Speyer Mit Nazi-Pferden vergaloppiert

Placeholder-Image
Bad Dürkheim

/Dudenhofen. Rainer Willi Wolf wird am 2. Oktober 1941 geboren. Acht Jahre nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Und vier Jahre vor deren Untergang, samt ihrem Dritten Reich, das tausend Jahre hätte dauern sollen. Der Junge hat ein halbes Jahr zuvor gerade mal seinen dritten Geburtstag gefeiert. Den „Führer“ nimmt er kaum mehr bewusst zur Kenntnis. Aber er wird einen Großteil seines – wirtschaftlich überaus erfolgreichen – Lebens damit verbringen, sich dem Sammeln von Devotionalien hinzugeben, die dessen intellektueller Kleingeist in grausiger Allianz mit Größenwahn an Macht, Kult und falschem Mythos hervorgebracht hat. Wie viele Teile die Sammlung in ihrer größten Dimension jemals hatte, weiß außer Wolf wohl niemand. Ein ehemaliger Firmenangestellter erzählt, dass er öfters im Auftrag seines Dienstherrn nach Düsseldorf zur Familie Prof. A. B. hatte fahren müssen, um zum Beispiel Bronzestatuen oder Adlerfiguren zu holen, auch riesige Bilder aus Aachen. A. B. ist Arno Breker, Hitlers Lieblingsbildhauer, der auch die Großplastiken „Der Künder“ und „Berufung“ gegossen hat. Die finden sich am vergangenen Mittwoch bei bundesweiten Durchsuchungen diverser Immobilien von sieben Privatleuten, die die Berliner Staatsanwaltschaft der Hehlerei verdächtigt, in zwei Hallen sowie auf Freigelände im Gewerbegebiet Bruch. Eine hat Wolf seit geraumer Zeit angemietet, die andere gehört laut Ermittlungsbehörde einem seiner Söhne. Auf ihn wurden die Ermittlungen deshalb am Freitag ausgeweitet. Ob der heute 73-Jährige mit den Überbleibseln der Nazi-Zeit auch handelte oder zumindest andere Brüder im Geiste damit versorgte, kann zu einer entscheidenden Frage werden. Zumindest die beiden überlebensgroßen „Schreitenden Pferde“ habe Wolf zuletzt verscherbeln wollen. Behauptet die „Kunst-Kripo“ in Berlin – das habe sie ja erst auf die Fährte der gesuchten Rösser gebracht. Der Anwalt Wolfs widerspricht: „Die Kunstgegenstände wurden nicht, wie behauptet, aktiv angeboten.“ Geschaffen vom Bildhauer Josef Thorak, zierten die Tierstatuen einst die Terrasse vor Hitlers Arbeitszimmer in der Berliner Reichskanzlei. Über Umwege kamen sie nach Bad Dürkheim – wie lange genau sie hier vor Ort schon ihr verstecktes Dasein fristeten, zuletzt unter einer dunklen Plane in einer tristen Werkstatthalle, weiß vermutlich nur die Familie. Wer aber weiß etwas über die Familie, über deren Oberhaupt? Wolfs „Nazi-Spleen“ ist vielen bekannt, aber öffentlich fällt er diesbezüglich nie auf. Schon gar nicht ist er jemals parteipolitisch in Erscheinung getreten, auch nicht als Sympathisant oder Unterstützer des rechten Spektrums. Nur einmal wird sein „Faible“ zum Firmenproblem. Einmal, so machte es damals die Runde, muss Wolf doch etwas an braunen Gedanken abgesondert haben, was dem Konzernvorstand eines Kunden in die Finger kam – und der soll dem Firmenchef die Daumenschrauben angelegt haben. Zum Jahreswechsel 1993 jedenfalls zog sich Wolf völlig überraschend komplett aus dem operativen Geschäft zurück. Die graue Eminenz im Hintergrund ist er weiterhin. Im Beirat der Firma ist er sogar weiterhin als Vorsitzender verzeichnet, seine beiden Söhne gehören dem dreiköpfigen Vorstand an. Unverrückbar scheint Wolf nach wie vor dem Familienimperium vorzustehen. Der Bundesanzeiger listet den Ruheständler Ende 2014 als Kopf einer Vermögensverwaltungsgesellschaft mit Sitz in Berlin auf, die Stand Ende 2013 an drei Technikfirmen beteiligt ist, neben der in Bad Dürkheim zwei in Berlin. Eine davon wird Anfang 2014 verkauft. Die Metallbaufabrik J. Walter Söhne in Dudenhofen gehört nicht mehr zum Familienbesitz. Sie ist 2001 in Konkurs gegangen – bis heute macht man im Ort dafür damalige Erbstreitigkeiten verantwortlich. In mehr als 120 Jahren hatte die Fabrik Generationen von einheimischen Familien auf dem 1,8 Hektar großen Gelände im Herzen der Gemeinde Brot gegeben. Wolf hatte irgendwann eine der beiden Enkelinnen des Firmengründers geheiratet. Damit traf nicht nur viel Geld auf viel Geld, sondern scheinbar auch die rechte Gesinnung aufeinander. Die Firma Walter war im letzten Jahrhundert als Ausrüster für die Feldtruppen zweimal Kriegsprofiteur – und stand entsprechend linientreu hinter den Machthabern. Von Dudenhofen aus trat nicht nur die von Walter patentierte Springform für die backende Hausfrau ihren Siegeszug rund um den Globus an. Die Firma erfand für Heerscharen von Soldaten von Kaiserheer über Wehrmacht bis zur Bundeswehr den „Henkelmann“, jenes in sich verschachtelte Essgeschirr, das als „Essekännel“ unter anderem auch Schüler, Schichtarbeiter und Winzersleut’ verköstigte. Auch die Walters sind in Dudenhofen nicht als Parteibonzen der NSDAP oder späterer Nachfolger verschrien. Aber man spricht davon, dass sie wie Wolf wohl eine Schwäche für den Führer und seinen Pomp hatten. Ältere Dorfbewohner erinnern sich noch an etliche NS-Fahrzeuge im Fuhrpark, unter anderem ist von einem Mercedes Benz 540K Cabriolet die Rede, dem Göring-Mercedes, von dem weniger als 200 Exemplare gebaut wurden. Wie schwer das heutige Vermögen von Wolf und seiner Familie tatsächlich ist, ist kaum zu schätzen. Die Spekulationen in Bad Dürkheim beginnen mit einem Millionenbetrag im höheren dreistelligen Bereich, reichen aber auch über die Milliardengrenze hinaus. Ob es sich neben seriöser Lebensleistung im Beruf auch aus zumindest moralisch anrüchigem Handel mit teilweise tonnen- und millionenschwerem Nazinachlass speist, untersucht die Staatsanwalt gerade. Wolfs Anwalt bezeichnet seinen Mandanten als den Eigentümer der bei ihm wiederentdeckten NS-Kunstgegenstände. Sie seien vor mehr als 25 Jahren von der russischen Armee und den früheren Herstellern rechtmäßig erworben worden, so der Anwalt. Die Familie Breker hat der RHEINPFALZ gegenüber ausgesagt, dass sie zwar an Wolf verkauft hat, aber keines der bei ihm entdeckten Werke. Und schwer vorstellbar, dass die Sowjets ihm dafür eine Quittung ausgestellt haben.

x