Speyer
Lieder für schwierige Tage in „Ulis Wohnzimmer“
„Gute Momente in schwierigen Zeiten“ ist der Titel eines Programmes, mit dem Lukas Meister in den letzten Monaten durch die Kleinkunstbühnen der Republik tingelte. Dieses Motto hätte auch gut zur aktuellen Ausgabe von „Ulis Wohnzimmer“ im Philipp eins gepasst, zu der Gastgeber Uli Zehfuß einmal mehr den Teppich ausgerollt hatte.
Rosa Hoelger aus Eberswalde, Lukas Meister aus Berlin und natürlich auch der Gastgeber selbst präsentierten wieder einmal sehr unterschiedliche Stilrichtungen ihrer Liedermacherzunft. Und ein gut gelauntes Publikum freute sich über nachdenkliche, aber auch viele lustige Momente in der beliebten Liedermachershow. Denn die Zeiten sind in der Tat schwierig.
Skurriles aus der Google-Welt
Auch deshalb erinnerte Zehfuß an die politisch angeheizte Situation einer wichtigen Bundestagswahl und den Trump’schen Aktionismus, der gerade die Werteordnung der westlichen Welt zu erschüttern droht. Darauf Bezug nehmend startete der Gastgeber mit politischen Liedern über das frühe Zusammenleben der Menschheit im „Kommunismus“ und eine den Himmel verdunkelnde „schwarze Sonne“ ins abendfüllende Programm.
Der aus Berlin angereiste Lukas Meister, ein Multiinstrumentalist an Gitarre, Klavier und Mundharmonika, lockerte mit seinem trockenem Humor und perfekt dosierten Anekdoten das Programm schnell auf. Mit seiner lässigen Art und optimistischem Trotz verstand er es, schon im ersten Beitrag das Publikum für sich einzunehmen. Im Zug nach Speyer mit der Deutschen Bahn hatte er sich auf dem Mobiltelefon in die Google-Bewertungen der Domstadt und ihrer Sehenswürdigkeiten eingelesen. Auf der Bühne im Philipp eins präsentierte er dann Kostproben aus diesen in weiten Teilen skurrilen und völlig sinnbefreiten Kommentaren im Netz. Herzhafte Lacher im Publikum waren ihm sicher.
Entlarvte Sprüche
Humor und Melancholie vereinigen sich auf sehr überzeugende Weise in den Liedern von Meister und vermittelten eine erfrischend unorthodoxe Sicht auf die Dinge, zum Beispiel in dem Song „Unrealistische Erwartungen“, der die eigene Einschätzung von Konfliktsituationen relativiert und um Verständnis für die Position des jeweils anderen wirbt.
In „Fragen über Fragen“ wird mit viel Wortakrobatik auch kräftig über die Zusammenhänge von Sprache und Denken gewitzelt. „Warum spricht man vom Hundeblick und nicht vom Schlabber-Look?“ oder „Ich habe geschlafen wie ein Baby – das können nur Leute von sich geben, die noch nie eins hatten“, entlarvt Meister sprichwörtliche Wendungen, die wir alle kennen, und verweist damit auf die Sinnlosigkeit gängiger Sprüche.
Lakonisches Stimmwunder
„Unsere Sprache ist ein seltsames Konstrukt,“ sagt er, und präsentiert dem Publikum perfekt dosierte Anekdoten, die aus dem eigenen Erfahrungskosmos abgeleitet werden. Wunderbar witzig und skurril gerät die Geschichte von einem unfreiwilligen Aufenthalt am Bahnhof von Angermünde. Mit dem Song „Es gibt keine Vampire in Angermünde“ wird endgültig klar, dass für Meister Humor tatsächlich die einzig probate Kompensationsstrategie für den ganzen Wahnsinn ist, der gerade in der Welt passiert.
Einen völlig anderen, lakonischen Tonfall brachte dann schließlich Rosa Hoelger ins Philipp eins. Seit 2015 steht die junge Sängerin mit ihren Songs regelmäßig auf Kleinkunstbühnen. Sie gilt als vielversprechendes Talent in der deutschen Liedermacherszene und überraschte in Speyer mit einer großen Bandbreite an stimmlichen Möglichkeiten. Das ging von beatigem Sprechgesang über kehliges Raunen bis hin zu verträumten Melodien oder auch punkigen Songs wie „23 Wow“ oder „Sterne sehen“.
Ihre eindringliche Stimme und die feinfühligen poetischen Texte erweckten eine verträumte Atmosphäre im Publikum. Treffend konnte sie damit über das Verlieben und Trennen singen („Birnen“) oder auch eine Dorfidylle in Brandenburg umreißen („Winter in Spechte“).
Vereint unterm grünen Kaktus
Die Menschen im Saal waren allesamt entzückt und stimmten schließlich fürs gemeinsame Finale der Liedermachershow in den wohl berühmtesten Song der Comedian Harmonists ein, in das Lied „Mein kleiner grüner Kaktus“.
Am 16. Mai 2025 wird Uli Zehfuß sein Wohnzimmer im Philipp eins erneut öffnen. Mit Simone Stahl und Sven Garecht kann er dann zwei weitere interessante Gäste aus der großen deutschen Liederszene in Speyer begrüßen.