Speyer
Missbrauch im Bistum: Weitere Betroffene und Zeitzeugen melden sich
Haben sich weitere Betroffene gemeldet?
„Ja“, lautet die Antwort des Bistums auf diese Frage. Seit Mitte Dezember 2020 verzeichne der von Speyer aus gesteuerte kirchliche Verwaltungsbezirk rund zehn Neumeldungen. Darüber hinaus hätten sich auch viele Zeitzeugen gemeldet, die entweder zur Person des ehemaligen, 1998 verstorbenen Generalvikars Rudolf Motzenbäcker, gegen den sich die Anschuldigungen auch richten, oder zu dem Kinderheim in der Engelsgasse „ihr Wissen beisteuern“. Die Personen, die sich neu meldeten, taten das nach Angaben des Bistums teilweise als Reaktion auf die mediale Berichterstattung über die Geschehnisse in der Engelsgasse. „Teilweise sind jedoch auch das neue Verfahren auf Leistungen in Anerkennung des Leids sowie die Bildung eines Betroffenenbeirats Gründe dafür, dass sich in jüngster Zeit vermehrt Betroffene bei uns melden“, berichtet Bistumssprecher Markus Herr. Die unabhängigen Missbrauchsbeauftragten des Bistums führten aktuell Gespräche mit allen Personen, die sich seit Mitte Dezember neu gemeldet haben.
Werden neue Missbrauchsvorwürfe geprüft?
Zum Teil. Neue Missbrauchsvorwürfe gegen Motzenbäcker sind laut Bistum jedoch nicht dabei. Bei den Beschuldigten handele es sich um zwei Priester aus dem Bistum und einen Mitarbeiter des Ordinariats. Alle Drei lebten nicht mehr.
Wie haben die Bistumsmitarbeiter auf die Vorwürfe reagiert?
Das Missbrauchsgeschehen im bis 2000 betriebenen Kinderheim in der Engelsgasse, direkt neben dem Ordinariat gelegen, habe „das gesamte Bistum wie auch die Mitarbeitenden schwer erschüttert“, sagt Herr. Die Berufsgruppen in der Seelsorge hätten in mehreren Treffen über die Situation und zu ziehende Konsequenzen beraten. „Was die Betroffenen von ihren schrecklichen Leiderfahrungen im Kinderheim in der Engelsgasse berichten, berührt viele Mitarbeitende, mich eingeschlossen, bis ins Innerste“, so Herr. Für Bistumsmitarbeiter wolle das Bistum „digitale Räume des Gesprächs und des Dialogs mit der Bistumsleitung“ einrichten, um „Antwort auf offene Fragen zu geben und über die weiteren Schritte in der Aufklärung und Aufarbeitung der Geschehnisse zu informieren“.
Wie sehen die weiteren Schritte bei der Aufarbeitung aus?
„Es kommt jetzt darauf an, dass die unabhängige Aufarbeitungskommission schnell gebildet wird“, betont das Bistum Speyer. Die Deutsche Bischofskonferenz und der Unabhängige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, haben bereits im April 2020 die Bildung eines solchen Organs in allen deutschen Bistümern verbindlich vereinbart. Für Speyer gibt es laut Bistum bisher zwei feste Zusagen: Anne Sandhöfer, ehemalige Vizepräsidentin des saarländischen Oberlandesgerichts, und Bernhard Scholten, früherer Abteilungsleiter im rheinland-pfälzischen Sozialministerium, seien künftig Teil der Kommission. Mit drei weiteren Personen stehe das Bistum „im Gespräch“. Auch zwei Betroffene sollen in der siebenköpfigen Aufarbeitungskommission mitwirken, die „in wenigen Wochen“ ihre Arbeit aufnehmen soll.
Welche Aufgaben haben Kommission und Betroffenenbeirat?
Die Aufarbeitungskommission soll nach Mitteilung des Bistums die bekannten Missbrauchsfälle in der Diözese „noch einmal genau“ anschauen. Dabei solle auch überprüft werden, ob von Seiten der Diözese auf Fälle oder Vorwürfe von Missbrauch „verantwortlich reagiert wurde“. Um diese Fragen zu klären, werde „sicher auch Hilfe von außen benötigt“, etwa durch ein sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut oder eine auf Aufarbeitung spezialisierte Anwaltskanzlei.
Auf seinen öffentlichen Aufruf im Oktober zur Mitarbeit in einem Betroffenenbeirat habe das Bistum „sehr gute“ Resonanz erhalten: „Inzwischen haben sich mehrere Betroffene bei uns gemeldet, die Interesse haben, ihre Erfahrungen in einen solchen Beirat einzubringen. Je nachdem, wie sich die Corona-Pandemie weiterentwickelt, hoffen wir, dass wir schon bald zu einem ersten Treffen einladen können“, teilt Herr mit. Der Beirat habe die Aufgabe, „Erfahrungen zu bündeln, die Aufarbeitung im Bistum kritisch zu begleiten und Hinweise für eine Verbesserung der Präventionsmaßnahmen zu geben“. Geplant seien drei bis vier Treffen pro Jahr, die ein unabhängiger Psychologe begleite.
Zur Sache: Vorwürfe gegen Kinderheim und Rudolf Motzenbäcker
Im Dezember machte Bischof Karl-Heinz Wiesemann Vorwürfe gegen Rudolf Motzenbäcker, den früheren Generalvikar des Bistums Speyer, öffentlich. Der Geistliche, der mittlerweile verstorben ist, soll in den 1960er und 70er-Jahren Kinder sexuell missbraucht haben. Ein Opfer berichtete öffentlich zudem von systematischem sexuellem Missbrauch im damaligen von den Niederbronner Schwestern geleiteten Speyerer Kinderheim in der Engelsgasse. Dort sollen Ordensschwestern den Missbrauch an Kindern durch Geistliche gedeckt und auch organisiert haben. Das Sozialgericht im hessischen Darmstadt sprach im Frühjahr des vergangenen Jahres diesem Opfer Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz zu. Das Gericht hielt die Darstellungen des Betroffenen für glaubwürdig. Diese Einschätzung teilte auch das Bistum Speyer – es zahlte dem Betroffenen nach eigenen Angaben „Leistungen in Anerkennung des Leids“ und übernahm Therapiekosten.