Speyer Lebenshilfe entschuldigt sich öffentlich
Vier Mitarbeiter der Lebenshilfe Speyer-Schifferstadt müssen seit gestern der Einrichtung fernbleiben. Das teilte der Vorsitzende, Gerhard Wissmann, gestern auf RHEINPFALZ-Anfrage mit. Damit zieht die Einrichtung Konsequenzen aus dem am Montagabend gezeigten RTL-Fernsehbericht über Mitarbeiter, die für eine Speyerer Wohngruppe für gehandicapte Senioren zuständig sind. Darin erhebt die Reporterin Caro Lobig vom „Team Wallraff“ den Vorwurf, die Mitarbeiter hätten die Bewohner schikaniert und respektlos behandelt (wir berichteten).
„Erst werden wir die betroffenen Mitarbeiter heute Mittag in einem Gespräch anhören und anschließend freistellen“, erläuterte Wissmann gestern Morgen das vorgegebene Prozedere. Anschließend beginne der arbeitsrechtliche Prozess. Die Lebenshilfe hatte morgens im Hinblick auf den Fernsehbericht in einer Presseerklärung mitgeteilt: „Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die wie hier gezeigt, lieblos mit hilfebedürftigen Menschen umgehen, die glauben, dass strafende Maßnahmen die richtige Antwort für ein angebliches Fehlverhalten geistig behinderter Menschen sind, haben keinen Platz in der Lebenshilfe.“ Die Einrichtung entschuldigte sich bei den Betroffenen, deren Eltern und Angehörigen. „Viele von ihnen haben sich bestürzt gezeigt“, sagte Wissmann. Der Vorsitzende der Lebenshilfe betonte im RHEINPFALZ-Gespräch, man habe immer Kollegen angewiesen, sich bei Missständen einzumischen. „Das Schlimmste ist, dass jetzt alle Mitarbeiter in den Dreck gezogen werden.“ Insgesamt arbeiten 140 Menschen bei der Lebenshilfe. Elf waren für die Wohngruppe zuständig, die in dem Filmbeitrag gezeigt wurde. Nach der Sendung schlug der Lebenshilfe eine Welle der Empörung entgegen. Das Polizeipräsidium Rheinpfalz teilte gestern im Hinblick auf die Standorte Speyer und Schifferstadt mit: „Bei beiden Einrichtungen gingen E-Mails und Anrufe ein, die die Mitarbeiter verängstigt haben. Wir werden entsprechend der Lage auch in der Folge reagieren.“ Bedeutet: Die Polizei fährt dort seit Montagabend regelmäßig Streife. Das Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung (LSJV) in Mainz ist für die Kontrolle der Einrichtung durch die Beratungs- und Prüfbehörde nach dem Landesgesetz über Wohnformen und Teilhabe in Landau zuständig. Detlef Placzek, Präsident des Landesamts, teilte gestern auf RHEINPFALZ-Anfrage mit: „Wir sind bestürzt über die gezeigten Bilder und setzen alles daran, die Sachverhalte aufzuklären.“ Erst durch den gestrigen Filmbeitrag hätten die Personen von der Einrichtung identifiziert werden können. Wie berichtet, hatte das Reporter-„Team Wallraff“ am 18. Januar der Lebenshilfe Speyer-Schifferstadt in einem Schreiben mitgeteilt, dass Lobig getarnt als Praktikantin im Sommer 2016 dort gearbeitet hatte. Das Landesamt teilt mit, dass die Lebenshilfe am 19. Januar die Prüfbehörde eingeschaltet habe. Wie berichtet, gab es am 20. Januar Gespräche zwischen der Behörde und der Lebenshilfe. „Bei einer unangemeldeten Begehung wurde ein Maßnahmenplan vorgelegt, der unter anderem strukturelle Änderungen des Gesamtkonzepts, Mitarbeiterschulungen und die Erarbeitung von Leitlinien im Bereich Gewalt, Gewaltprävention, (sexuelle) Grenzverletzung und eine Anpassung des Beschwerdemanagements vorsieht“, so das Landesamt. Seitdem habe es mehrere Prüf- und Beratungsgespräche gegeben. Die Lebenshilfe werde intensiv und engmaschig begleitet, die Umsetzung der Maßnahmen geprüft. Das LSJV teilte zudem mit: „Im Rahmen der aktuellen Vorwürfe ist dem Landesamt bekannt geworden, dass es im vergangenen Jahr Unstimmigkeiten unter dem Personal gegeben haben soll mit Vorwürfen gegen einen Mitarbeiter der Einrichtung. Dem LSJV sind keine Vorfälle bekannt, welche zum unmittelbaren Handeln gegenüber der Einrichtung geführt haben.“ Der Speyerer Bernd Reuschenbach ist Professor im Fachbereich Pflege und leitet diesen an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München. Er kritisiert: „Die Situation verbessert sich nicht durch den Fernsehbericht. Die Pflege erhält ein negatives Image, die Prüfbehörde macht Druck, für die Pfleger ist die Situation nicht einfach und die Bewohner leiden.“ Seiner Ansicht nach ist gegenseitige Kontrolle im Kollegenkreis zielführend. Auch Supervision könne helfen, dass solche Situationen erst gar nicht entstehen. „Ich glaube, dass es solche Fälle auch in anderen Einrichtungen gibt, glaube aber nicht, dass sie in dieser Breite auftreten, wie es der Film suggeriert“, so Reuschenbach. Südwest