Speyer Makellos klingende Schönheiten

Ein Himmel voller Geigen: Ernst Kaeshammer bei der Arbeit.
Ein Himmel voller Geigen: Ernst Kaeshammer bei der Arbeit.

Das Violin-Relief an der Außenfassade als kunstvoll gefertigtes Zunftzeichen lässt einen nicht fehlgehen: Hier, in der zentrumsnahen ruhigen Seitenstraße von Fußgönheim, logiert Ernst Kaeshammer, Geigenbauer aus Passion. Vor ziemlich genau 25 Jahren hat er sich diese Werkstatt bewusst fernab großstädtischer Umtriebigkeit auf dem Land eingerichtet und sich nach langem, teils mühsamem Weg fest etabliert innerhalb der Zunft des handwerklichen Geigenbaus.

Beim Betreten der Werkstatt umfängt den Besucher sogleich der Geruch von Holz, Harz und Leim. Und der „Himmel“ der mit Arbeitsmaterialien aller Art besiedelten, dabei so heimelig wirkenden Werkstatt hängt nicht nur sprichwörtlich voller Geigen. Wer Kaeshammers wunderbares Reich betritt, wird automatisch erst einmal innehalten. Und staunen. Es ist diese Aura von grundsolidem, zeitlosem wie zeitverschlingendem Handwerk, die sich so spürbar mitteilt; aber mit dem ästhetischen Augenschein auch sofort die Fantasie des inneren Ohrs beflügelt. Da springt Musik ins Auge! Geboren 1950 im Städtchen Oppenau im mittleren Schwarzwald hatte Kaeshammer nach der Volksschule zunächst eine Ausbildung zum technischen Zeichner absolviert, dann im Mannheimer Abendgymnasium das Abitur nachgeholt, eigentlich mit dem Wunsch Lehrer zu werden. Er hatte sich auf Trompete und Gitarre auch schon mal instrumental ausprobiert und dann – in eher zufälliger Begegnung mit einer Folk-Gruppe – eine Art Initialzündung erlebt. Als Kind habe er schon gerne mit Holz hantiert, geschnitzt und ausgesägt. „Nun kam da diese Gruppe, die vor allem mittelalterliche Stücke gespielt hat“, erzählt er. „Und da habe ich begonnen, Fideln zu bauen, später auch Lauten und Gitarren – hat großen Spaß gemacht.“ Er sagt das ganz schlicht, aber die Augen leuchten noch heute. Natürlich habe er auch mitmusiziert, sogar eigene Stücke geschrieben. Das alles als genialer Autodidakt, ein Begriff, der wie ein Ausrufezeichen hinter Kaeshammers Berufsbiografie prangt. Die Lehrerlaufbahn war rasch ad acta gelegt. 1980 richtete sich Kaeshammer in Mannheim die erste Werkstatt für Gitarren und Lauten ein. Der Weg zur beruflichen Anerkennung, ohne eigentliche Ausbildung, aber letztendlich mit der Meisterprüfung Geigenbau im Jahr 1994, gestaltete sich steinig, mühsam und mit vielen bürokratischen Barrieren. Aber das innere Feuer brannte, und so studierte er unablässig – und begab sich schließlich, über sieben Sommer hinweg, auf den „Gradus ad Parnassus“ der Geigenbaukunst und besuchte die Internationalen Meisterkurse des berühmten Geigenbauers Jürgen von Stietencron im italienischen Riva del Garda. Ermuntert durch das Urteil eines Spitzenmusikers vollzog sich schließlich der Wechsel vom Zupf- aufs Streichinstrument. „Ich hatte, einfach um das mal auszuprobieren, eine Geige gebaut.“ Die landete in Händen des ersten Geigers eines in den Nachkriegsjahrzehnten berühmten Ensembles, des Assmann-Quartetts, und dessen unzweideutiger Rat lautete: „Bauen Sie Streichinstrumente!“ Die Sommerkurse in Riva und deren intensive Nachbereitung, flankiert auch durch Geigenunterricht, mündeten letztendlich im Meisterbrief „Geigenbau“. Nach dem Prinzip Stradivari fertigt er seine Instrumente, verrät Kaeshammer, aber durch ganz eigene Kriterien modifiziert, zum Beispiel ein selbst entwickeltes strenges Proportionen-Konstrukt. Speziell diesen Bereich unterrichtet er auch seit Jahren am Institut im vogtländischen Marktneukirchen, der einzigen Fachschule in Deutschland mit einem achtsemestrigen Studiengang Geigenbau. Kaeshammers Geigen und Bratschen, an denen er jeweils mindestens drei Monate arbeitet und die etwa 15.000 Euro kosten, erklingen heute teils an prominenter Stätte, beispielsweise in der Staatskapelle Berlin, dem HR-Rundfunkorchester, der Oper Frankfurt oder dem Nationalorchester von Santiago de Chile. Auch Musikhochschulen – sogar die in Wien – zählen zu seinen Kunden. Vor dem Erwerb einer Geige gehen nicht selten Monate des Prüfens ins Land. Vertrauen ist da die unerlässliche Basis. Die Kaufinteressenten nehmen das Instrument mit, üben darauf, spielen Konzerte. „Ich hatte eine Musikerin aus Finnland, die über zwei Jahre hinweg quer alle nur möglichen Bratschen ausprobiert und letztlich dann doch meine erworben hat. Es muss einfach passen.“ Man versteht das ein bisschen besser, wenn man dem Meister zusieht; wie er sorgsam seine Lacke aus sechs verschiedenen Harzsorten in Ölen mischt, behutsam über die wunderschöne „Flammenmaserung“ des Geigenboden streicht, die F-Löcher sanft und mit traumwandlerischem Geschick ausfeilt; wenn man ihm zuhört beim Referieren über die fantastischen Eigenschaften des Hautleims; wenn man sich nicht zuletzt vergegenwärtigt, wie viel minuziöse Sorgfalt und liebevolle Detailbehandlung doch in den letztlich makellos klingenden Schönheiten steckt. So wurden Geigen schon vor Hunderten von Jahren von Hand gebaut, so wird es weitergehen. So wie bei Kaeshammer, der hat sich vorgenommen, noch mit 80 Jahren wunderbare Geigen zu bauen.

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