Souverän berichtet Fobe mehr als eine Stunde lang von zerstörten Illusionen, vom sterbenden Christus, einer Künstlerin, die ihn anzieht und am Ende enttäuscht. Auf „ein verdammt gutes Bild“ soll er aufpassen. Bei näherem Hinsehen wird daraus indes ein aus unzähligen Pornoheft-Fotos ausgeschnittenes und aufgeklebtes Werk, das schon vor der Ausstellungseröffnung für Tumult sorgt. Auch Dave hält das Bild, das ausnahmslos aus Brustwarzen besteht für alles andere als ein Kunstwerk. Auch wenn „Nipple Jesus“ in der Speyerer Städtischen Galerie unsichtbar bleibt, gelingt es Fobe, den Stein des Anstoßes in jedem Winkel in Nahaufnahme zu zeigen. Was Dave im ersten Augenblick anwidert, wird nach und nach zum Bild der Bilder, zu reiner Kunst.
Fobe bedient Künstlerklischees, Selbstverliebtheit, Scheinheiligkeit und die Arroganz der Kunstszene. „Man muss ganz nahe ran, um pikiert sein zu können“, erklärt Dave, wie „Nipple Jesus funktioniert und dass man in einer Galerie stets darauf achten muss, was die anderen denken.
Kunst wird zum Teufelswerk
Am Beispiel von „Nipple-Jesus“ wird Kunst zum Teufelswerk oder Heiligtum, je nachdem, von welcher Seite sie betrachtet wird. Dave jedenfalls hat das Bild – blasphemischer als alles, was er bisher gesehen hat – geliebt. Vor den Trümmern dieses polarisierenden Beispiels Bildender Kunst kniet der Aufpasser nieder. Wäre er religiös, würde er sagen: „Jesus ist eben Jesus.“
Was Dave zur Verzweiflung treibt, ist für die Künstlerin der Inbegriff des Erfolgs. Zwei Tage lang hat er sich der Illusion hingegeben, „Nipple Jesus“ seit schützenswert. Jetzt gibt es einen schlechten Film über die Entwicklung des Kunstwerks, den ganz hinten im Flur der Galerie so gut wie niemand anschaut. Daves Platz ist fortan statt vor dem Todeskampf des Gottessohnes der neben Pizzakartons, Papierschere und Bierflasche.
Die schonungslose Bearbeitung des Kunstbegriffs und seiner tieferen Bedeutung ist im Kulturbeutel gut aufgehoben. Zur Premiere sind viele Besucher gekommen, den weiteren Aufführungen sind noch mehr Zuschauer zu wünschen. Die von Folz als Experiment angekündigte Satire ist Darsteller und Regisseur jedenfalls grandios gelungen.