Speyer
Martins Woche: Von Scheinen, Steinen und Schweinen
Gesellschaft: Ach, du schöne Jugendzeit
Liebe Leserinnen und Leser, Kinder halten jung. So berichtete mir meine gerade volljährige Tochter diese Woche, dass sie mit ihrem Ansinnen gescheitert sei, bei der Führerscheinstelle eben jenes Dokument abzuholen. Es harrt dort ihrer, seit sie die Fahrprüfung bestand. Nun machte sie sich endlich auf – und siehe da: Sie traf genau eine Minute zu spät vor der Tür der Amtsstube ein, welche sich schloss. Die Enttäuschung war verständlicherweise groß. Ihr Kommentar: Da seien offenbar „Spießer“ am Werk, die sich sklavisch an die Vorgaben hielten. Cringe, so was.
Zunächst war ich versucht, mitleidig auf die unbekümmerte Denkweise der heutigen Generation Z zu blicken, für die Festsetzungen offenbar eher Empfehlungen darstellen denn als etwas, an das man sich zu halten hat. Und hob kurz an, den Wert von Ordnung und Pünktlichkeit zu preisen, der uns Deutsche seit je her ausgezeichnet und uns stets zum Vorteil gereicht habe. Was soll aus einem Land werden, in dem das nicht mehr wertgeschätzt wird?
Doch dann hielt ich inne, weil ich mich der eigenen Jugend entsann. Da nahm ich die Dinge eher locker und stolperte hemdsärmelig und blauäugig in den Tag hinein, weit planloser, als es die meisten Jugendlichen heute sind, die ich näher kenne. Was haben meine Altvorderen geschimpft und die Augen gerollt. Daher bin ich guten Mutes, dass unsere Nachgeborenen noch einiges auf die Beine stellen, was uns überraschen wird. Psssst: Manchmal wünsche ich mir neidvoll die Zeit zurück, in der ich nicht so eingefahren und ordnungsversessen war. Aber sagen Sie es bitte nicht weiter.
Verkehr: Steinzeit am Feuerbachpark
Eingefahren ist in Speyer ebenfalls einiges. Zum Beispiel, dass in der Schraudolphstraße entlang des Feuerbachparks jeder zwischen den Platanen parkt und damit auf dem Wurzelraum der Bäume, der dadurch verdichtet wird. Nachvollziehbar, dass die Stadt es gern sähe, wenn nicht nur während der Umgestaltung der historischen Grünanlage diese Flächen für Autos tabu und mit Findlingen blockiert wären wie heute schon in der parallel verlaufenden Slevogtstraße. Mit der Steinzeit würden viele Stellplätze wegfallen – in einem Gebiet, in dem um jedes Zipfelchen Freiland gerungen wird.
Ein Feuerbachparkverbot würde das Angebot zusätzlich verknappen und wäre wohl unpopulär. Für die politischen Entscheider ein Dilemma: Um das Stadtgrün zu schützen, müssten die Fahrzeuge weichen. Dann aber wächst der Groll in der Bevölkerung. Und kommendes Jahr steht die Oberbürgermeisterwahl an. Meine Prognose: Das Thema wird verfahrenstechnisch bis nach dem Urnengang vertagt. Ein gewitzter Schachzug. Aber verraten Sie ihn bitte nicht weiter.
Genuss: Wenn die Eiszeit ausbleibt
Im Gegenzug verrate ich Ihnen etwas: Speyer ist, was das Angebot an Eisdielen angeht, ein weißer Fleck auf der Exzellenz-Landkarte. Behauptet der Zahlungsdienstleister SumUp. Der hat auf Basis einer Google-Abfrage die Anzahl der Eiscafés pro 10.000 Einwohner ermittelt, sie mit den Google-Rezensionen ab 4,5 Sternen in Bezug gesetzt und das Ganze mit der durchschnittlichen Tageshöchsttemperatur von Mai bis September verrechnet.
Herausgekommen ist bei dem Verrühren von Äpfeln und Birnen ein Ranking deutscher Städte, in denen „die besten Voraussetzungen für einen Eisdielen-Besuch herrschen“. Auf Platz eins steht Würzburg als „Eisgenuss-Hotspot“, dicht gefolgt von Heidelberg und – man staune – Ludwigshafen! Mannheim, Entstehungsort des Spaghetti-Eises, liegt abgeschlagen auf Rang 15. Und Speyer? Nun ja, fehlt, ist jedenfalls nicht vorne dabei. Macht aber nix, denn so eine Pseudo-Statistik ist natürlich großer Quark. Ich gehe jetzt zu meinen Lieblingseismacher. Wer das ist, wird nicht verraten.
Spendenfreude: Zeit für gute Gaben
Speyer ist toll. Schwärmt die Christoffel-Blindenmission. Die Organisation unterstützt weltweit behinderte Menschen. Der Grund für ihr Lob: Geld. Demnach flossen aus Speyer 84.648 Euro in Münzen und in Scheinen in die Arbeit der Helfer, was umgerechnet 1,65 Euro pro Einwohner entspreche. Damit seien 2821 Augenoperationen gegen den Grauen Star ermöglicht worden.
Speyer steht in der Christoffel-Rangliste der spendenfreudigsten rheinland-pfälzischen Städte auf dem vierten Platz, vor Neustadt (1,31 Euro) und Mainz (1,54 Euro) und weit vor Schifferstadt (1,17 Euro). Respekt. Allerdings schneidet Haßloch besser ab (1,90 Euro). Und das klamme Kaiserslautern hat mit 2,94 Euro pro Einwohner fast doppelt so viel lockergemacht wie das wohlhabende Speyer. Offensichtlich öffnen sich eher dort Herz und Geldbeutel für die Sorgen anderer, wo die Not größer ist. Ich verrate Ihnen nichts Neues, wenn ich sage, dass jeder dazu beitragen kann, das zu ändern.
Polemik: Höchste Zeit zur Besinnung
Nicole Höchst, AfD-Bundestagsabgeordnete mit Wohnsitz in Speyer und Mitglied des Stadtrats, entblödete sich dieser Woche nicht, auf der Plattform X einen Post abzusetzen, der ein Güllefass zeigte, verbunden mit dem Schriftzug: „An alle Moslems in Deutschland: Was immer du auch isst ... Es ist mit Schweinescheiße gedüngt.“ Für diese Geschmacklosigkeit (die auch die religiösen Vorschriften von Juden angreift) erntete die Dame harsche Kritik, so dass sie den Beitrag wieder löschte.
Ich bin dankbar für die höchst unanständige Veröffentlichung. Denn sie entblößt den Wesenskern einer Partei, die vor Verachtung trieft für alles, das nicht in ihr Schema passt. Aber vielleicht muss man als Frau und kirchenpolitische Sprecherin in einer solchen Truppe auch besonders schrill agieren, um gehört zu werden. Bitte nicht missverstehen: Das ist nicht beleidigend gemeint. Das ist nur ein zugespitzter politischer Kommentar.
Es trifft sich übrigens sehr gut, dass just Pfingsten vor der Tür steht: das Geburtsfest der Kirche, an dem der Heilige Geist die Jünger erfüllte, so dass sie begannen „mit anderen Zungen zu reden“. Woraufhin sie auszogen in alle Welt, um die Botschaft Jesu zu verbreiten. Soviel sei verraten: Dabei geht es um Nächstenliebe. Die Welt wird besser, wenn wir das beherzigen. Glaube ich wirklich.
Ein friedliches und besinnliches Wochenende wünscht Martin Schmitt