Speyer „Mit dem Kopf die Tafel gewischt“

Treffen sich monatlich: Angehörige des Dudenhofener Schülerjahrgangs der Geburtsjahre 1946/47.
Treffen sich monatlich: Angehörige des Dudenhofener Schülerjahrgangs der Geburtsjahre 1946/47.

Sie kennen sich seit 50, 60 oder 70 Jahren: Zahlreiche Schülerjahrgänge treffen sich bis heute regelmäßig. Was hält sie nach so langer Zeit noch zusammen? Sind es die Kindheitserinnerungen? Haben sich die Träume von damals erfüllt? Die Serie beginnt heute in Dudenhofen mit dem Jahrgang 1946/47.

Wer in Dudenhofen aufgewachsen ist, kann es weit bringen. Drei Jahrgangsvertreter von 1946/47 leben in Südfrankreich und Australien. Viele sind aber auch in der Region geblieben. Wie die meisten ist auch Otto Reeb für das September-Treffen mit dem Fahrrad vom Festplatz in Dudenhofen nach Otterstadt zum Restaurant „Zum Altrhein“ gefahren. 24 Kilometer. „Das ist unser neunter Ausflug in diesem Jahr“, sagt Reeb stolz. Er wohnt in Reilingen. Seit ihrem 50. Geburtstag treffen sich die „Ehemaligen“ regelmäßig. 35 der 38 Schüler, die die Dudenhofener Volksschule ab 1953 besucht haben, leben noch. Heute sind nur zehn gekommen. „Sonst sind wir mehr“, betont Reeb. „Einige sind krank.“ Margareta Faber aus Ludwigshafen ist die einzige Frau in der Runde. „Unsere Treffen lasse ich mir nicht nehmen“, sagt sie. Die Jungen hätten zwei Dudenhofener Schulen besucht, erzählt Peter Zürker: bis zur fünften Klasse die Nonnen geführte „Mädchenschule“ am Rathausplatz, danach die „Jungenschule“ gegenüber der katholischen Kirche. „Gut, dass es den Rohrstock nicht mehr gibt“, sagt Peter Zürker. An die drastischen Erziehungsmethoden der Schwestern können sich die 70-Jährigen so gut erinnern wie an einen Lehrer, der die Sechst- bis Achtklässler in einem Raum unterrichtet habe. „Er hat die Tafel mit Georgs Kopf gewischt.“ Zürker hat das im Gegensatz zu Opfer Georg Hirt nicht vergessen. Für die RHEINPFALZ habe besagter Lehrer übrigens auch geschrieben. Reeb weiß noch, wie es sich angefühlt hat, als ihm eine Nonne den Bleistift ins Ohr gesteckt hat. „Bei Lehrern und Eltern waren Respekt und Strenge an der Tagesordnung.“ Schlechte Kartoffelernten, wenig zu essen, kein Geld: So beschreibt die Gruppe das Aufwachsen nach dem Krieg. Freunde sind sie geblieben. Ehepartner lassen sie bis heute nicht zu ihren Treffen zu. „Ausnahmsweise“ könnten sie sich das irgendwann vorstellen, meinen die früheren Schulkameraden. Er sei mit Ziegen groß geworden, berichtet Siegfried Tretter von seiner Kindheit auf dem Dorf. „Erst kamen die Tiere, dann die Kinder.“ „Die Ziege ist die Kuh des kleinen Mannes“, habe sein Vater erklärt. Als Höhepunkt der Schulzeit fällt ihm der Ausflug 1959 mit drei Klassen ins Landschulheim Dahn ein. „Mit 13 waren wir sogar in Straßburg. Im Europaparlament.“ „Meine Mutter war die Luzie von der Post“, erzählt Gerhard Dietrich. Dass ihre Väter alle aus dem Krieg zurückgekehrt sind, empfinden die, die heute Großväter sind, als großes Glück. „Nach den Schularbeiten waren wir draußen“, schwärmt Zürker von viel Freiheit und Platz für Kinder. Die Fußballweltmeisterschaft 1954 hätten sie durch die Fenster von Dudenhofener Gaststätten verfolgt. „Wer einen Fernseher besaß, hatte zu der Zeit viel Besuch“, lacht Zürker. Die meisten Ehemaligen haben ihr Sportabzeichen auf dem Boden der heutigen Festhalle gemacht. „Da war unser Sportplatz“, sagt Reeb. Sie erzählen vom Kerwe-Tanz im „Goldenen Lamm“, vom Boxen und Flirten. „Die Franzosen hatten Augen auf unsere Mädchen geworfen“, berichtet Alfons Kraus von internationalen Konkurrenten. „Unsere Kindheit war voller Lebensqualität“, sind sich die alten Kameraden einig. Nächsten Monat treffen sie sich wieder. Ohne Anhang, versteht sich.

Von Nonnen geführt: Bis zur fünften Klassebesuchten die Schüler die „Mädchenschule“ am Rathausplatz.
Von Nonnen geführt: Bis zur fünften Klassebesuchten die Schüler die »Mädchenschule« am Rathausplatz.
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