Speyer
Nach fünf Jahren: Wie läuft der Inklusionsbetrieb auf dem Friedhof?
Seit fünf Jahren gibt es den Inklusionsbetrieb auf dem Speyerer Friedhof. Fünf junge Menschen mit Beeinträchtigungen sind darin als städtische Mitarbeiter beschäftigt, am Anfang waren es sogar sechs. Die sechste Stelle soll wieder besetzt werden, berichtet Heike Schäfer, die als Sozialarbeiterin und Landschaftsgärtnerin für das besondere Team innerhalb der 27-köpfigen Friedhofsbelegschaft zuständig ist. „Die Erfahrungen sind gut“, so die für den Friedhof zuständige Beigeordnete Irmgard Münch-Weinmann (Grüne).
Die rheinland-pfälzische Arbeitsministerin Dörte Schall (SPD) und Speyers Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD) nicken eifrig. Schall ist auf ihrer Rundreise durch vom Land bezuschusste Inklusionsbetriebe eigens in die Domstadt gekommen, wo das Integrationsprojekt auf dem Friedhof als einer von drei Betrieben in kommunaler Verantwortung im Bundesland eine echte Seltenheit ist. Insgesamt gibt es 70 Inklusionsbetriebe in Rheinland-Pfalz.
Vielseitig einsetzbar
„Es müsste noch mehr Inklusionsbetriebe geben“, betont Schäfer: Die Zielgruppe sei sozialversicherungspflichtig beschäftigt, auf keine weiteren Sozialleistungen angewiesen und für wichtige Aufgaben einsetzbar. „Arbeit ist genug da, sie sind eine echte Hilfe“, so Münch-Weinmann über die im Jahr 2020 eingestellten Mitarbeiter. Stefan Stranz sei der Pionier gewesen: Er war schon zuvor als Förderschüler in einem längeren Praktikum auf dem Friedhof tätig – auch um ihn im Team behalten zu können, wurde der Betrieb gegründet.
„Die Arbeit auf dem Friedhof ist für mich schön, aber Beerdigungen sind für mich nicht so einfach, das macht mich traurig“, schreibt zum Beispiel Mitarbeiter Max Seibel in einer kleinen Ausstellung zum Inklusionsbetrieb, die anlässlich des Besuchs der Ministerin zusammengestellt wurde. „Es macht mich stolz, im Bestattungsdienst zu sein und die Aufgabe würdevoll auszufüllen“, steht auf dem Zettel von Stefan Stranz.
Nicht nur pflegen und pflanzen
Er strahlt, als Chefin Schäfer berichtet, wie er sich in den fünf Jahren weiterentwickelt hat. Alle sechs Neuen seien zunächst für reine Pflege- und Pflanzarbeiten zuständig gewesen, hätten sich aber Ziele setzen dürfen. Je nach Möglichkeit sei dann zum Beispiel das Rasenmäherfahren dazugekommen – und im Fall von Stranz eben die ehrenvolle Aufgabe als Sargträger. „Das gefällt mir“, betont er und berichtet, dass er eigens Krafttraining gemacht hat, um mit den großen Lasten zurecht zu kommen.
Kristin Seiler ist eine echte Expertin für die vielen Pflanzen, die auf dem Friedhof gedeihen. Sie hat zum Beispiel an der Neubepflanzung der Ehrengräber mitgewirkt, die es für die Opfer der Explosion in der Speyerer Celluloid-Fabrik (1933) und in der BASF (1948) auf dem Friedhof gibt. Dabei wurden in einem Projekt von der Planung bis zur Pflanzung alle Schritte vereint. „Farbenfroh und bienenfreundlich“ seien die ausgewählten Stauden, erklärt Seiler. „Ich bin alleine hingegangen und habe darum gekämpft“, berichtet sie von ihrem Weg in den festen Job. Gelegenheitsarbeiten gehörten seither der Vergangenheit an. Auf dem Friedhof sei sie in ihrem Element: „Ich habe einen grünen Daumen.“
Idee auch für andere Bereiche
„Es ist ein Miteinander“, sagt Valentin Lind, Verantwortlicher für den grüntechnischen Bereich des Friedhofs, über das erweiterte Team. „Wir geben ihnen die Chance, sich zu beweisen.“ Münch-Weinmann denkt laut über eine Ausweitung auf andere Bereiche nach: Auch ein Kantinenbetrieb mit behinderten Mitarbeitern wäre in Speyer etwa denkbar. Die Vielzahl der Bewerbungen bei der Gründung des ersten Inklusionsbetriebs habe die Stadt überrascht, berichtet OB Seiler. Der Bedarf an solchen Stellen sei groß.
„Inklusionsbetriebe lohnen sich in allen Bereichen“, ist Schall überzeugt. Die Ministerin kennt Beispiele vom Supermarkt bis zur Autowaschanlage. Die anderen kommunalen Betriebe in Worms betreffen einen Cateringservice und in Kaiserslautern die Straßenreinigung. Die Speyerer Einheit auf dem Friedhof habe aktuell genau die richtige Größe, betont Münch-Weinmann. So klappe es einerseits mit der Verschönerung der 17 Hektar großen Anlage, aber auch mit der Persönlichkeitsentwicklung: „Alle lernen voneinander.“