Speyer
Lesung von Eva Menasse: Schöner Abschluss von „SpeyerLit“
Entspannt betritt Eva Menasse den Historischen Ratssaal der Stadt. Die Strapazen der vergangenen Stunden sind ihr nicht anzumerken. Gleich lässt sie die zahlreichen Besucher daran teilnehmen, als sie von ihrer Fahrt in komplett überfüllten Regionalzügen von Luxemburg nach Speyer berichtet. Das System der Deutschen Bahn überzeuge nicht, sagt Menasse. „In Österreich und der Schweiz funktioniert das mit den Zügen.“ Dann versagt die Technik im Veranstaltungsraum, für die Autorin ein weiterer Stress-Moment, den der Speyerer Kulturchef Matthias Nowack schnell behebt.
Roman über ein reales Massaker
Jetzt kann es losgehen mit der literarischen Reise ins Burgenland zu einem Massaker, das wirklich stattgefunden hat, und dem Umgang der Bevölkerung damit. Es geht im Roman um Grenzen, Zeit, Verarbeitung in einer fiktiven Kleinstadt, den Menasse Dunkelblum nennt. „Schriftsteller brauchen Namenslisten“, erklärt sie. Auf ihrer habe Dunkelblum, nach Auskunft der Autorin ein alter jüdischer Familienname, ganz oben gestanden.
Literaturwissenschaftlerin Christine Schuck moderiert den „SpeyerLit“-Abschlussabend. Sie und das Publikum lässt Menasse wissen, dass ihr Buch keine Hauptfigur hat und auch keine benötigt „für das beredte Schweigen“ im Spätsommer 1989 über das, was in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs geschehen ist. Was in der österreichischen Sprachmelodie der Autorin so behaglich erscheint, kann den Schrecken des realen Massakers nicht schmälern, das sich im fiktiven Dunkelblum ereignet hat. „Bis zu 400 Menschen wurden in zwei Nächten umgebracht“, berichtet die 52-Jährige von Recherche-Ergebnissen. Ihre Muttersprache erklärt sie so: „Österreicher sitzen auf Vokalen wie auf breiten Sofas.“
Schöne Worte vor einer schrecklichen Kulisse
Als Thema für ihre Diplomarbeit habe sie den „Historischen Roman“ gewählt und sei als 26-Jährige zu der Erkenntnis gelangt: „Der historische Roman ist überholt.“ Fast 30 Jahre später widerlegt „Dunkelblum“ diese These nachdrücklich. Menasses jüngstes Buch ist indes nicht in das Typische des Genres einzureihen, weder in der Sprache noch im Ansatz. Die Autorin beschreibt menschliche Auswirkungen des Grauens, ohne die Täter zu benennen oder ihnen einen Platz in ihrer Literatur zu erlauben. Menasse findet schöne, poetische Worte vor einer schrecklichen Kulisse. Der von duftenden blühenden Rosen und Bäumen voller Mirabellen und Zwetschgen möblierte Garten einer Villa wird nahbar. Wenige Zeilen später ist der Park zerstört, die Achsen sind um 180 Grad gedreht, die Welt nicht mehr so schön wie ein paar Buchseiten zuvor. Liebevoll, manchmal humoristisch lässt Menasse Dunkelblumer in den Roman, gibt ihnen Charakter, Stärken und Schwächen, Mut oder Feigheit.
Auslöser für den Roman sei Martin Pollacks Buch „Kontaminierte Landschaften“ gewesen, ist Menasse überzeugt und empfiehlt die Literatur des österreichischen Journalisten und Schriftstellers wärmstens. Auch Menasse hat nach ihrem Geschichts- und Germanistik-Studium für deutsche und österreichische Zeitungen gearbeitet. Ihre Autoren-Laufbahn begann mit Reportagen über den Prozess um den Holocaust-Leugner David Irving.
In Dunkelblum gibt es den Geflickten, den aufgeweckten Karli, viel Scham und Angst. Mit Humor, Haltung und Sprachfülle macht Menasse Lust aufs Lesen. Von ihrem Vater, dem früheren österreichischen Fußball-Nationalspieler Hans Menasse, habe sie gelernt, „beim Denken zu schielen“, erklärt die Autorin ihre Humor-Definition. „Das ist nicht das Ende der Geschichte“, kündigt sie weitere Bücher aus ihrer Feder an.