Speyer Mit süßer Last unter der Brücke versteckt

Mit Erde und Laub verschüttet: Reste des „Zuckerbrückels“ und der Sandsteinmauer des Scheidgrabens in Heiligenstein.
Mit Erde und Laub verschüttet: Reste des »Zuckerbrückels« und der Sandsteinmauer des Scheidgrabens in Heiligenstein.

«RÖMERBERG.»Ziemlich genau an der Stelle, wo sich die Brücke befindet, stoßen die Gemarkungen „Zehnt- und Rottwiesen“ sowie „Lo(c)häcker“ aufeinander. Nur wenigen der heutigen Generation unter 50 dürfte der Begriff „Zuckerbrückel“ noch geläufig sein. Diese kleine Brücke bot zu allen Zeiten die Möglichkeit der sicheren Überquerung des Gescheidegrabens, der nach der Brücke auch „Zuckerbrückel-Graben“ bezeichnet wird. Doch was hat es mit dem Namen auf sich? In seinen ortshistorischen Aufzeichnungen schreibt Lehrer Karl Bettag (1899-1972): „Vor Zeiten als zwischen Baden und Pfalz noch Zollschranken waren, wäre ein Zuckerschmuggler von Zöllnern verfolgt, mit seiner süßen Last unter die genannte Brücke geflüchtet und dadurch gerettet worden.“ Was ist wirklich dran, an dieser Überlieferung? Finden sich heute noch Spuren, die den Wahrheitsgehalt beweisen können? Der erste Gedanke, nämlich die Inaugenscheinnahme des (Tat)Ortes, führt schnell zur Ernüchterung. Eine Steinbrücke im eigentlichen Sinn ist hier nicht zu erkennen. Also wird in den noch immer vorhandenen Scheidgraben hinabgestiegen, der zwar trocken, aber voller Laub von den umliegenden Bäumen ist. Nachdem man sich auf diese Weise durchgekämpft hat, fällt der Blick rechterhand auf eine kleine Steinmauer, und es lassen sich – mit etwas Fantasie – auch Teile einer ehemaligen Brücke erkennen. Das Bild, das sich hier bietet, erinnert an einen verwunschenen Ort, der sich in einem Dornröschenschlaf befindet. Ein Hinweis, woher der Name Zuckerbrückel kommt, findet sich hier nicht. Deshalb ist es unumgänglich, in alten Schriften und Dokumenten nach Informationen über die Brücke und den damit zusammenhängenden Schmuggel zu erhalten. Doch wo genau suchen? Nachdem Besuche und das systematische Durchstöbern in zahlreichen Quellen der umliegenden Archive auch zu keinen nennenswerten Ergebnissen führen, bleibt nur noch das Durchforsten der Jahresbände der sogenannten „Intelligenzblätter des Bayerischen Rheinkreises“ übrig. Darin wurden vorwiegend im 19. Jahrhundert alle wichtigen Anzeigen, Bekanntmachungen und Nachrichten der Öffentlichkeit übermittelt. Und in der Tat: Nach schier endloser Sucherei findet sich schließlich für das Jahr 1834 ein Hinweis, der ziemlich gut mit der von Karl Bettag überlieferten Geschichte in Einklang gebracht werden kann. So lesen wir in der Beilage des Amts- und Intelligenzblattes diesbezüglich eine Mitteilung des bayerischen Hauptzollamtes Speyer: „26. November 1834. Die unbekannten Eigenthümer der von entflohenen Schwärzern, heute Nacht ein Uhr zwischen Berghausen und Heiligenstein abgeworfenen von der Zollschutzwache aber in Beschlag genommenen drei Säcken Zucker zu 141 bayerische Pfund (Anm.: das sind circa 79 Kilogramm) werden hiermit, dem § 11 des Zollgesetzes vom 1. Juli zufolge aufgefordert, binnen sechs Monaten ihre Rechte geltend zu machen.“ Möglicherweise könnte es sich hier um das gesuchte Ereignis handeln. Doch letztlich bleibt es ebenso Spekulation wie die Frage, ob vielleicht einer der genannten Entflohenen „mit seiner süßen Last“ noch unter das „Zuckerbrückel“ flüchten konnte. Überhaupt fällt bei der Auswertung sämtlicher Amts- und Intelligenzblätter auf, dass vor allem in den Jahren 1831 bis 1835 deutlich mehr Zuckerschmuggel betrieben wurde, als in den Jahren davor oder danach. Die Schmuggelzentren waren überwiegend die Gegenden der heutigen Süd- und Vorderpfalz. In unserer Gegend seien neben Speyer noch Mechtersheim, Berghausen, Otterstadt, Waldsee und Hanhofen zu nennen.

Dienten als Schmugglerverteck: dicke Baumstümpfe.
Dienten als Schmugglerverteck: dicke Baumstümpfe.
x