Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Musikalischer Klartext: Max Eisinger und sein Quintett „Tacheles“ begeistern bei SchUM-Kulturtagen

Im Ratsaal beim Konzert „Tacheles“: Max Eisinger (Geige) und seine Band.
Im Ratsaal beim Konzert »Tacheles«: Max Eisinger (Geige) und seine Band.

Mit Musik aus der Diaspora hat der Ausnahme-Geiger Max Eisinger die Besucher des Historischen Ratssaals schier berauscht. Sein Quintett „Tacheles“ ist ausgezogen, die Welt mit seiner Musik zu inspirieren. Beim Konzert zu den Speyerer SchUM-Kulturtage ist dieser Vorsatz großartig gelungen.

Max Eisinger ist jung, gerade 31, lebt abwechselnd in Berlin und Amsterdam, liebt die Musik, das Leben, seine Freiheit. Eisinger redet, singt und spielt „Tacheles“, Klartext. Seine Musik kennt keine Umschweife, weder Ausreden noch Abwägen. Mit ganzem Körpereinsatz trägt Eisinger jeden Klang durch den Historischen Ratssaal, Hingabe leuchtet aus seinen Augen.

„Eine Nacht im Garten Eden“ spielt Tacheles zum Auftakt temperamentvoll, fröhlich, voller Anmut. Gypsy-Jazz wechselt zu Klezmer, Django Reinhardt zu Kurt Weill, Jiddisch zu Englisch, israelische Volkslieder stellt Eisinger zu Bertold Brechts „Dreigroschenoper“. Rasante Melodien greifen in gefühlvolle Klänge, Improvisationen in weltberühmt gewordene Lieder. Seine Wurzeln in einer deutsch-jüdischen Familie sind spürbar, seine Leidenschaft für die Geige ist unverkennbar. Eisinger zupft und streicht, ja streichelt die Saiten seines Instruments, tritt mit ihm, der Klarinette, dem Saxophon, zwei Gitarren und dem Kontrabass in den Dialog. Im Fokus steht indes immer die Geige, ihre kulturelle Vielfalt im 20. Jahrhundert.

Fritz Kreisler, österreichischer Komponist und einer der bedeutendsten Geiger des 20. Jahrhunderts, steht mit einer grandiosen Mischung aus „Liebesleid“ und „Liebesfreud“ auf dem Programm des Quintetts.

Stephane Grappelli, Django und Schnuckenack Reinhard kommen zu Wort. „Unter dem Himmel von Paris“ erklingt von Django Reinhardt (1910 bis 1953), der die meiste Zeit seines Lebens in Paris gelebt hat. Zum Weinen schön ist das Vorspiel, das sich unter den Händen von David Motsonashvili mit seiner E-Gitarre entwickelt. Eisinger erzählt dazu mit der Geige, wie der Himmel über der französischen Hauptstadt aufbricht. Mit „Minor Swing“ präsentiert Tacheles die berühmteste Komposition von Django Reinhard einfach großartig.

„Viele teilen den Namen Reinhardt oder schmücken sich sogar damit“, berichtet Eisinger von engem Zusammenhang mit Namen und Musik. „Gipsy-Jazz ist mehr als nur Django“, betont er und swingt mit der Zustandsbeschreibung „Ich bin ein bisschen betrunken“ einem musikalischen Abenteuer von Schnuckenack Reinhard voran. Motsonashvili greift dafür zur klassischen Gitarre, Kontrabassist Jens Petzold steigt solistisch eindrucksvoll mit ein.

Der Historische Ratssaal erweist sich als idealer Ort für das Tacheles-Konzert. In ihm gelingt es, fast intime Atmosphäre und gleichzeitig die Akustik im Konzertsaal herzustellen. Dialoge zwischen Geige und Klarinette (Joachim Lenhardt) werden zu Hörerlebnissen, die nur dann noch gesteigert werden können, wenn Lenhardt zum Saxophon greift. Jeder Tacheles-Instrumentalist spielt voller Leidenschaft, die Begeisterung der Musiker erreicht das Publikum unmittelbar.

Eisinger begleitet seine Musik mit ausladenden Tanzschritten, er springt vor Freude in die Luft und begleitet sein Spiel immer wieder mit ein paar Gesangzeilen. Den Niederländer Stochelo Rosenberg nennt Eisinger den wichtigsten zeitgenössischen Vertreter des Gipsy-Jazz. Das Lied an seine Schwester begleitet Gitarrist David Kluettig solistisch sehr gefühlvoll. Die Moritat von „Mackie Messer“ aus Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ findet in Eisingers Gesang ihre Vollendung.

Alter, Größe, Kleidung, Herkunft: Nichts ist mehr wichtig, wenn Tacheles zum Tanz aufspielt. Alles ist Musik, alles swingt, alles Gefühl und Temperament. Eisinger spielt ausgelassen, seine Bandmitglieder haben den Schalk im Nacken. Jüdische Klezmer-„Scherentänze“ oder „Tates Freilach“, auf jiddisch vorgetragen, lassen keinen Fuß im Publikum länger ruhen.

Ohne Zugabe wollen die begeisterten Zuhörer das Quintett nicht gehen lassen, auch nicht nach dem Versprechen, dass sie wiederkommen nach Speyer. Mit einer ungewöhnlichen, wunderschönen Version des seit seiner Uraufführung 1933 unzählige Male gecoverten „Bei mir bist Du schön“ verabschieden sich Eisinger und Tacheles aus dem Historischen Ratssaal der Stadt, die sie möglichst bald zurückkehren wollen und sollen.

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