Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Metzger geht viral: Probleme gemildert, nicht behoben

Setzt auf sein Ladengeschäft und mehrere Wurstautomaten: Metzgermeister Victor Nettey.
Setzt auf sein Ladengeschäft und mehrere Wurstautomaten: Metzgermeister Victor Nettey.

Ohne neues Personal müsse er die Öffnungszeiten verringern, warnte der Speyerer Metzgerei-Inhaber Victor Nettey im Internetvideo. Er hatte damit Erfolg in schwierigen Zeiten.

Victor Nettey ist gleich in mehrfacher Hinsicht ein besonderer Firmenchef. Er hat als junger Mann die alteingesessene Metzgerei Heiss in Speyer übernommen, er wirbt in den sozialen Medien für seinen Job, schärft dabei auch sein Image als „erster schwarzer Metzgermeister der Pfalz“ und darf mittlerweile ein weiteres Superlativ für sich verbuchen: Er betreibe die letzte in Speyer produzierende Metzgerei – die Pferdemetzgerei Stamm außen vor gelassen. 16 Metzgereien habe es einst in der Domstadt gegeben, sagt Nettey und schüttelt selbst den Kopf: „Verrückt.“

Seit vor wenigen Wochen die Haßlocher Metzgerei Vogt ihre Filiale in der Gilgenstraße wegen Personalmangels geschlossen hat, ist Nettey auch für die letzte Metzgereitheke außerhalb von Supermärkten in Speyer verantwortlich. Und so verrückt er das Betriebssterben findet, so nachvollziehbar wird es doch, wenn er von seiner eigenen Situation berichtet. „Ich bin auch in Gefahr“, sagt der 40-Jährige. „Aber ich gebe alles und habe noch nicht daran gedacht aufzuhören.“ 2018 hat er die Metzgerei Heiss in der Johannesstraße übernommen – und von einer wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte ohne Vorbehalt kann er nicht sprechen.

Viele Kunden

Ja, der Laden sei voll. Als sich Nettey zum Start der Nachmittagsöffnung um 14.30 Uhr mit der RHEINPFALZ verabredet, stehen kurz zuvor schon neun Kunden vor der Tür. Seit die Metzgerei Vogt ihre Verkaufsstelle geschlossen hat, sei nochmals ein Aufwärtstrend spürbar. „Wir profitieren davon“, sagt Nettey. Damit ist er aber schon mittendrin in seinem Hauptproblem der vergangenen Monate: Den Personalmangel, den Vogt beklagte, kennt auch Nettey. Wie können die zusätzlichen Kunden gut bedient werden, wenn sein Personal zuvor schon an der Belastungsgrenze war? Findet er neue Mitarbeiter? Kann er sie sich leisten?

Vor einigen Wochen hat er mit einem Video in den sozialen Medien für Aufsehen gesorgt. In seinem Geschäft stehend, hat er berichtet, dass er unbedingt neue Mitarbeiter braucht. Er hat damit an eine Serie von Videos angeknüpft, die ihn in der Anfangszeit seiner Selbstständigkeit in Böhl-Iggelheim ab 2017 zumindest in der Vorderpfalz bekannt gemacht hat. Er ging auch in Speyer viral, pries zuletzt etwa erfolgreich die „Oktoberfesthaxen“ an. Immer öfter habe er aber auf Fotos oder gestaltete Grafiken gesetzt, weil die Zeit für Videos fehlte: Er musste an seinen Arbeitstagen von 5 bis 18.30 Uhr zu viel selbst hinter der Theke stehen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz.

Dass Nettey nun wieder ein Filmchen gedreht hat, hatte prompt den gewünschten Erfolg: Er habe so eine neue Kollegin gefunden. Eine weitere sei auf anderem Weg zu ihm gekommen, und es gebe weitere Interessenten. So habe er die angekündigte Verkürzung der Öffnungszeiten – auch der Mittwochvormittag sollte ab November wegfallen – abwenden können. Facebook, Instagram, Youtube und Tiktok bespielt der Vater dreier Kinder, dessen Partnerin im Betrieb mitarbeitet. Er inszeniere sich dabei aber nur im Beruf, nicht privat. „Social Media bringt sehr viel“, sagt er. Als „erster schwarzer Metzgermeister“ sei er selbst zur Marke geworden.

An dieser Stelle finden Sie einen Post von Instagram.

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Die Erschwernisse der Branche kann das mildern, aber nicht beseitigen. Netteys schwierige Lage hat damit zu tun, dass seine mit Schulden verbundene Existenzgründung kurz vor der Corona-Krise lag. Der sehr gute Start sei ihm von der Pandemie verhagelt worden. Die Kunden gingen zurück, Lieferanten fielen aus, die Zahlen wurden schlecht. Er musste seine verbliebenen Rücklagen anknabbern. Es folgten Krieg und Inflation, sodass die aktuelle Normalisierung des Betriebs mit steigenden Umsätzen lebenswichtig sei.

Mindestlohn schmerzt

Insofern bewege er sich mit seiner Personalsuche auf schmalem Grat, sagt der im Alter von zwei Jahren aus Ghana in die Pfalz gekommene Nettey: Zwölf Mitarbeiter von Vollzeit bis Minijob beschäftigt er derzeit und berichtet von starken Auswirkungen der Mindestlohn-Erhöhungen. Dass dieser Betrag auf über 12,50 Euro gestiegen sei, tue ihm wirtschaftlich weh. Wenn er einen Wunsch an die Politik frei hätte, wäre es der nach Zurückhaltung in diesem Bereich im Sinne kleiner Betriebe. Er müsse aber neueinstellen, weil einige Kolleginnen schon damit gedroht hätten abzuwandern, wenn die Belastung so hoch bleibe.

Fleisch- und Wurstautomaten, an denen sich Kunden selbst bedienen, sind schon länger hinzugekommen und entlasten die Belegschaft. Sechs davon betreibt die Metzgerei Nettey inzwischen in Speyer, und zumindest die vor dem eigenen Geschäft sowie an der BFT-Tankstelle in der Landauer Straße seien sehr gefragt. Eine Metzgerei zu führen werde nicht einfacher, blickt Nettey voraus. Er bleibe aber zuversichtlich. „Egal wie schwer es ist, man lernt immer dazu“, so der 40-Jährige. Und: „Ich würde mich auch heute wieder für die Selbstständigkeit entscheiden.“

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