Speyer „Modisch ging bei uns die Post ab“
«Lingenfeld.»Sie kennen sich seit 50, 60 oder 70 Jahren: Zahlreiche Schülerjahrgänge treffen sich bis heute regelmäßig. Was hält sie nach so langer Zeit noch zusammen? Sind es die Kindheitserinnerungen? Haben sich die Träume von damals erfüllt? Heute stellt die Serie den Jahrgang 1956/57 aus Lingenfeld vor.
Das Nebenzimmer der Waldgaststätte „Vogelhäuschen“ platzt aus allen Nähten. „Wir sind die Sixties“, stellt Karin Waldschmitt ihren Jahrgang vor. In der Küche bereitet Andrea Ward das Essen für ihre ehemaligen Mitschüler vor. „Ihretwegen treffen wir uns im Vogelhäuschen“, erklärt Waldschmitt. „Sonst könnte sie nie dabei sein.“ Richtig dabei sein wird Ward erst Stunden später. 26 Mädchen und 27 Jungen seien im April 1962 zusammen in die Lingenfelder Volksschule eingeschult und sofort wieder getrennt worden, berichtet Hans Ball von Regeln, die auch vor dem Dorf seiner Kindheit nicht Halt gemacht hätten. Zehn Ehemalige seien bereits gestorben, einer in die Schweiz gezogen, zwei hätten geheiratet. In der ersten und sechsten Klasse habe sie der gleiche Lehrer unterrichtet, in der achten und neunten seine Frau, sagt Annette Kronschnabel. „Wer geschwätzt hat, musste einen Absatz aus dem Gesangbuch auswendig lernen“, erinnert sich die 60-Jährige so gut wie ans damals übliche „Ohrenziehen“. Für Henny Schnell waren vier Schulstunden Babypflege ein Graus. Und Hauswirtschaft: Linsensuppe aus der Dose hätten sie zubereitet, sagt sie. Nachhaltigen Eindruck hat der Lehrer „mit rosa Hosen und Fransen-Jacke“ bei seinen Schülerinnen auch noch nach 50 Jahren hinterlassen. Waldschmitt legt ein Poesiealbum auf den Tisch und holt schon etwas vergilbte Zettel hervor. „Das ist meine Entlassrede“, sagt sie und beginnt zu lesen, was für die Schüler damals lustig war. Als wäre es gestern gewesen, spricht Kronschnabel den Text mit. Keiner kann sich an einen Jahrgangs-Klassensprecher erinnern. „So was hatten wir nicht“, sagt Kronschnabel. „Früher konnte man mit Hauptschulabschluss noch Meister werden“, blickt Roland Amann wehmütig zurück, „als Volksschulbildung noch etwas wert war“. Heinz „Branco“ Rankel trifft ein. Seinen Spitznamen habe er aus einer damals angesagten TV-Westernserie, erklärt er und zwängt sich auf den Stuhl neben Doris Tymeczko. „Der Sexualkundeunterricht hat sich weitgehend auf Hygiene beschränkt“, erinnern sich beide an Hemmungen bei Lehrern und Schülern. Rankel weiß noch, dass er seine erste Zigarette mit zwölf „mit Freunden in einem Bauwagen auf dem Weg zur Schule“ geraucht hat. Miniröcke, „Hotpants“, weiße Kniestrümpfe: „Modisch ging bei uns die Post ab“, schwärmt Henny Schnell. „Alle Buben hatten lange Haare – außer Ernst“, erinnert sich Walter Schnell. „Die nächste Disco war in Germersheim“, sagt der Jahrgang. „Mittags um 3 durften wir hin, abends um 9 mussten wir zurück sein“, erzählt Waldschmitt. Als Achtjährige habe sie Traktor fahren können und vorne auf dem Mähdrescher gesessen, erzählt sie von Feldarbeit statt Traumberuf. Regina Kellner stimmt ihr zu. Auch sie habe im elterlichen Betrieb arbeiten müssen, anstatt Friseurin zu lernen. Mädchen hätten sich die Berufswahl abschminken können, sagt sie. „Du heiratest doch sowieso“, habe es geheißen. Doris Dais erinnert sich an ihre erste Geburt: „Ich lag mit sechs anderen Müttern im Krankenzimmer und war mit Abstand die älteste.“ Henny Schnell hat in der Schulzeit Roy Black gehört, die anderen Rockmusik. Das Festival auf der „Insel Grün“ mit Pop-Größen wie Uriah Heep oder „Doors“ hat keiner vergessen. „Unsere Eltern sind ausgerastet, aber wir sind gegangen“, beschreibt Waldschmitt heftige Diskussionen in den Lingenfelder Familien, die der Jahrgang 1956/57 für sich entschieden hat. Die Küche im „Vogelhäuschen“ schließt. Ward setzt sich zu ihren Schulfreunden und liest im Poesiealbum: „Wandle stets auf Rosen, auf immergrüner Au, bis einer kommt in Hosen, der nimmt dich dann zur Frau.“