Speyer Lieder von der Liste

Immer ein Erfolg beim Speyerer „Kulturbeutel“-Festival: Der Lothringer Liedermacher Marcel Adam hat am Sonntagabend einmal mehr für einen voll besetzten Alten Stadtsaal gesorgt.
Nein, er hört nicht auf, wie im Vorfeld von Adams Auftritt gerüchteweise zu hören gewesen war. „Er hat noch etliche Jahre bis zur Rente“, erklärte Festivalleiter Matthias Folz vom Kinder- und Jugendtheater, der das Gerücht aufgriff und als Falschmeldung entlarvte.
Marcel Adam wirkte auch keineswegs publikumsmüde. Eine „Liederlotterie“ hatte er vorbereitet: 62 Stücke seines Repertoires hatten Nummern bekommen, und die Zuschauer durften wählen. Eine eigens zur Hüterin der Liste ernannte „Lottofee“ in der ersten Reihe gab jeweils den Titel zur Nummer bekannt, und Adam sang.
Natürlich nicht einfach so: Erst gab’s ein bisschen heiteres Nörgeln, warum gerade den, bei dem bleibe er immer im Text hängen, oder der sei schwierig zu spielen. 62 Lieder hieß aber auch: 62 gesungene Geschichten und Geschichten zur Entstehung des Liedes. Für alle hätte der Abend nicht gereicht, aber immerhin 16 waren es. Dazu das unverzichtbare Schlusslied „Von guten Mächten“ und vier vom Beifall geforderte und von den Zuschauern leise mitgesungene oder -gesummte Zugaben.
Ansonsten ging es quer durch die lothringische, deutsche und französische Sprache. Zu selbst geschriebenen Liedern kamen Chansons anderer mit persönlicher Bedeutung – etwa „La Foule“ von Edith Piaf, ständig gehört als romantischer Jugendlicher während einer Krankheit und heute mit eigenen lothringischen Strophen kräftig karikiert.
Dörfliche Kindheitserinnerungen schildert „De Babbe isch vum Dach geschprung“ und „Es Onna uf de Bank“, zärtliches Gedenken an die Oma. „Judith und ihre blinde Wut“ ist ein böses Lied über eine geschlagene Frau, ihren Macho-Mann, dessen Mutter, für die der Sohn nichts und Judith alles falsch macht, sowie einen Blinden im Nebenhaus, der allzu gut hört.
„Die Mamme hat die Arbeit, de Babbe es Geld“ widmet sich starken Frauen, und mit der „Krummen Lanke“ zeigt Marcel Adam, dass er berlinerisch kann – mit einzigartigem Akzent. „Donna Gabriela“ ist wieder ein Lied über eine starke Frau, über die er viel zu singen weiß. Adams Auftritte sind stets ein Dialog, ja eine kleine Liebesaffäre mit dem Publikum. Am Ende ist man heiter und wie getröstet über die Unbill des Alltags.