Speyer
Lindenstraßenzimmer im Technik-Museum
Fast 35 Jahre lang gehörte die sonntagabends in der ARD ausgestrahlte „Lindenstraße“ für viele Bundesbürger zu ihrem Leben, wie der Besuch bei Oma und Opa oder Onkel und Tante. Die Figuren in der von Hans W. Geißendörfer produzierten Serie zählten für manche Zuschauer fast zur eigenen Verwandtschaft. Einige Darsteller haben sich über die Jahre eine große Fangemeinde erspielt. Marie-Luise Marjan alias Helga Beimer, von der ersten Folge am 8. Dezember 1985 bis zur letzten am 29. März 2020 dabei, hat sich beim Publikum den Ehrentitel „Mutter der Nation“ erworben.
Ein herzhaftes Lachen erklingt im „Akropolis“. Es hört sich so an, als ob Helga Beimer dort mit ihren Liebsten ein Familienfest feiert. Was auch reines Kopfkino sein könnte, im zweiten „Lindenstraße“-Zimmer des Technik-Museums – nach der 2012 eröffneten „Wohnküche der Else Kling“ – erklingen auch tatsächlich Stimmen von Schauspielern aus der Serie. Sie kommen aus dem Lautsprecher eines Laserprojektors an der Zimmerdecke, der TV-Szenen, die im „Akropolis“ spielen, an die Rückwand der Bühne des griechischen Restaurants wirft.
Neue Videos
Die Gestaltung des ungefähr 60 Quadratmeter großen Raums maßgeblich mitbestimmt hat Michael Stiller, Exponatsverwalter beim Technik-Museum, zusammen mit den hauseigenen Schreinern Glenn Hull und Markus Grün. „Wir haben insgesamt drei Videos für unsere neue ,Lindenstraße’-Ausstellung produzieren lassen: einen Rundgang durch die beiden Produktionshallen in Köln mit allen Kulissen der Serie, ein ,Best of’ von Szenen im ,Café Bayer„ und ein ,Best of’ aus dem ,Akropolis’“, sagt Stiller. Der Besucher kann die Videos per Knopfdruck an einem Kästchen an der Bühne des Restaurants starten. Bildqualität und -größe sind beeindruckend. Der Ton ist klar, dynamisch und raumfüllend.
Betritt ein Museumsbesucher die Ausstellung in der ersten Etage des Wilhelmsbaus und es läuft gerade keiner der „exklusiv“ nur dort zu sehenden Clips, so Sprecherin Corinna Siegenthaler, wird seine Aufmerksamkeit von der Kuchentheke des „Café Bayer“ gefesselt. In dunkelbraunem Furnier stehen Sahnetorten- und -törtchen, als ob sie auf Kunden warteten. Wenn Andrea Spatzek alias Gabi Zenker in den Verkaufsraum käme und fragen würde, was es sein darf, es würde einen nicht wundern. Gut bekommen würden einem die Konditoreiwaren allerdings nicht, sind sie doch wie beim Fernsehen üblich aus Kunststoff. Platz zu nehmen auf einem der Stühle am Café-Tisch – das ist allerdings ausdrücklich erlaubt, wie Stiller betont.
Münchner Straße in Köln
Wer sich dort niedergelassen hat, der ist nicht weit entfernt vom stilisierten Fenster des „Café Bayer“. Eine großformatige Fotografie vermittelt dem Betrachter den Eindruck, er sehe die fiktive „Lindenstraße“ in München, die tatsächlich als Außenkulisse am Produktionsort Köln aufgebaut war. Für Fans der Kult-Serie ist dieser Platz in der Ausstellung wahrscheinlich ein favorisierter „Fotopoint“, wie es Sprecherin Siegenthaler formuliert. Sie unterstreicht, dass die Begehbarkeit der Kulissen ein großer Unterschied im Vergleich mit der benachbarten „Wohnküche der Else Kling“ ist; denn die ist hinter einer mehr als mannshohen Plexiglasscheibe aufgebaut. Dort sind auch Traversen mit Scheinwerfern zu sehen, wie es in einem Fernsehstudio üblich ist.
„Wir haben beim ,Café Bayer’ und beim ,Akropolis’ keine Produktionstechnik aufgebaut“, teilt Stiller mit. So hat der Besucher den Eindruck in einem realen Café und einem ebensolchen Restaurant zu stehen. Wobei der Übergang von einer Kulisse zur anderen in dem großen Raum fließend ist – so ist die Theke des „Akropolis“ mit ihren vier Barhockern keine fünf Meter vom Tisch im „Café Bayer“ entfernt. „Die Gebrauchsspuren an der Kuchen- und an der Restauranttheke haben wir bewusst belassen. Es wirkt so einfach authentischer“, sagt Stiller.
Ganze Arbeit geleistet
Seitdem die „Lindenstraße“-Kulissen im Januar 2020, also etwa drei Monate vor der Ausstrahlung der 1758sten und letzten Folge, in Speyer ankamen, haben die Schreiner Glenn Hull und Markus Grün beim Wiederaufbau ganze Arbeit geleistet. Sie hatten ebenso wie Stiller, Siegenthaler und Museumsleiter Andreas Hemmer die Sets in den Kölner Produktionshallen genau studiert. Nun seien nur noch wenige Restarbeiten zu erledigen wie der Einbau einer Glasscheibe und einer Beleuchtung bei der Kuchentheke, sagt der Exponatsverwalter.
„Wäre die Corona-Pandemie nicht dazwischengekommen, dann hätten wir die neue Ausstellung schon am 8. Dezember mit Schauspielern als Ehrengästen eröffnet“, erinnert Siegenthaler. Auf das Datum fiel der 35. Jahrestag der Erstausstrahlung der Serie. Beinahe hätte Plan B funktioniert: die Eröffnung am 29. März, dem ersten Jahrestag des Serienendes. Doch die dritte Corona-Welle lässt das leider nicht zu.
Plan C
Plan C ist nun eine Veranstaltung mit Promis und Fans im Sommer oder Herbst – sobald es die Corona-Lage eben erlaubt, wie Siegenthaler ankündigt. Marie-Luise Marjan, die sich dem Museum sehr verbunden fühle, habe ihre Teilnahmebereitschaft schon erklärt. Auch vor der offiziellen Eröffnung, so die Sprecherin, dürften die Fans in die neue Ausstellung. Einzige Voraussetzung: Das derzeit geschlossene Museum kann wegen deutlich gesunkener Infektionszahlen in der Stadt seine Türen wieder aufsperren.