Speyer „Man wird barmherziger“

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Ohne Priester wie Gerhard Heinz würden viele Kirchenglocken seltener geläutet, wären manche schon verstummt. Nicht mehr in die Alltagsroutine eingebunden, zieht er dennoch an drei von vier Sonntagen und auch immer mal wieder werktags als „Aushilfspfarrer“ die Soutane an und hilft in den Pfarrgemeinden in Römerberg aus. Am Heiligen Abend zelebriert der Seminarprofessor im Ruhestand in Mechtersheim die Christmette, am zweiten Weihnachtsfeiertag den Gottesdienst in Heiligenstein.

Im November feierte Heinz seinen 80. Geburtstag. Zweimal die Woche hält er die Messe im Karmelitinnenkloster in Speyer. Morgens um 6.30 Uhr, seit der Gründung des Klosters vor 30 Jahren. Dorthin hat er es nicht weit, denn Heinz wohnt im Vogelgesang. Als Anstrengung oder Last empfindet er seine Arbeit nicht: „Priestersein ist eine Lebensberufung, kein Brotberuf.“ Er möchte „die Menschen bestärken und begeistern, als Christ zu leben und den Kontakt zu den Gläubigen in den Gemeinden nicht verlieren“. Mittlerweile motiviert ihn zum Dienst zusätzlich ein wenig Eigennutz: „Wer rastet, der rostet.“ Sieben Jahre stand er jeden Sonntag in Landau-Mörlheim am Altar, auch um in der Nähe seiner kranken Mutter zu sein. Nach Mechtersheim und später nach Heiligenstein und Berghausen kam er 1990 in der Funktion „Aushilfspfarrer“ eher zufällig. Am 21. November 1936 wurde Gerhard Heinz in Landau-Queichheim geboren: „Damals waren noch Hausgeburten üblich.“ An den Vater, der als Spenglermeister im Jugendwerk Queichheim gearbeitet hatte und 1943 in Stalingrad vermisst wurde, hat er nur rudimentäre Erinnerungen. Mit Näharbeiten sicherte die Mutter ihrer beider Überleben. 1947 wechselte Heinz von der Volksschule ans altsprachliche Gymnasium Landau: „Die Mutter hatte es meinem Vater versprochen; hat mir die Schulbildung durch Verzicht und Entbehrung ermöglicht.“ Heinz ist als Ministrant und in der katholischen Jugend aktiv, will – „aus der Erfahrung der Bombennächte und der Sehnsucht nach Frieden“ – für die Menschen da sein, sich für den Glauben einsetzen, „eine andere Welt schaffen“. Mit 15, 16 Jahren wächst sein Wunsch, Priester zu werden. Vor dem Abitur war Heinz klar: „Ich studiere Theologie.“ Auf den Rat des Religionslehrers tat er das ab 1956 bei den Jesuiten in Innsbruck. Heinz sagt: „Mich machte neugierig, dass es ein internationales Seminar mit bekannten Theologen war.“ 1960 besuchte er das Priesterseminar in Speyer, 1962 wurde er im Dom zum Priester geweiht. Bei gelegentlichen Stolpersteinen sei er den Weg „ohne größere Irritationen“ gegangen. Drei von den 16 Teilnehmern seines Weihekurses haben später geheiratet. Rückblickend sagt Heinz: „Auf das Draußen, die Arbeit als Seelsorger hat uns das Studium kaum vorbereitet. Es beschrieb ein Ideal und trennte geistlich und weltlich.“ Fünf Jahre war er Kaplan in Ludwigshafen, er arbeitete in Germersheim, zudem ein Jahr lang als Religionslehrer, Pfarrverwalter in Lustadt-Weingarten sowie Religionslehrer am Gymnasium Bad Dürkheim. Mit der Erfahrung der Wirklichkeit konstatiert er: „Man wird barmherziger.“ Ermuntert von Bischof Isidor Markus Emanuel promovierte Heinz. Sein Dissertationsthema lautete „Das Problem der Kirchenentstehung in der deutschen protestantischen Theologie des 20. Jahrhunderts“. Bischof Friedrich Wetter holte ihn 1973 als Religionslehrer ans Kaiserdom-Gymnasium, 1979 nahm er ein Studium in Tübingen auf, 1982 fertigte er seine Habilitationsschrift mit dem Thema „Divinam christianae religionis originem probare“ (Den göttlichen Ursprung der christlichen Religion beweisen) an. Seit Oktober 1982 wohnt er in Speyer. Er war Dozent am Priesterseminar und zugleich Ausbildungsleiter der künftigen Pastoralreferenten. Sein Anspruch: „Die Lebensproblematik ins Lehrgebäude zu integrieren, mich bemühen, die Inhalte an den sich ständig ändernden gesellschaftlichen Verhältnissen zu überprüfen.“ Im Alter von 71 Jahren ging er in Pension. Was bleibt? Er überlegt lange: „Der frühe Verlust des Vaters und die Erkrankung der Mutter waren schwere Zeiten.“ Gezweifelt habe er dennoch nie: „Beim Auf und Ab jedes Lebens war der Glaube das Ziel, die Konstante.“ Es komme eh meist anders, als man es sich erhoffe. „Nach menschlichem Ermessen“ sieht Heinz die Zukunft der katholischen Kirche nicht in hellem Licht: „Sie wird zu einer großen Sekte schrumpfen, aus der Diaspora wirken und predigen. Wenn die Älteren, die noch die Gottesdienste besuchen, nicht mehr sind, verwaisen die Gotteshäuser.“ Nachdenklich stimmt ihn, „dass die Mehrzahl der heutigen Priesteranwärter der unbeweglichen Fraktion der Kirche angehören“. Ob Papst Franziskus – „er geht in den Fußstapfen von Jesu zu den Sündern, verzeiht, ist ein aufrechter Nachfolger Jesu“ – Reformen anstoßen kann, bezweifelt er: „In der Kurie hat er mächtige Beharrungs-Gegner.“ Wie findet man zu Gott? Heinz zitiert Karl Rahner, einer seiner Lehrer. Auf stürmischer See drohen zwei Boote zu kentern. Der Gläubige sagt sich: Du verlierst dein Leben, wenn du den anderen retten willst. Der Ungläubige wagt es: Er ist Mensch wie ich. Heinz sagt: „Gott kann man nicht finden, er erwählt, zeigt sich uns.“

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