Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Martins Woche: Wenn ein Colt für alle Fälle in Speyer in der Badewanne planscht

colt sievers

Ein (unfreiwilliger) Stuntman, eine Geschäftsidee, ein Gedankenspiel und eine Kapitulation vor sehr, sehr kleinen Schurken

Augen auf im Verkehr: Flieg, Radler, flieg

Liebe Leserinnen und Leser, als Jungspund hegte ich eine immense Sympathie für Colt Seavers. Sie erinnern sich vielleicht an die TV-Serie um den Stuntman aus Hollywood, der Zigarre schmauchend in seiner Freiluft-Badewanne vor sich hin schäumte und nebenbei mit der hohlen Hand als Kopfgeldjäger die übelsten Bösewichte einfing. Im Monstertruck durch die Gegend kurvend, gemeinsam mit seinem vertrottelten Cousin Howie und der steilen Sahneschnitte Jody, die mich bis in meine Teenager-Träume verfolgte. Doch lassen wir das.

Am Montag jedenfalls fühlte ich mich kurzzeitig wie mein Idol aus Jugendtagen. Nur ohne Howie, Jody und die Badewanne. Ich bin nämlich durch die Luft gesegelt, als ich mit dem Rennrad auf dem Weg in die Redaktion in Höhe der Ampelkreuzung am Wartturm in Nord unliebsame Bekanntschaft mit dem Kotflügel eines Autos machte. Wie es genau dazu kam, darüber breiten wir die Rettungsdecke des Schweigens. Wie auch immer, da meine Fahrt von 1,5 Tonnen Blech gestoppt wurden, folgten mein Körper wie auch mein Fahrrad den Gesetzen der Mechanik und wirbelten – jede Menge kinetische Energie abbauend – durch die Luft, bevor wir leicht lädiert wieder zur Landung ansetzen.

Eine Zeugin attestierte mir später, „für mein Alter“ eine beträchtliche Körperspannung aufgebracht zu haben und freischwebend nicht unelegant um die eigene Achse rotiert zu sein. Ich erhielt denn auch reichlich tröstenden Zuspruch nach meiner – wenn auch unfreiwilligen – Einlage. Ich traf auf verständnisvoll nickende Gesetzeshüter, die Besatzung eines Rettungswagens wie auch das Team der Notfallaufnahme des St.-Vincentius-Krankenhauses versorgten mich bestens. Ihnen allen gebührt an dieser Stelle mein inniger Dank. Mein Rennrad hingegen hat vermutlich seine letzte Umdrehung gemacht. Ich werde zu seinem Gedenken in der Badewanne eine Zigarre schmauchen. Vielleicht kommt ja Jody noch vorbei. Bei Colt Seavers war das immer so.

DB macht mobil: Auf dem toten Gleis

Wenn wir schon mal beim Verkehr sind: Haben Sie die Ausfälle bei der S-Bahn in den vergangenen Wochen ebenso sehr genervt wie mich? Nun bin ich als passionierter Radler nicht unbedingt auf den Schienenverkehr angewiesen. Aber mich empört, dass alles, was bisher auf dem Weg zu einem attraktiveren ÖPNV-Angebot erreicht worden ist, sozusagen mit dem Hintern wieder eingerissen wurde. Denn wer steigt ernsthaft vom Auto auf die Öffis um, wenn er sich nicht darauf verlassen kann, sein Ziel planmäßig zu erreichen? Oder überhaupt dort anzukommen?

Zeitweise lag die Strecke von Germersheim nach Schifferstadt so verwaist da, man hätte darauf ungestört „Vom Winde verweht“ schauen können und danach „Spiel mir das Lied vom Tod“, was passend gewesen wäre. Würden Genehmigungsverfahren nicht noch länger dauern als Personalengpässe in Stellwerken oder Baustellen im Schienennetz, ich hätte als Schienenersatzverkehr ein Draisinen-Unternehmen aufgemacht: Martins Mucki-Mobil. Wäre sicher ein Renner geworden. Vielleicht wäre ich aber auch glorios gescheitert, weil alle mit dem Monstertruck fahren. Wie Colt Seavers. Der konnte mit Zügen auch nie was anfangen.

Gekröntes Haupt: Majestätisch aufgebrezelt

Durch meinen Radunfall habe ich leider den Ausklang des Brezelfests verpasst. Das war zwar durch den Unfall während des Umzugs, bei dem eine Zwölfjährige schwer verletzt wurde, getrübt. Trotzdem wäre ich gerne abschließend über den Festplatz gepilgert. Vielleicht war es die letzte Gelegenheit, eine leibhaftige Brezelkönigin zu erblicken. Denn es könnte sein, dass dieses Amt schon bald ein Fall für die Geschichtsbücher ist.

Ein Scherz? Mitnichten! Richten wir nur mal den Blick auf die Pfalzwein-Werbung, einst als Spielplatz der Traditionswahrer und Beharrer bekannt, beweglich wie ein Amboss und modern wie ein Stummfilm. Die hat jetzt nicht weniger als eine Revolution beschlossen, nämlich das Amt der Pfälzer Weinkönigin ab diesem Jahr nicht mehr zu besetzen. Stattdessen soll diejenige, die beim Wettbewerb im Oktober im Neustadter Saalbau am besten abschneidet, als „PfalzWeinBotschafterin“ tituliert werden. Oder es gibt einen „PfalzWeinBotschafter“, denn erstmals können sich auch Männer bewerben. Die Krone der Schöpfung ersetzt gewissermaßen den Glanz der hoheitlichen Kopfzierde. Oder müsste es korrekt nicht „Weinende Botschaftende“ heißen, um allen gerecht zu werden?

Egal. Derlei neumodisches Gedöns, wie ein Altkanzler zu sagen pflegte, könnte die Krönungsfeierlichkeiten der Brezelkönigin heimsuchen. Die (oder der) hieße künftig dann eben „Speyerer BrezelBotschafter(in)“. Oder „LaugenGesandte(r)“. Oder „TraditionsgebäckRepräsentant(in)“. Oder wie auch immer, darüber mögen Verkehrsverein sowie das Dirndl- und Lederhosen-Komitee sinnieren. Einen echten Colt Seavers hingegen juckt das nicht. Hatte ich schon erwähnt, dass da immer irgendeine Jody in der Schwingtür auftauchte?

Mittelalter hat Zukunft: Von Barden und Bäumen

Was dem mittelalten Colt auf alle Fälle gefallen würde, ist das Mittelalter-Spektakel im Domgarten: helle Barden, düstere Recken, kecke Gaukler, grölende Zecher, Zimbeln und Schalmeien. Eine Szenerie wie aus einem Hollywood-Streifen, wie geschaffen als Kulisse für einen unknown Stuntman, der Schufte zur Strecke bringt.

Etwa Baumwurzelfrevler, die sich schwergewichtig auf Bierbänken niederlassen, um den Untergrund des Festgeländes unzulässig zu verdichten. Aber es ist ja gut, dass sich Stadt und Spektakel-Macher in puncto Naturschutz verständigen konnten. Sogar eine Freiluft-Badewanne für Colt Seavers könnte aufgestellt werden, in der er schäumen und schmauchen kann. Jedoch nicht unter den Baumkronen. Ob Jody trotzdem kommt?

Schnakenplage: Ein Colt für alle Stiche

Der härteste Einsatz steht Colt und seinem Team ohnehin noch bevor: in der Dämmerung in der Freiluft-Badewanne zu sitzen, ungeschützt von Abwehrdüften und Räucherstäbchen. Ich würde wirklich gern sehen, wie ein so harter Knochen einen konzertierten Angriff hinterhältiger Rhein-Schnaken erträgt, während sich Jody und Howie im Monstertruck gen Weinstraße davonmachen.

Dieses Jahr ist es wirklich ein Kreuz, so nah am Wasser gebaut zu sein. Sogar die abgebrühten Stechmückenjäger der Kabs haben kapituliert und hoffen auf den August. Dann sollen die meisten der Plagegeister ihr kurzes Leben ausgehaucht haben. Bis dahin kommt womöglich Chuck Norris vorbei, um Colt zu retten und alle angreifenden Schnaken mit Handkantenschlägen auszuschalten, bevor er mit der Brezelkönigin im Arm das Altpörtel erklimmt. Ach, ich hätte Drehbuchautor werden sollen.

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