Speyer
Neue Notengebung: Schüler freuen sich, Elternvertreter zweifelt
In der Schülervertretung des Hans-Purrmann-Gymnasiums wurde kräftig diskutiert, nachdem die Anordnung von Bildungsminister Sven Teuber (SPD) bekannt geworden war. „Wir freuen uns eher darüber“, gibt Noemi Deckert, eine der Gewählten, die Stimmung wieder. Sie selbst sei in ihren bis dato zwölf Schuljahren immer wieder mit solchen Tests konfrontiert gewesen und erinnert sich, dass diese durchaus für Stress und Druck unter Schülern sorgen konnten. Für Schüler sei der Verzicht darauf eine Entlastung.
„Ab und zu in einem Fach war das ja okay, aber bei Pech mit den Lehrern konnte es zu viel werden“, sagt Deckert. Die Pädagogen am „Purrmann“ hätten das Instrument sehr unterschiedlich eingesetzt: Manche hätten es geliebt, andere ganz darauf verzichtet, wiederum andere stets die Termine der Leistungskontrollen oder zumindest Zeiträume dafür angekündigt. Die angehende Abiturientin glaubt nicht, dass ohne die Überraschungstests das Niveau nachlässt: Es könnte ja sein, dass jetzt die angekündigten Überprüfungen schwerer werden.
Ändert sich nicht viel
„Es ändert sich nicht viel für uns“, sagt Lehrerin Petra Fischer-Wolfert. Sie leitet seit diesem Schuljahr die Integrierte Gesamtschule Speyer, an der die unangekündigten Tests ohnehin keine große Rolle mehr gespielt hätten. „Sie sind ein bisschen aus der Zeit gefallen“, findet sie. Schule sei heute transparent und demokratisch, dazu gehöre aus ihrer Sicht, mit offenen Karten zu spielen. „Wir Lehrer sehen uns heute im Verbund mit unseren Schülern, wir wollen sie nicht überfahren.“
Sie selbst habe auch bisher schon die Termine etwa ihrer Vokabeltests angekündigt, so die Lehrerin für Englisch, Deutsch und Darstellendes Spiel. Fischer-Wolfert erwartet künftig sogar bessere Lernerfolge ohne die Leistungsnachweise mit starker Zufallskomponente.
Ganz ähnlich äußert sich Christa Bernardi aus der Schulleitung des Edith-Stein-Gymnasiums: Der Inhalt des Schreibens aus Mainz stoße an der Schule auf Zustimmung, auch wenn der Zeitpunkt überrascht habe. „Wir können das problemlos umsetzen“, so die Mathematik- und Musiklehrerin. Auch an der Mädchenschule im Speyerer Westen müssten sich die meisten Lehrer ohnehin nicht groß umstellen.
Bernardi sieht andere Faktoren als wichtiger für den Lernerfolg an – an erster Stelle guten Unterricht. „Wir wollen Interesse wecken an den Themen, die behandelt werden“, betont sie. Schule von heute gehe stark auf die Schülerinnen ein und setze nicht auf Druck. „Wir sind keine Lernanstalt“, so die Pädagogin. Für sie ist zudem „nachhaltiges Lernen“ wichtig, dem oberflächliches Faktenbüffeln aus Furcht vor einer Abfrage eher entgegenstehe. Wenn die Lernatmosphäre positiv sei, falle es den Schülerinnen auch leichter, fleißig zu seien und den Stoff zu üben – ohne das gehe es nämlich auch künftig nicht, das wisse sie gerade als Mathelehrerin.
Wichtigere Probleme
Eher kritisch blickt ein Schulelternsprecher auf das Thema. Matthias Maase leitet den Elternbeirat am Gymnasium am Kaiserdom und hat sich über einige Begründungen des Ministers gewundert, wie er bekennt. Teuber will über die Abschaffung unangekündigter Tests hinaus mit weiteren Schritten die „Lern- und Prüfungskultur“ zu verändern. Er verwies darauf, dass immer mehr Kinder und Jugendliche Schule „als Raum des Unwohlseins“ empfänden.
Elternvertreter Maase sieht in dem Beschluss zu den Tests indes ein Verrutschen der Prioritäten: Dies sei „wirklich nicht das wichtigste Problem“ an den Schulen gewesen. Ausreichend Personal, eine fortschreitende Digitalisierung und eine angemessene Infrastruktur seien viel akutere Punkte auf der Liste. „Aus der Elternschaft haben wir bislang auch keine Signale erhalten, dass durch unangekündigte HÜs die Schule zunehmend als ,Raum des Unwohlseins’ empfunden wird“, erklärt er. Im Gegenteil: Sie könnten die „Toolbox der Lehrkräfte durchaus sinnvoll ergänzen“. Er verweist auf die schnelle Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI), durch die sich eine unverfälschte Leistungsüberprüfung immer schwieriger gestalte. Unangekündigte Tests hätten diesem Problem bisher entgegenwirken können.