Speyer „Mein Leben war der Kaufhof“

Für das Gespräch mit der RHEINPFALZ hat sie sich extra ihren goldenen Abakus um den Hals gehängt. Rechnen hat nämlich immer zu ihrem Job gehört: Wiltrud Kroschl, Abteilungsleiterin Erdgeschoss bei der Galeria Kaufhof in Speyer, wird am Freitag kommender Woche nach 48 Jahren im Dienst am Kunden in den Ruhestand verabschiedet. Bis dahin wird sie neun Chefs gehabt haben.

Nur ein Kollege aus der Deko-Abteilung habe die 50 Jahre geschafft und somit länger als sie in dem Kaufhaus gearbeitet, so Kroschl, die Ende September ihren 63. Geburtstag feiert. „Das wundert einen wirklich, wie die Jahre so vergehen“, sagt sie und blickt auf ihren Arbeitsbeginn als Lehrling, wie es damals noch hieß, zur Einzelhandelskauffrau zurück. 1967 war das, und damals hieß das Kaufhaus noch „Anker“. „Speyer war die große Stadt für ein Mädchen vom Land“, erinnert sich Kroschl, die aus Harthausen stammt, später zehn Jahre lang in Speyer wohnte und jetzt in Dudenhofen lebt. Nur einmal sei sie mit ihrer Mutter zuvor in Speyer gewesen. „Sonst fuhr man nicht in die Stadt.“ Alles habe man auch in Harthausen bekommen, zum Beispiel auch die „Sonntagsschuhe“. Auf ihren Wunsch hin wurde die 14-Jährige zu Ausbildungsbeginn in der Parfümerie eingesetzt. „Das Eau de Cologne wurde aus großen Behältern in Flaschen abgefüllt“, blickt Kroschl auf „früher“ zurück. „Mit 15 durfte ich dann zum Seminar bei 4711 in der Glockengasse in Köln“. Das sei damals so etwas wie eine Weltreise für sie gewesen. „Ich war immer neugierig“, beschreibt Kroschl ihr berufliches Erfolgsrezept. Respekt, Achtung, Disziplin: Das sind zentralen Stichworte, die Kroschl nach ihrem Führungsstil befragt nennt. „Das, was ich von meinen Mitarbeitern verlange, lebe ich selbst vor“, sagt sie von sich und schätzt sich selbst als durchaus strenge Chefin ein. Ihre Karriere verlief planmäßig: Mit 24 – da hieß das Kaufhaus schon acht Jahre lang Kaufhof – war sie bereits „selbstständiger Substitut“, die Vorstufe zur Abteilungsleiterin. Ab 1988 durfte sie sich dann offiziell Abteilungsleiterin nennen. „Ich habe alle möglichen Abteilungen durchlaufen“, sagt Kroschl und zählt ein paar Warengruppen auf, für die sie in ihrem langen Arbeitsleben Verantwortung trug: Knöpfe, Miederwaren, Bettwäsche, Stoffe, Nähmaschinen, Parfümerieartikel und vieles mehr. 20 Mitarbeiter seien ihr heute im Erdgeschoss, „der Abteilung für die Dame“, unterstellt. Zu ihren Aufgaben gehören zum Beispiel Personalführung, Warenaufbau und -Präsentation sowie Bestandsführung, also auch die Büroarbeit hinter den Kulissen und nicht sichtbar für die Kunden. Im Erdgeschoss von Galeria Kaufhof gibt es Lederwaren, Modeaccessoires, Strümpfe, Schreibwaren, Schmuck, Uhren, Parfümerie, Handtaschen und Damenschuhe. „Ich bin ein Abteilungsleiter, der gerne mit Menschen umgeht“, sagt Wiltrud Kroschl von sich selbst – und deshalb sei sie ihr ganzes Berufsleben lang immer gerne und viel im Verkauf nahe bei den Kunden tätig gewesen. „Ich war immer präsent.“ Nach einer „typischen Handbewegung“ gefragt, führt sie vor, wie sie einen Strumpf über ihre Hand zieht. „Viele Kunden wissen mit den Bezeichnungen nichts anzufangen“, berichtet sie. Dann demonstriere sie an ihrer Hand, wie blickdicht die Strümpfe in den verschiedenen Stärken sind. Überhaupt: die Kunden. Etliche Stammkunden verlangten immer wieder nach ihrer Beratung, freut sich Kroschl. „Ich werde auf Kundenwunsch auch aus dem Büro geholt – kaum hab ich was angefangen, werde ich gerufen.“ Das wird nun bald der Vergangenheit angehören. Im Ruhestand werde sie die Speyerer Filiale von Galeria Kaufhof wohl nicht mehr besuchen, um nicht zu sehen, was ihr Nachfolger so mache, kündigt Kroschl an. In die Heidelberger Filiale will sie aber schon dann und wann mal einen Blick werfen. Denn eins ist für sie klar: „Mein Leben war der Kaufhof.“

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