Speyer
Mercedes-Logistikzentrum: „Frühkapitalistische Zustände“ beklagt
Der Speyerer Stadtverband im DGB schreibt in einer Pressemitteilung von „frühkapitalistischen Zuständen“. Nach Schilderung Betroffener herrschten in dem Logistikzentrum „haarsträubende Arbeits- und Umgangsformen“ vor, die von der Geschäftsleitung geduldet und stellenweise gefördert würden. Es gebe scheinbar willkürliche Versetzungen und Degradierungen, Umgehen der Zeiterfassung und ein Prinzip des „Hire and Fire“ bei Leiharbeitnehmern. Die Aufzählung ist damit noch nicht zu Ende. Es werde Druck ausgeübt, und es werde gegen Corona- und andere Arbeitsschutzverordnungen verstoßen, so der DGB. Er schließt: „Gutsherrenwillkür“.
Unter solchen Bedingungen leide die Arbeitsmotivation, urteilen Axel Elfert und Michael Hemmerich, die zwei Vorsitzenden des DGB-Stadtverbands. Die Fluktuation sei extrem; Hemmerich spricht von 5000 Personalwechseln in fünf Jahren. Er berichtet von kritischen Nachfragen der Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD) und einer gescheiterten Meditation. Im Internet werde kontrovers über das Thema diskutiert; etliche Fälle seien vor dem Arbeitsgericht gelandet. Eine Ursache seien Probleme der Geschäftsleitung mit dem gewählten Betriebsrat. Von der gebotenen „vertrauensvollen Zusammenarbeit“ sei wenig zu spüren. Mit Unterschriftenaktionen werde versucht, die Arbeitnehmervertreter zum Rücktritt zu zwingen.
Gewerkschafter berichten von Mobbing
Beschäftigte hätten in einem Schreiben um Unterstützung gebeten, meldet der DGB. „Sie schildern darin, dass Vorgesetzte permanent Druck auf die Belegschaft ausüben, aktuell soll der demokratisch gewählte Betriebsrat abgesetzt werden.“ Wer auf den entsprechenden Listen nicht unterschreibe, werde gemobbt. Dass für die Vertretung der Arbeitnehmer im 2015 eröffneten Logistikzentrum ein Betriebsrat gegründet worden war, hatte die IG Metall als Erfolg vermeldet. Dessen Vorsitzende Sabine Lemmermann ist zuletzt in den Ortsvorstand der IG gewählt worden. Der DGB hatte auch anerkannt, dass inzwischen Tariflöhne bezahlt würden. Schon 2019 hatte die IG Metall den Umgang mit Leiharbeitern beklagt, die „nach Belieben gefeuert“ würden. Eine Linie wurde dabei aber doch erkannt: Immer wieder geschehe dies kurz vor Ende der neun Monate, nach denen diese wie die Stammbelegschaft bezahlt werden müssen.
Die Werkleitung weist die Vorwürfe zurück. Drohungen hätten im Unternehmen keinen Platz, betont Werkleiterin Marion Hilbrecht auf Anfrage. „Die Einhaltung von Gesundheits- und Arbeitsschutz ist für uns selbstverständlich.“ Die geltenden Standards würden umgesetzt, auch mit zahlreichen Vorkehrungen in der Pandemiebekämpfung. Von einem Infektionsherd könne keine Rede sein. Auf Zeitarbeitnehmer sei Syncreon wegen branchenüblicher Schwankungen beim Auftragsvolumen angewiesen. Über deren Weiterbeschäftigung werde mithilfe eine Beurteilungsbogens transparent und objektiv entschieden.
Syncreon: Halten uns an Rechtslage
„Wir halten uns streng an die Rechtslage“, betont Hilbrecht. Das gelte bei der Beteiligung der Mitarbeiter, und das gelte auch bei der Arbeit des Betriebsrat. Er amtiere weiter. „Der Vorwurf bezüglich der Auflösung des Betriebsrats durch den Arbeitgeber ist nicht korrekt, seitens der Geschäftsleitung gab und gibt es diesbezüglich keinerlei Intention.“ Die Firma sei sowohl mit dem Betriebsrat, als auch mit den Mitarbeitern allgemein im Dialog.
Die Firma Daimler, die Syncreon mit dem Betrieb des Teilelagers beauftragt hat, beobachtet die Debatte aus Stuttgart. Zu den einzelnen Vorwürfen äußert sich eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage nicht, betont aber, dass Daimler „umgehend auf den Dienstleister zugegangen“ sei und mit ihm im Austausch stehe. Vorwürfe würden ernst genommen, geprüft und führten gegebenenfalls zu Konsequenzen. Ganz allgemein verdeutlicht Daimler: „In unseren Einkaufsbedingungen verpflichten wir jeden Auftragnehmer, alle Gesetze und Regelungen einzuhalten, die ihn und die Geschäftsbeziehung mit Daimler betreffen.“