Speyer
Lingenfeld: Senioren erinnern sich an illegales Angeln und fremde Früchte
Ob legendäre Rahmschnitzel im Gasthaus „Zur Sonne“ oder illegales Angeln zu Kriegszeiten am Altrhein – beim gut besuchten Seniorenehrentag der Ortsgemeinde Lingenfeld im MGV-Sängerheim konnten Erinnerungen aufgefrischt werden. Liebevoll umsorgt von den Sängerfrauen sangen die Senioren – unterstützt von Hermann Josef Settelmeyer am Klavier – Weihnachtslieder und freuten sich über den Besuch der Kindergartenkinder.
Erna Bayer, 82 Jahre alt, denkt oft mit Wehmut an ihre Zeit als Wirtin des Gasthauses „Zur Sonne“ zurück: „35 Jahre lang hab’ ich es geführt, und so liebe Gäste haben wir gehabt – die allermeisten Stammgäste.“ Sie zeigt auf die Frauen um sie herum: „Meine Schwester Gerda und die Frauen hier haben geholfen. Zu viert waren wir.“ Also eine richtige Frauenwirtschaft? Das will sie nicht so stehen lassen: „Mein Mann war bei der BASF. So lange er gelebt hat, hat auch er mitgeholfen, und auch die Buben. Aber der Kern des Geschäfts, das waren wir.“
Die Frauen um sie herum bestätigen: Die Rahmschnitzel seien bis heute legendär. Und der Gewürzbraten! Und die guten Salatteller! Und die Dampfnudeln erst, mit Weinsoße! „Ich weiß nicht, wie viele Zentner Mehl ich zu Dampfnudeln verarbeitet habe“, meint Erna Bayer dazu. Die Lingenfelderin hatte das Wirtshaus 1965 von einer Cousine der Mutter übernommen und es geführt bis 1990. Die Kinder hatten kein Interesse, also musste es geschlossen werden. „Da flossen so manche Tränen, bei mir, aber auch bei den Stammgästen.“
Bayer gegenüber sitzt Edith Heinrich, 79 Jahre alt. „Es war halt früher alles viel persönlicher, man hat viel mehr miteinander geredet und war viel öfter auf der Straße“, erzählt sie. Dort habe sich ein großer Teil des Lebens abgespielt. „Was es Neues gab, wer gestorben ist – alles war auf der Straße zu hören. Heute gehen ja um acht Uhr am Abend schon die Bürgersteige hoch.“
Die Zeitung gehörte dazu
Als junges Mädchen habe sie mit anderen auf der Straße Ball gespielt, die Älteren hätten an der Straße zusammengesessen, gestrickt und die Neuigkeiten ausgetauscht. Seit ihrer Heirat liest Edith Heinrich die RHEINPFALZ: „Das gehörte einfach dazu.“ Erst die Todesanzeigen, dann den Spruch zum Tag und den „Kindermund“, dann den Rest – vor allem alles aus Lingenfeld.
Maria Wolf, 95 Jahre und mit klarem Erinnerungsvermögen, weiß sogar noch mehr aus den alten Zeiten. „Sie ist unsere Dorfchronik“, meint Edith Heinrich. „Es gab wenig zu essen, also waren alle angeln am Altrhein. Aber das war verboten“, erzählt Wolf von der Kriegszeit. „Wenn die Gendarmen aus Speyer kamen, gingen sie zuerst zu meinem Vater und bekamen dort eine Brotzeit. Derweil bin ich mit dem Fahrrad am Altrhein entlang gefahren und habe den illegalen Anglern zugerufen: ,Sie kommen, sie kommen!’ War die Brotzeit gegessen, waren alle Angler längst zu Hause.“
„Man hatte ja gar nichts“, erinnert sich Edith Heinrich. Als die Amerikaner nach dem Krieg kamen, hätten die den Kindern auch mal Schokolade geschenkt. Ich hatte noch nie Schokolade gesehen oder gar gegessen! Als ich mal eine Orange bekam, hab ich hineingebissen, ohne sie zu schälen. Ich wusste ja nicht, dass man die Schale abmachen muss.“