Speyer
Lesung mit Thomas Melle
In Leseproben und im Gespräch haben die Besucher im gut besetzten Alten Stadtsaal viel über bipolare Störungen erfahren, eine Krankheit, unter der Melle selbst leidet.
Der Autor wirkt sympathisch, klug, humorvoll, geradezu entspannt, wenn er mit Moderator Björn Hayer über die neuerliche Manie spricht, in die er mehr als zwei Jahre geraten ist. Nach seinen eindrucksvollen Schilderungen der Auswirkungen war es eine Zeit, die Spuren hinterlassen hat, Eine Zeit, die noch nicht lange zurückliegt. Er habe sich von Sinnlosigkeit umzingelt gefühlt, beschreibt Melle den Zustand, in dem er wieder gefangen war. „Fast bin ich der Protagonist“, sagt er. Manchmal sei das Leben so schrecklich, dass nur noch das Schreiben bleibe, erklärt der Autor seinen und den Ausweg seines Ich-Erzählers in die Literatur.
Mit angenehmer Stimme dringt Melle ins Innere der Zuhörer. „Haus zur Sonne“ ist wahrlich kein Trostbuch. Absurde Situationen tun sich auf, als sich der Protagonist in die kommerziell betriebene staatliche Einrichtung begibt, die ein paar letzte schöne Wochen verspricht und am Ende einen Suizid nach Maß. Für Melles Alter Ego also genau das Richtige. Mit aller Kraft hat er sich gegen die Krankheit gestemmt und doch wieder verloren. Melle bezeichnet Depression als große Ereignislosigkeit. Jeder Gang kostet Überwindung. Tiefste Sprachlosigkeit sei die „vollkommene Katastrophe“.
Der Autor weiß, wovon er spricht, wenn depressive und manische Phasen Freundschaften zerstören, wenn alles Bunte in unendlichem Grau versinkt, Mittellosigkeit einkehrt und Krankenhausaufenthalte zum Alltag gehören. Todessehnsucht ist Teil der Krankheit, um die es im Roman und im Kopf des Autors geht. „Lebenstrotz“ nennt er das, was sein Protagonist entwickelt, was ihn davon abhält, einen Pakt mit dem begleiteten „humanen“ Freitod einzugehen.
„Sterbehilfe sollte gelockert werden“, sagt Melle dennoch, um gleich darauf das Leben, auch sein Weiterleben mit seiner Schönheit, seinen Möglichkeiten zu preisen. Freiheit sei ein zentraler Wert, betont der Autor. und fügt hinzu: „Geteilter Schmerz kann Verbundenheit schaffen.“ Das Absurde auszuhalten und Sinn darin zu finden ist für Melle ein erstrebenswertes Ziel. Der Ich-Erzähler sieht helle Farben, im Blau des Himmels löst er sich glücklich auf. Ein Traum oder doch Simulation? Die Leser von „Haus zur Sonne“ werden es erfahren.
Eigentlich habe er einen „dreckigen“ Roman geschrieben, meint Melle. Mit der Bestandsaufnahme steht er im Alten Stadtsaal alleine. Sprachlich großartig, atmosphärisch atemberaubend schreibt der Autor von Tabuisierung und Stigmatisierung, wenn es um die „Volkskrankheit Depression“, geht. Er liest zurückgenommen und dennoch mitreißend, fängt weit vorne im Buch an und endet mit ein paar letzten Sätzen aus dem hinteren Teil des Romans. Er sei inzwischen – auch für ihn überraschend – 50, gibt er preis. Auch wenn er sich nicht zurück auf die Scholle wünsche, sehe er einen Widerspruch zwischen technischer Entwicklung und Menschsein, erklärt Melle manche Zurückhaltung, was mediale Errungenschaften betrifft. Zwischen Genie und Wahnsinn erkennt er keinen Zusammenhang.
Obwohl im Bereich des Privaten äußerst zurückhaltend, erzählt Melle dem Publikum von seiner „prekären, teilweise gewalttätigen“ Kindheit, die er in Bonn verbracht hat.
Das nächste Buch des erfolgreichen Autors wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Rund 200 Seiten über das kranke Ich und die Gesellschaft seien bereits geschrieben, sagt Melle. Er fühle sich noch immer ausgeschlossen, betont er. Bei der Lesung in der Veranstaltungsreihe Speyer.Lit war er es nicht. Wie schon gesagt: „Geteilter Schmerz kann Verbundenheit schaffen.“