Vorderpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel „McGyver der Straße“ – Was ein „Gelber Engel“ aus der Pfalz so alles erlebt

Unterwegs bei jedem Wetter: Ruben Neideck im Auftrag des ADAC.
Unterwegs bei jedem Wetter: Ruben Neideck im Auftrag des ADAC.

Ruben Neideck ist ein Gelber Engel. Er hat zwar keine Flügel, und statt mit einer Harfe hantiert er virtuos mit dem Schraubendreher. Doch Verkehrsteilnehmern, die mit ihrem Fahrzeug liegengeblieben sind, erscheint der Römerberger wie vom Himmel geschickt. Der Pannenhelfer des ADAC ist seit zwölf Jahren in der gesamten Vorderpfalz unterwegs. Langweilig wird es ihm nicht.

Ein Sommertag. Es ist schon gegen Abend, als Ruben Neideck zu einem weiteren Einsatz gerufen wird. Jemand hat sich offenbar aus seinem Auto ausgesperrt. Es soll irgendwo am Rhein stehen. Neideck braust los. Sein heutiger Dienst hat für den Mann von der Straßenwacht des Allgemeinen Deutschen Automobil Clubs (ADAC) schon einiges bereitgehalten: Reifenschäden. Defekte Batterien. Zickende Elektrik. Nun steht also eine Fahrzeugöffnung an. Keine große Sache. Das übliche Programm eines Arbeitstages. Das wird sich gleich ändern. Doch das ahnt der Römerberger natürlich nicht.

Neideck erreicht sein Zielgebiet. Er findet auch das abgeschlossene Auto. Doch ist niemand zu sehen, dem die Karre gehören könnte. Der Pannenhelfer ist ratlos, da vernimmt er ein Rufen aus einem Gebüsch. Und dann muss der 45-Jährige unwillkürlich grinsen, als er weitererzählt: „Da drin steckte ein Pärchen, beide nackt. Sie hatten für ihr Schäferstündchen so ziemlich alles im Auto liegenlassen, auch den Autoschlüssel.“ Die Dame, nicht der Herr, habe sich schließlich ein Herz gefasst und die Deckung verlassen, um ihm die Sachlage zu erklären. Peinlich? Sicher. Aber auch lustig. Zumindest habe er helfen können, erinnert sich der Kraftfahrzeugtechniker. „95 Prozent aller Fahrzeuge bekomme ich in ein paar Minuten auf. Beschädigungsfrei“, sagt Neideck. Schulungen der Hersteller machen es möglich.

Es sind auch Begebenheiten wie diese, die die Arbeit bei der Straßenwacht für den Römerberger so reizvoll machen: „Wenn ich in den Dienst starte, weiß ich nie, was mich erwartet. Diese Herausforderung liebe ich.“ Seit zwölf Jahren ist der Vater dreier Kinder als Gelber Engel zwischen Wörth und Worms, zwischen Schweigen-Rechtenbach und Grünstadt unterwegs, um liegengebliebene Fahrzeuge wieder flottzumachen. Bis zu 250 Kilometer fährt er täglich. Neideck weiß um die besondere Stellung der mobilen Helfer: „Jeder ist froh, wenn er nichts mit uns zu tun hat. Aber falls wir doch kommen müssen, freut man sich trotzdem.“ Der 45-Jährige würzt seinen Beruf mit einem gehörigen Schuss Humor. Dann kommt mal ein lockerer Spruch wie: „Da haben Sie aber Glück gehabt. Der Reifen ist nur unten platt.“

Technik immer komplizierter

Doch Vorsicht, Scherze sind Hilfsmittel, die man behutsam einsetzen muss, weiß Neideck: „Bei einer Panne befinden sich manche Menschen in einer belastenden Situation, denn sie hatten ja gerade etwas ganz anderes vor.“ Das erzeuge mitunter Stress, manchmal gar Verzweiflung. „Da muss man mit Fingerspitzengefühl zu Werke gehen.“ Er habe auch schon bitterlich weinende Menschen trösten müssen. Dafür sei das Team der Straßenwacht geschult.

Das ist auch dann hilfreich, wenn es dem herbeigeeilten Fachmann mal nicht gelingt, den Schaden vor Ort zu beheben. „Von im Schnitt zehn Einsätzen pro Schicht verlaufen 86 Prozent erfolgreich“, sagt Neideck. Die Fahrzeugtechnik werde immer komplizierter. „Schon ein defekter kleiner Sensor kann große Auswirkungen haben“, berichtet Neideck, der mittlerweile auch andere Gelbe Engel ausbildet. „Unser Ziel ist es immer, das Fahrzeug wieder so weit mobil zu machen, dass es zumindest bis in die Werkstatt kommt.“ Im Zweifel muss der Abschleppwagen anrücken, wenn das geliebte heilix Blechle keinen Mucks mehr macht. So mancher Besitzer reagiere da enttäuscht oder gar unwirsch.

„Die Erwartungshaltung der Kunden ist manchmal zu hoch“, sagt Neideck: „Wir versuchen immer unser Bestes, aber wir sind keine vollwertige Werkstatt“, wirbt der Pfälzer um Verständnis für die mobilen Reparateure. Schließlich könnten sie ja in den meisten Fällen helfen, die Gelben Engel. Und Engelinnen, denn in Neidecks rund 20-köpfigen Team der Straßenwacht Landau – Ludwigshafen, die organisatorisch zum Stützpunkt Heidelberg gehört, fahren auch zwei Frauen mit, berichtet der Römerberger. „Frauen können die Arbeit genauso gut“, findet er. Und ein positiver Effekt der Anwesenheit von Damen auf die noch immer männlich dominierte Welt der Straßenwacht sei nicht von der Hand zu weisen: „Es geht zivilisierter zu“, sagt er und lacht.

Gardinenstange geopfert

Der Berghausener muss sehr systematisch vorgehen, wenn er sich bei Autos, Transportern oder Wohnmobilen auf Fehlersuche begibt. Auch Motorräder repariert Neideck, dazu Trikes und andere Vehikel. „Sogar Fahrräder“, sagt er und nennt als Beispiel hilfesuchende Senioren, die mit ihrem E-Bike liegengeblieben sind. Doch bei aller Analytik – ein bisschen „primitives Denken“ sei für seine Arbeit durchaus förderlich, schildert Neideck. Mitunter müsse man sich unkonventioneller Mittel bedienen. So habe er schon mal die eigene Gardinenstange geopfert, weil er für den Gaszug eines Oldtimers ein Metallrohr in genau deren Durchmesser benötigte. Dass man selbst Ersatzteile bauen müsse, komme vor. „Ich bin ein Bastler, ein McGyver der Straße“, sagt Neideck in Anspielung auf den gleichnamigen Held einer US-Fernsehserie, der in den 1980er-Jahren dadurch berühmt wurde, dass er aus allen möglichen Dingen nützliche Apparaturen zusammenbosselte.

So eine Eigenschaft ist extrem hilfreich, doch ist nicht jeder damit gesegnet. Daher: Welches Fabrikat würde der Erfinder-Engel aus seiner Erfahrung heraus als zuverlässigstes Auto empfehlen? Neideck überlegt kurz. Dann sagt er diplomatisch: „Jedes Modell hat seine Macken.“ Sogar die Autos der Straßenwacht würden hin und wieder stehenbleiben, „die sind ja auch nicht mit Gold betankt“. Der Unterschied: Meist kann er seine Karre selbst wieder flicken.

Seine Arbeitstage seien gut gefüllt, berichtet der Römerberger. Leerlauf gebe es kaum. Die Straßenwacht des ADAC in der Vorderpfalz sei täglich im Schichtdienst von 6.30 Uhr bis 23 Uhr im Einsatz. Sechs bis acht Fahrer seien zeitgleich auf der Straße. „Ich fahre alle Schichten“, sagt Neideck. Alle bis auf eine: Nachtschichten gibt in der Region keine: „Hier lohnt sich das nicht.“ In großstädtischen Ballungsräumen sei das anders.

Totes Tier im Motorraum

Während viele andere dem Wochenstart wenig abgewinnen können, blickt Neideck dem Montag eher entspannt entgegen. Das sei nämlich erfahrungsgemäß der ruhigste Tag. Richtig brumme der Laden dagegen an einem Tag nach einem Feiertag. Um kein Kuddelmuddel entstehen zu lassen, werden die Einsätze von der Zentrale priorisiert: Um welche Art Schaden handelt es sich? Ist vielleicht gar ein Tier oder ein Mensch in einem Fahrzeug eingeschlossen? Dann werden gleich mehrere Gelbe Engel alarmiert. Wo steht das Pannenfahrzeug? Das seien alles Aspekte, die in die Ablaufplanung einfließen würden, schildert Neideck. Daher könne es auch mal länger dauern, bis er oder ein Kollege vor Ort sei. Sei der Pannenhelfer aber erst einmal eingetroffen, seien die Schäden meist in 15 bis 20 Minuten behoben.

Sauber geht es dabei nicht immer zu. Hat die Panne mit Öl zu tun, ist das Schrauben nicht die reinste Freude. Geht es um Dieselmotoren, vor allem ältere Typen, rümpft Neideck leicht die Nase: „Die sind immer verschmutzt. Der Geruch bleibt auf der Haut.“ Sagt’s und erinnert sich an einen besonders unappetitlichen Einsatz, als er zu einem Fahrzeug gerufen wurde, aus dem es stark müffelte. Beim Nachschauen entdeckte er im Motorraum ein verwesendes Tier.

Neidecks Begeisterung für seine Arbeit tut das keinen Abbruch. „Ich wollte schon als Kind zum ADAC“, erzählt er. Das leuchtende Gelb und das Blinklicht hätten ihn begeistert: „Das ist mir nie aus dem Kopf gegangen.“ Er lernte Kraftfahrzeugtechniker, arbeitete in einer Werkstatt und fuhr danach acht Jahre für einen Abschleppdienst. Dann wurde er selbst ein Engel, mit Haut und Haaren. „Mein Blut ist gelb“, sagt Neideck und lacht. Etwas anderes könne er sich nicht mehr vorstellen.

Man bekomme selbst viel Dankbarkeit zurück. Eine Dame sei so glücklich gewesen über die Hilfe, dass sie ihn gefragt habe, ob er verheiratet sei, berichtet der 45-Jährige. Sie machte ihm aber keinen Antrag, sondern fiel ihm „nur“ um den Hals. Ein Glück, sonst hätte der Berghausener womöglich Ärger mit seiner Frau Katrin bekommen. Mit ihr ist er in einem nahezu schrottreifen Golf zu einer Ralley aufgebrochen, das Pothole Balkan Rodeo: zwölf Tage, zwölf Länder, 4500 Kilometer im Schlaglochsuchgerät. Ob Neideck dabei nicht etwa doch den ADAC rufen muss?

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